http://www.faz.net/-gr3-t4w9

: Frau Welt liebt sich

  • Aktualisiert am

Wär er nur die Erzählung von einer Frau, die ihre außergewöhnliche Schönheit gegen Alter und Verfall verteidigt; wären ihre Abschiede von den vielen Liebhabern nichts als die rührenden Szenen, in denen seelentiefe Blicke getauscht und Handküsse gehaucht werden - so wäre Irène Némirovskys "Jesabel" ein ...

          Wär er nur die Erzählung von einer Frau, die ihre außergewöhnliche Schönheit gegen Alter und Verfall verteidigt; wären ihre Abschiede von den vielen Liebhabern nichts als die rührenden Szenen, in denen seelentiefe Blicke getauscht und Handküsse gehaucht werden - so wäre Irène Némirovskys "Jesabel" ein Nachttischbuch für Leserinnen, die sich im zwanzigsten Jahrhundert noch das Bewußtsein des neunzehnten leisten. Auch solche Leserinnen, falls es sie noch geben sollte, würden am Morgen erwachen wie Gladys Eysenach, die Heldin: "Wie gewöhnlich, noch bevor sie die Augen geöffnet hatte, suchte ihre Hand mechanisch nach dem Spiegel. Seit sie eine Frau war, war dies beim Erwachen ihre erste Regung, ihr erster Gedanke. Lange liebkoste sie mit dem Blick ihr Gesicht."

          Eine Frau von solch obsessiver Selbstliebe setzt natürlich alles daran, geliebt zu werden, und es gelingt ihr tatsächlich bis ins Alter von weit über fünfzig Jahren: "Er wurde nicht müde", heißt es von ihrem ersten Gatten, "ihr zuzusehen, wie sie sich ankleidete, lange zwischen zwei Schmuckstücken wählte, sich in ihrem Spiegel betrachtete." Richard Eysenach ist das männliche Pendant zu seiner Gemahlin, ein eiskalter Geschäftsmann mit allen Tugenden, die man braucht, um eine verwöhnte Frau zu ernähren: "Er war hart und ehrgeizig, vom Umgang mit der Macht und der Liebe zu ihr geprägt und nur bei Gladys schwach und wehrlos. Genau das liebte und reizte sie; ständig mußte sie sich ihre Macht über die Männer beweisen."

          Sind Männer die Objekte dieser Femme fatale, so wird ihr alles, was sie nicht zu zwingen vermag, zum Gegner. Ihr gefährlichster Feind ist die Jugend, die Tochter vor allem, die ihr noch dazu einen jungen Mann vorstellt, den sie heiraten will und von dem sie, als er im Krieg stirbt, ein uneheliches Kind erwartet. Damit bringt sie die Mutter in die Verlegenheit, durch Anreden wie "Schwiegermutter" oder "Großmutter" ihr Alter anerkennen zu müssen. "Wenn ich das Wort ,Großmutter' aus deinem Mund hören werde und ich, ich damit gemeint bin, ich glaube, dann werde ich mich umbringen", bekennt sie der Tochter. Als Jahre nach dem Tod dieser Tochter der von Gladys lange verleugnete Enkel endlich auftaucht und Recht und Anerkennung fordert, indem er sich geradezu in der Anrede "Großmutter" badet, erträgt Gladys die Schmach, alt geworden zu sein, nicht und erschießt den Quälgeist.

          Sollte ein Roman, in dem alle Figuren Staffagen sind, Inkarnationen der Schönheit, des Alters, der Männlichkeit, des Erfolgs, der Rache, der siegenden Gerechtigkeit von jener Autorin sein, deren unvollendetes Manuskript "Suite française" vor einem Jahr von der Kritik als episches Meisterwerk von der Monumentalität eines Tolstoi gefeiert wurde? In diesem Fragment eines auf fünf Bände geplanten Romans, von denen nur zwei vorliegen, schildert die jüdische Autorin die Okkupation Frankreichs durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg und den Zusammenbruch ihres Landes. "Suite française" aber ist kein dokumentarisches Werk, das nur geschichtliche Fakten illustriert. Die Hölle des Krieges und das Idyll des Alltagslebens, der Bombeneinschlag und die Katze auf dem Dach, die ihn bestaunt, das große Chaos und das kleine Glück, das sich darin hält - dies alles verschmilzt zu einem romanhaften Erlebnisbericht.

          Weitere Themen

          Der gefallene Held vom Majdan

          F.A.Z.-Leser helfen : Der gefallene Held vom Majdan

          Familie war für Roman lange Zeit nur ein Wort ohne Bedeutung. Mit zwölf Jahren riss er von zu Hause aus, hauste auf der Straße. Im Kinderheim „Our Kids“ muss er mühsam lernen, Kind zu sein.

          Im Gedenken an Malcolm Young Video-Seite öffnen

          AC/DC : Im Gedenken an Malcolm Young

          Hardrock-Klassiker wie „Highway to Hell“ wären ohne ihn undenkbar gewesen: Der Songwriter und ehemalige Gitarrist der Band AC/DC starb im Alter von 64 Jahren.

          Topmeldungen

          Sie scheint gestärkt, nicht geschwächt: Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche.

          Jamaika-Ende bei ARD und ZDF : „Ich fürchte nichts“

          Die Auftritte der Bundeskanzlerin im Fernsehen nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche setzen ein Zeichen. Dafür sorgen nicht die Journalisten, das macht Angela Merkel schon selbst. Sie will es nochmal wissen und regieren. Am liebsten, hören wir heraus, mit Schwarz-Grün.

          Nach Aus für Jamaika : Ihr gelbes Wunder

          Auch die AfD hatte auf eine große Koalition gehofft. Sie versprach sich von Jamaika goldene Zeiten in der Opposition – nun muss sie jedoch die Liberalen fürchten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.