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Franka Potente: Zehn Die gehaltvolle Nudelsuppe, der beheizte Tisch

13.08.2010 ·  Die Schauspielerin Franka Potente hat ein Buch über ihre Eindrücke aus Japan geschrieben. Dabei will die Autorin nichts unerklärt lassen und nimmt so dem fremden Land den Zauber.

Von Tobias Rüther
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Ein paar Japaner, so beginnt eine der Erzählungen aus Franka Potentes neuem Buch „Zehn“, gehen mit einem schwedischen Gast in Tokio essen. „Sie saßen auf Tatamimatten in einem kleinen Ramenrestaurant in Shinjuku, an einem großen ,Kotatsu‘, einem beheizten Tisch, unter den man seine Füße streckte.“ Tamamimatten, Ramenrestaurant, Kotatsu: Mehr landeskundliche Informationen gingen offenbar nicht in diese kleine Szene. Oder doch? „Alle schlürften die gehaltvolle Nudelsuppe und tranken Sake dazu“, heißt es zwei Sätze später. Die gehaltvolle Nudelsuppe, der beheizte Tisch: so erläuternd und enträtselnd zieht sich das eigentlich durch alle japanischen Geschichten, die Franka Potente hier geschrieben hat.

Der Blick, den die Schauspielerin in ihrem Buch auf dieses Land wirft, das sie, man kann es sehr gut verstehen, faszinierend und eng und wunderschön und fremd findet, fällt von außen auf Rituale, auf Liebeskonstellationen, auf Familien und Speisen. Das ist klar, denn die Autorin ist keine Japanerin. Aber wollte dieser Blick tiefer vordringen in diese fremde Welt, dann dürfte er sich wahrscheinlich nicht aufhalten mit den Details, müsste über sie hinweggehen, um Tempo zu kriegen, etwas Drama. Welches Kammerspiel aus der bayerischen Provinz, nur als Beispiel, würde per Fußnote erklären, was ein Herrgottswinkel ist? Die Intimität zerfällt oft, bevor sie überhaupt entstehen kann. Der Zauber verfliegt – weil man die gehaltvollen Nudelsuppen von Franka Potente eben nicht einfach vorgesetzt, sondern immer gleich erklärt bekommt. Statt sie also einfach zu essen, um zu sehen, was man davon hat.

Götterwinde für deutsche Kunden

Manchmal, wie gleich in der ersten Episode des Erzählungsbandes, „Götterwinde“, die von einer Fächerherstellerin und ihrem deutschen Kunden erzählt, oder in der eingangs zitierten scheiternden Liebesgeschichte zwischen der Schwedin Ingeborga und dem jungen Japaner Tetsuo, ist der fremde Blick automatisch eingebaut in die Erzählung: Ausländer als Unwucht in einem strengen Regelsystem. Aber den didaktischen Ton verändert das nicht. Im Gegenteil, die Irritationen dürfen nicht im Text haken bleiben oder Reibung erzeugen, Unruhe, Abstoßung, alles ja Empfindungen, die legitim wären – in jeder sozialen Beschreibung einer jeglichen sozialen Welt. Aber so ein Risiko hat Franka Potente offenbar in ihren Erzählungen gescheut. Ingeborga kommt Tetsuo einmal zu nahe. „In Japan gab es keine Umarmungen“, heißt es dann. „Er umarmte nicht einmal seine Mutter.“ Hätte nicht einer der beiden Sätze gereicht? Vielleicht am besten der zweite?

Die scheue Fächerherstellerin. Der junge Angestellte, der seinem Chef, typisch Japan, ein Geschenk kaufen muss. Die Tänzerin im Herrenclub. Reispapier. Feng Shui. Die Stille, die Verbeugungen, die Shiitakepilze, überhaupt die vielen Gerichte, und all das geschrieben in bleistiftfeinen Sätzen, die keine Fehler machen wollen und mit denen eine Welt erzählt wird, ohne wirklich zu verraten, warum der Leser in sie eintreten sollte (und nicht besser in einen Korrespondentenbericht). An den schönsten Stellen rühren die Storys schon, eine Frau mit gebrochenem Herzen, ein alter Vater, der stirbt und mit dem Fernsehen träumt von Amerika, eine junge Mutter, gequält vom eigenen Sohn, rauchend an der Dunstabzugshaube, während der kleine Junge droht, aus dem Fenster zu springen. Aber oft, beim verlorenen letzten Reiskorn zum Beispiel, das (wieder was gelernt!) in Japan Unglück bringt, aber dann in höchster Not doch noch auf der Augenbraue des jungen, nervösen Bewerbers entdeckt wird – und zwar von der jungen Sekretärin der Firma, bei der er sich bewirbt, in die er sich gleich verguckt –, da liest sich das wie Kitsch. Unpeinlich aufgeschrieben zwar, bleistiftfein also und sparsam, aber doch.

Lola lahmt auf der Kurzstrecke

Franka Potente, bekannt geworden mit dem Film „Lola rennt“, heute lebt sie in Amerika, dreht mit Matt Damon, gastierte auch schon in der erfolgreichen Fernsehserie „Dr. House“, hat in Japan an einem Dokumentarfilm gearbeitet, 2005 war das. Seitdem sei sie oft nach Japan gereist, heißt es im Klappentext des Buchs. Was bliebe von ihren Erzählungen, wenn man Japan einfach herausstreichen würde? Es blieben Liebesgeschichten, die gerade erst anfangen und schon weh tun. Familiengeschichten, die zu Ende gehen und immer weh taten. Es könnte sein, dass mehr bliebe als vorher. Mehr an Möglichkeiten, einfach nur, als Erstes, in einem literarischen Debüt vor allem, Geschichten zu erzählen, die packen und bewegen oder stören, die den Leser irgendwie angehen wollen. Tourismus stört da nur.

Franka Potente: „Zehn“. Storys. Piper Verlag, München 2010. 176 S., geb., 16,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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