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: Franzens erstes Buch

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Wie vom Himmel gefallen wirkte Jonathan Franzen, als er vor zwei Jahren seinen Siegeszug durch die Bestsellerlisten antrat. Doch Franzen war kein weiterer amerikanischer Debütant, nicht Wunderkind wie Jonathan Safran Foer noch spätberufen wie Louis Begley. Vor dem Welterfolg hatte er zwei gepriesene, ...

          Wie vom Himmel gefallen wirkte Jonathan Franzen, als er vor zwei Jahren seinen Siegeszug durch die Bestsellerlisten antrat. Doch Franzen war kein weiterer amerikanischer Debütant, nicht Wunderkind wie Jonathan Safran Foer noch spätberufen wie Louis Begley. Vor dem Welterfolg hatte er zwei gepriesene, doch glücklose Romane geschrieben, einen dritten nach sieben Jahren Arbeit einfach weggeworfen. Erst dann kamen "Die Korrekturen", hymnische Rezensionen, Rekordverkäufe, Ruhm.

          Am Mittwoch erscheint nun Franzens Erstling auf deutsch, "Die 27ste Stadt". Jetzt klärt sich, woher jene stilistische Reife stammt, die "The Corrections" zum Ereignis machte. Endlich ist ein Vergleich möglich: Franzen, das zeigt der neue, fünfzehn Jahre alte Roman, war schon mit achtundzwanzig so gut wie heute. Einer, der Dialoge schreibt wie kaum ein anderer lebender Schriftsteller. Einer, der auch über 700 Seiten hinweg die Spannung hält. Einer, der aus Worten ein Paralleluniversum erschafft, in dem Menschen aus Fleisch und Blut umherspazieren, nicht fahle Figuren, die Ideen verkörpern: jene "imaginierte Welt" also, die Franzen in seinem berühmten Essay für "Harper's Magazine" 1996 beschworen hatte und in die er sich hineinzuschreiben, hineinzuträumen sehnt - als Dichter und Leser.

          Franzens lebendiger Realismus führte seine Kritiker bald auf die Spur ins 19. Jahrhundert, hin zu den großen Romanciers. "Tolstoi in Pynchons Manier", so hatte Franzens Freund und Kollege Jeffrey Eugenides ("Middlesex") jene Schreibweise erklärt, die beide verbindet: die zerfaserte Welt mit ihren Bildern, Medien und Diskursen zu einer Geschichte verknüpfen, deren Strang so stark ist, daß sie den Leser rasant durch die Lektüre zieht. Den aus dem Leim gegangenen "postmodernen" Alltag in eine Form fügen, statt ihn in Splittern nachzubilden, wie bei Thomas Pynchon oder Don DeLillo.

          Schon "Die 27ste Stadt" folgte diesem Muster. Gemessen an den "Korrekturen" ist der Roman aber weniger luftig und vor allem nicht so lustig. Das Buch ist Ehedrama, Thriller und Schlüsselroman in einem: Alles dreht sich um Martin Probst, Gatte, Vater und prominenter Bürger von St. Louis - Franzens Heimatstadt. Früher war sie eine stolze Metropole im Mittleren Westen, die viertgrößte Stadt des Landes. Jetzt, um das Jahr 1984, ist St. Louis nur noch Nummer 27. Die Stadt stirbt aus, verliert den Funken, der sie einst leuchten ließ. Probst hat sich mit anderen Honoratioren zusammengetan, um die ermattete Wirtschaft anzukurbeln. Doch Terroranschläge erschüttern die Stadt. Eine neue Polizeichefin ermittelt, die Inderin Jammu. Probst mißtraut ihr und ihren Helfershelfern. Zu Recht, wie sich am mörderischen Ende des Romans erweist. Doch da hat Probst längst alles verspielt - sein Ansehen, seine Selbstachtung, seine Frau und seine Tochter.

          Franzen riskiert viel, immerhin spiegelt er den Verfall von St. Louis im Zerbrechen des Hauses Probst und darin den Untergang einer Gemeinschaft. Das ist überehrgeizig angelegt, aber es gelingt, dank eines Erzählers, der einmal melancholisch, dann ironisch, im nächsten Moment dokumentarisch nüchtern spricht und alle Stimmen schlüssig mischt. Jonathan Franzen hat seither Ballast abgeworfen. Was er in den ersten Romanen noch im Vordergrund abbildete - Politik und Kriminalität, Zivilisation und Ökonomie -, hat er in den "Korrekturen" aufgehoben in der reichsten, abgründigsten Metapher allen menschlichen Zusammenlebens: der Familie.

          TOBIAS RÜTHER

          Jonathan Franzen: Die 27ste Stadt. Deutsch von Heinz Müller. Rowohlt Verlag, 672 Seiten, 24,90 Euro.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.09.2003, Nr. 36 / Seite 19

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