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Frida Kahlo: Fridas Kleider Ein Defilé der weichen und harten Stofflichkeit

17.07.2009 ·  Nach fünfzig Jahren steht das Ankleidezimmer Frida Kahlos in Mexiko erstmals offen. Die farbenprächtigen, folkoristischen Kleider, die sich bis heute mit ihrem Bild und ihrer Kunst verknüpfen, waren für sie viel mehr als Ausdrucksmittel ihrer Persönlichkeit.

Von Rose-Maria Gropp
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Keine andere Künstlerin hat es jemals verstanden, ihre Leiden in ihrem Schaffen derartig auszustellen und gleichzeitig in ihrer Kleidung zu verbergen. So raffiniert zu kaschieren nämlich, dass gerade in den Verhüllungen und Maskeraden die Schmerzen wieder durchscheinen, der gequälte Leib im Schmuck einer selbst erschaffenen Pracht aufscheint: das ist Frida Kahlos Vermächtnis. Es besteht nicht nur aus ihren Gemälden, sondern auch aus der Zurschaustellung ihrer selbst, festgehalten auf unzähligen Fotografien, für die sie sich immer wieder zubereitet hat. Auf diese Art hat sie versucht, ihrem von einer Kinderlähmung und einem Unfall zerstückelten Körper eine nur ihr gehörige Anmut abzuringen. Sie hat ihn geschmückt mit Gewändern und Ketten, mit Spitzen und Fetischen, mit Schals und Bändern. Sie trotzte ihm – wenn schon nicht das gelebte Glück, so doch die ganze Macht einer Ikone des zwanzigsten Jahrhunderts ab.

Fünfzig Jahre verschlossen

Nach Frida Kahlos Tod am 13. Juli 1954 verfügte ihr Mann, der Maler Diego Rivera, dass ihr Bade- und Ankleidezimmer in der „Casa Azul“ fünfzig Jahre lang verschlossen bleiben sollten. Kahlo und Rivera hatten das „Blaue Haus“ in Coyoacán, einem Viertel im Süden von Mexico City, gemeinsam bewohnt, heute ist es ein ihr gewidmetes Museum. Die „Casa Azul“ war Kahlos Elternhaus, in dem sie am 6. Juli 1907 geboren wurde, und dort starb sie auch. Die sorgfältigen Bewahrer ihres Erbes hielten sich an Riveras Wunsch, und erst im April 2004 wurde die Tür zu den Räumen entriegelt, wurden jene Schätze geborgen, die in dem wunderschönen Band „Fridas Kleider“ zu betrachten sind. Denise und Magdalena Rosenzweig, die dann als Restauratorinnen Fridas Garderobe betreuten, schildern den reichen Inhalt des kleinen Kleiderschranks im winzigen Bad: „. . . kurze und lange Röcke in schönen Farben mit kompliziertem Spitzenbesatz; huipiles mit phantastischen Stickereien; chinesische und indianische, von Tehuanas bestickte Stoffe; quexquémitls und hipiles; Alltagskleidung; gestrickte Taschen aus Wolle, Baumwolle und Seide; morrales (Tragebeutel) mit einer einzelnen Socke für Fridas noch vorhandenen Fuß; Nachthemden aus dem A.B.C.-Hospital; Farben und Pinsel, die sie bei ihren langen Krankenhausaufenthalten dabeihatte...“

Die Frida in der Tracht der „Tehuana“, der Frau vom Isthmus zwischen dem Golf von Mexiko und dem Pazifik, erlangte Berühmtheit, darin demonstriert sie, die linke nationalistische Aktivistin, ihre „Mexicanidad“ – in den Huipiles und Hipiles, den Überwürfen und Kleidern der Maya-Frauen, oder den Rebozos, den langen bunten Schals. Aber das Buch ist keineswegs nur Augenfutter für die Kahlo-Gemeinde: In einem umfangreichen Essay erläutert die amerikanische Anthropologin Marta Turok Ursprung und Bedeutung von Kahlos ethnischen Trachten, die ihren so delikaten Stil ausgemacht haben, in der eigenwilligen Mixtur von indianischen mit westlichen oder auch chinesischen Elementen. Diese Mischung macht sie, auch dies, zu einer frühen Leitfigur im fortwährenden Prozess der Anerkennung des Fremden.

Unsentimentale Bilder

Der Band – ein Glossar erklärt die fremden Begriffe – ist mehr als ein farbenprächtiges Panoptikum. Es ist ein Defilee der weichen und harten Stofflichkeit, in der ein zerbrochener Körper Halt suchte, schönheitssüchtig noch im Absterben, bis in den Tod. Fridas Kleider sind ihre Gefährten im Kampf gegen die Ermattung, in die sie unablässige Schmerzen und zahllose Operationen, Lebens- und Liebesleid, Exaltation und Drogenabhängigkeit endlich trieben. An den Anfang sind unter dem Titel „Spuren von Frida“ fünf Fotografien von Graciela Iturbide gestellt, die nichts weniger als pathetisch sind. Auf der ersten von ihnen steht in einem azurfarben angestrichenen Becken eine Beinprothese, die mit einer ledernen Manschette am Oberschenkel zu befestigen ist; kurz vor ihrem Tod musste Frida Kahlo der rechte Fuß abgenommen werden, weil er vom Wundbrand zerfressen war. Die Prothese steckt in einem leuchtend roten, mit chinesischen Motiven bestickten Stiefelchen, Glöckchen hängen an den Riemen. Als wär’s eine dieser silberblechernen Votivgaben unbeirrbarer Frömmigkeit, Gestalt geworden, jedoch in vergeblichem Hoffen.

Dieses starke unsentimentale Bild kann durch das Buch begleiten als ein Leitmotiv für all die lichtdurchströmten klaren Fotos von Pablo Aguinaco, die Fridas Kleider vorführen. Immer wieder sind sie den bekannten Aufnahmen gegenübergestellt, auf denen die lebendige Frida atmet und raucht, posiert und arbeitet, in ihre Stützapparate und ihr Bett gesperrt oder in stolzer Freiheit. Wer Kahlos künstlerisches Universum kennt, dem begegnen ständig seine Farben und Muster, die Drapagen und Faltenwürfe, wie sie auf ihren Selbstporträts als malerische Elemente um ihre Gestalt herum leuchten: eine Heroine, nah einer Märtyrerin in ihrem Halo oder in ihrer Mandorla.

„Fridas Kleider“. Aus dem Museo Frida Kahlo, Mexico City. Schirmer/Mosel Verlag, München 2009. 189 S., zahlr. Abb., geb., 49,90 €.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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