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Franzobels „Floß der Medusa“ : Ein einzigartiges Experiment

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Schiffbruch mit Zuschauer: Théodore Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ von 1819 misst sieben mal fünf Meter Bild: Louvre

Mit seinem Roman „Das Floß der Medusa“ zwingt der österreichische Schriftsteller Franzobel den Leser vom festen Land in künstliche Seenot.

          Schiffbruch mit Zuschauer: Mit diesem Titel greift der Philosoph Hans Blumenberg die seit der Antike erörterte Frage auf, wie Betrachter am sicheren Ufer auf eine aussichtslose Seekatastrophe vor ihren Augen reagieren. Befällt sie verzweifeltes Mitleid oder stoische Gelassenheit, wenden sie sich entsetzt ab, überwiegt blanke Schaulust oder die bange Frage nach der eigenen Beständigkeit, für den imaginierten Fall, selbst betroffen zu sein? Blumenberg geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er den traditionell festen und trockenen Standpunkt des Philosophen aufgibt, den Denkenden in eine „künstliche Seenot“ versetzt, alle Halteseile zum „Mutterschiff der natürlichen Sprache“ kappt und zur Fassung des begrifflich Unbegreiflichen den Übergang ins Metaphorische empfiehlt.

          In ebendiese Richtung weist das literarische Programm für den vorliegenden „Roman nach einer wahren Begebenheit“: Damit greift der österreichische Schriftsteller Franzobel (Franz Stefan Griebl), Bachmann-Preisträger von 1995, die legendäre Havarie der französischen Fregatte Medusa am 2. Juli 1816 vor der Küste Mauretaniens wieder auf und erfindet sie neu. Statt einfach einen historischen Roman zu „erzählen“, wird hier mit unbändiger Fabulierlust ein provozierendes Gemälde entworfen, in dem Faktum und Fiktion sich bis zur Unkenntlichkeit vermischen. Vor allem wird der Leser aus dem trockenen Lesesessel in eine unentrinnbare „künstliche Seenot“ versetzt, aus der er erst nach sechshundert kurzatmig durchfieberten Seiten wieder auftaucht. Nicht nur das unaufhörliche Trommelfeuer schockierender, grässlicher, monströser Szenen ist dafür verantwortlich, sondern der ständige Wechsel der Standpunkte zwischen Erzählerstimme, erlebender oder direkter Figurenrede, Traumsequenzen, orakelnden Rachegeistern oder (kursiv gesetzt) Bewusstseinsströmen und überindividuellen Aperçus.

          Durch diese facettenreichen Brechungen unterscheidet sich Franzobels Projekt radikal von früheren Fassungen des historischen Falls. Die Medusa war im Juni 1816 mit vier weiteren Schiffen ausgelaufen, um nach dem endgültigen Sturz Napoleons französische Soldaten, Verwaltungsbeamte und Siedler in die wiedergewonnene Kolonie Senegal zu bringen. Durch dilettantische Navigationsfehler und Fehlentscheidungen eines unfähigen Kapitäns strandete das Schiff am 2. Juli auf der unter Seefahrern gefürchteten Arguin-Sandbank rund dreißig Meilen vor der afrikanischen Küste. Von den erfolglosen Versuchen, die Medusa mit Ankerwinden wieder flottzumachen, von der chaotischen Ausschiffung eines Teils der fast vierhundertköpfigen Besatzung auf eine viel zu kleine Zahl von Rettungsbooten und vom Bau und tragischen Schicksal eines mit etwa 150 Menschen heillos überfüllten und tief unter die Wasserfläche gedrückten Floßes berichteten zuerst der Schiffsarzt Jean-Baptiste Henri Savigny und der Geograph Alexandre Corréard. Ihr Unglücksreport – zugleich eine allégorie réelle auf das nachrevolutionäre Frankreich – führte zur Verurteilung des Kapitäns und zu einer Welle öffentlicher Entrüstung, die ihren prägnantesten Ausdruck in Théodore Géricaults großformatigem Katastrophenbild fand.

          Wuchtige Allegorie auf die Menschennatur

          Franzobel hat die verfügbaren Quellen sorgfältig studiert, ist selbst nach Senegal und in Richtung der Wrackreste gereist und hat sich ein nautisches Wissen und Vokabular angeeignet, mit dem allein ein Sachwörterbuch zu füllen wäre. All das hat ihn aber nicht davon abgehalten, statt eines historischen Romans eine wuchtige, oft groteske und allemal verstörende Allegorie auf die Menschennatur zu schreiben. In diesem Buch geht es also nicht um eine neuerliche Rekonstruktion und Herleitung des Geschehens, sondern um ein literarisches Grenzexperiment. Geführt und überwacht wird es von dem Schiffsarzt Savigny, der schon auf den 250 Seiten bis zum Unglück als unbestechlicher Beobachter des kleinen Schiffskosmos, dieses Spiegels der größeren Welt, auftritt.

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