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Frau Welt liebt sich

Die Großmutter frißt ihren Enkel: Irène Némirovskys früher Roman

Wär er nur die Erzählung von einer Frau, die ihre außergewöhnliche Schönheit gegen Alter und Verfall verteidigt; wären ihre Abschiede von den vielen Liebhabern nichts als die rührenden Szenen, in denen seelentiefe Blicke getauscht und Handküsse gehaucht werden - so wäre Irène Némirovskys "Jesabel" ein Nachttischbuch für Leserinnen, die sich im zwanzigsten Jahrhundert noch das Bewußtsein des neunzehnten leisten. Auch solche Leserinnen, falls es sie noch geben sollte, würden am Morgen erwachen wie Gladys Eysenach, die Heldin: "Wie gewöhnlich, noch bevor sie die Augen geöffnet hatte, suchte ihre Hand mechanisch nach dem Spiegel. Seit sie eine Frau war, war dies beim Erwachen ihre erste Regung, ihr erster Gedanke. Lange liebkoste sie mit dem Blick ihr Gesicht."

Eine Frau von solch obsessiver Selbstliebe setzt natürlich alles daran, geliebt zu werden, und es gelingt ihr tatsächlich bis ins Alter von weit über fünfzig Jahren: "Er wurde nicht müde", heißt es von ihrem ersten Gatten, "ihr zuzusehen, wie sie sich ankleidete, lange zwischen zwei Schmuckstücken wählte, sich in ihrem Spiegel betrachtete." Richard Eysenach ist das männliche Pendant zu seiner Gemahlin, ein eiskalter Geschäftsmann mit allen Tugenden, die man braucht, um eine verwöhnte Frau zu ernähren: "Er war hart und ehrgeizig, vom Umgang mit der Macht und der Liebe zu ihr geprägt und nur bei Gladys schwach und wehrlos. Genau das liebte und reizte sie; ständig mußte sie sich ihre Macht über die Männer beweisen."

Sind Männer die Objekte dieser Femme fatale, so wird ihr alles, was sie nicht zu zwingen vermag, zum Gegner. Ihr gefährlichster Feind ist die Jugend, die Tochter vor allem, die ihr noch dazu einen jungen Mann vorstellt, den sie heiraten will und von dem sie, als er im Krieg stirbt, ein uneheliches Kind erwartet. Damit bringt sie die Mutter in die Verlegenheit, durch Anreden wie "Schwiegermutter" oder "Großmutter" ihr Alter anerkennen zu müssen. "Wenn ich das Wort ,Großmutter' aus deinem Mund hören werde und ich, ich damit gemeint bin, ich glaube, dann werde ich mich umbringen", bekennt sie der Tochter. Als Jahre nach dem Tod dieser Tochter der von Gladys lange verleugnete Enkel endlich auftaucht und Recht und Anerkennung fordert, indem er sich geradezu in der Anrede "Großmutter" badet, erträgt Gladys die Schmach, alt geworden zu sein, nicht und erschießt den Quälgeist.

Sollte ein Roman, in dem alle Figuren Staffagen sind, Inkarnationen der Schönheit, des Alters, der Männlichkeit, des Erfolgs, der Rache, der siegenden Gerechtigkeit von jener Autorin sein, deren unvollendetes Manuskript "Suite française" vor einem Jahr von der Kritik als episches Meisterwerk von der Monumentalität eines Tolstoi gefeiert wurde? In diesem Fragment eines auf fünf Bände geplanten Romans, von denen nur zwei vorliegen, schildert die jüdische Autorin die Okkupation Frankreichs durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg und den Zusammenbruch ihres Landes. "Suite française" aber ist kein dokumentarisches Werk, das nur geschichtliche Fakten illustriert. Die Hölle des Krieges und das Idyll des Alltagslebens, der Bombeneinschlag und die Katze auf dem Dach, die ihn bestaunt, das große Chaos und das kleine Glück, das sich darin hält - dies alles verschmilzt zu einem romanhaften Erlebnisbericht.

Némirovsky wurde dafür postum mit dem "Prix Renaudot", dem neben dem "Goncourt" ehrendsten Literaturpreis Frankreichs, ausgezeichnet. Die Fragmente des Romans waren von den Töchtern in Sicherheit gebracht worden, als die Jüdin 1942 deportiert wurde und im Konzentrationslager umkam. Die Andersartigkeit des Romans "Jesabel", der 1936 erschienen war, dem Fragment gegenüber, die Überzuckerung der Figuren, die Dämonisierung des Geschehens, könnte als jugendliche Unbeholfenheit einer debütierenden Schriftstellerin genommen werden. Mit ihrem Weltkriegsgemälde aber hat Némirovsky bewiesen, wie sehr ihr von Anfang an jegliche politische Unschuld gefehlt haben muß. So ist auch hinter dem früheren Werk mehr als ein billiger Schmöker zu vermuten.

Tatsächlich entpuppen sich die Figuren dem Leser, der sich gegen ihre Trivialität wappnet, bald als Marionetten, die in einem Welttheater agieren. "Jesabel" läßt sich auf drei Ebenen lesen: als Geschichte voller Liebe, Haß, Mord; als Mysterienspiel, das Vanitas und Vergänglichkeit symbolisch darstellt; und als Staatsroman, der den Untergang der französischen Bourgeoisie vorführt.

Némirovskys Biographie läßt nur die beiden letzten Lesarten zu. Die 1903 in der Ukraine geborene Jüdin trat 1939 zum Katholizismus über und bemühte sich um die französische Staatsangehörigkeit. Diese wurde ihr allerdings, obgleich sie schon eine bekannte Schriftstellerin war, verweigert. Ihre politische Orientierung an den Werten des alten Frankreich beweist ihre Mitarbeit bei den Zeitschriften "Candide" und "Gringoire", die entschieden konservativ, gelegentlich sogar antisemitisch waren.

Religion und Politik sind die Leitlinien von Némirovskys Leben und Schreiben von Anfang an. Schaut also in "Jesabel" die Heldin Gladys in den Spiegel, so sieht sie nicht nur das guterhaltene Gesicht einer Phantastin; sie erblickt "Frau Welt", die mittelalterliche Allegorie der Vergänglichkeit. Wenn der Kult der Schönheit Gladys nicht erlaubt, die Jugend neben sich zu dulden, so stellt sie die Bourgeoisie vor, deren Arroganz, deren Stolz, deren Ästhetizismus die Anpassung alter Tugenden an die Zukunft verhindert. Die Charakterisierung der Figuren des Romans ist so flächig, ihre Zuweisung zu Gut und Böse so eindeutig, daß sich, was sich zunächst als Frauenphantasie vorstellt, schließlich als Allegorien enthüllt.

Wie es sich für Repräsentanten einer Idee gehört, haben alle Figuren des Romans ein Attribut, das sie kennzeichnet: Die Frau hat den Spiegel, die Männer haben Geld, der Tochter gehört die Jugend, dem Enkel das Zauberwort "Großmutter". Die süße Boudoiratmosphäre, die Gladys umschwebt, ist das Lockmittel nicht nur der Figur, sondern auch der Autorin, mit dem sie Leser verführt. Immerhin verlangt sie vom Leser am Anfang ihres Romans den Durchgang durch den Gerichtsprozeß, in dem die Heldin für den Mord ohne ersichtliches Motiv verurteilt wird. Dieser Introitus ist in seiner herben Gerichtsdiktion ein schwieriger Einstieg für den Leser und schließt allzu Genußsüchtige aus.

"Les Empires meurent", heißt es in einer von Némirovskys Notizen zum Projekt "Suite française". In ihrem früheren Roman "Jesabel", der nicht zufällig den Namen der alttestamentarischen Baalspriesterin trägt, die Sünde und Unheil bringt, hat Irène Némirovsky vorausgesehen, was sie in "Suite française" als sich erfüllende Tragödie beschreiben mußte.

HANNELORE SCHLAFFER

Irène Némirovsky: "Jesabel". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Eva Moldenhauer. Knaus Verlag, München 2006. 224 S., geb., 19,95 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2006, Nr. 207 / Seite 40

 
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Veröffentlicht: 06.09.2006, 12:00 Uhr