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Buchpreisträger Frank Witzel : Die Krötenkinder legen uns die Bibel aus

In Frank Witzels Roman widersprechen sich die Erzählstimmen gern. Bild: Robert KLUBA/REA/laif

Im Museum der Katastrophen: Frank Witzels neuer Roman sucht den Punkt zwischen davor und danach.

          Vor den Toren der Stadt liegt der Maubachersee. Dort „trafen sich früher die Liebespaare. Noch früher spielten dort die Kinder. Noch früher begrub man dort die Verunglückten. Noch früher hob man Löcher aus, um Menschen lebend hineinzulegen und zu warten, ob das vom Regen ansteigende Wasser des Sees die Löcher überfluten würde. Viele starben, manche überlebten.“ Das ist das Ergebnis einer Sondierung in die Vergangenheit, die natürlich beliebig weitergehen könnte, so wie Kinder nach jeder Auskunft immer aufs Neue fragen würden: Und was war davor?

          Doch die Richtung lässt sich genauso gut umkehren, und die Beschreibung des Maubachersees am Ende von Frank Witzels neuem Roman bietet auch den Blick nach vorn: „Später errichtete man ein Gefängnis dort“, dann, wieder später, einen „Veranstaltungsort christlicher Gemeinden“, dann ein Gewerbegebiet und noch später wieder ein Gefängnis. Ob wir damit in der Gegenwart angekommen sind, der des Romans oder vielleicht sogar auch unserer, ist unklar, und ebenso, wo genau dieser Punkt zu verorten ist, von dem aus hier in ein Davor und ein Danach geblickt wird, den Punkt also zwischen den Liebespaaren und dem ersten Gefängnis. Nur von einem traumatisierten Mann ist die Rede, der am Strand steht und auf den See blickt, befähigt, „das Zusammenfließen von Vergangenheit und Zukunft in einer verdichteten Gegenwart zu spüren“, die ihm „rein gar nichts mehr bedeutet“.

          Es geht um Zeit, um Geschichte und wie sie geschrieben wird, um das, was zu bleiben scheint, und um das, was sich verwandelt, aus der deutenden Rückschau oder ohne unser Zutun. Witzels Romantitel trägt dieser Frage Rechnung: „Direkt danach und kurz davor“, so ist das 550 Seiten starke Buch überschrieben, der erste Roman Witzels seit „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“, mit dem der Autor 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist. Es geht um das Festhalten eines Momentes, um von hier aus eine sichere Perspektive zu gewinnen, und um die Unmöglichkeit, dies zu verwirklichen. Und nicht zuletzt geht es darum, genau diese Unmöglichkeit mit einem hohen artistischen Aufwand und beeindruckendem literarischen Formenreichtum abzubilden.

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          Das Verfahren ist aus dem Vorgängerroman bekannt, der munter erzählende Passagen mit Verhörprotokollen, dramatischen Fragmenten und Sachtexten mischte und auch hier gern die Zeitebenen überbrückte. Doch in „Direkt danach und kurz davor“ wird das Spektrum entschieden weiter und reicht nun vom Bibelkommentar, den zwei Kinder in Krötengestalt liefern (vielleicht werden sie aber auch nur vom Erzähler dieses Abschnitts für Kröten gehalten), über Personenverzeichnisse und Chroniken bis zu einem Katalog von Bildern, die während einer bestimmten Zeit gemalt worden sind.

          Zudem und mit Hilfe dieses Formenreichtums entsteht in diesem zwölfteiligen Konstrukt ein lustvoll ausgeführtes Gewebe von Behauptung und Widerlegung, von offenen und impliziten Widersprüchen, die Personen und Ereignisse kaum einmal Konturen verleihen, die über die Kapitelgrenze hinaus Bestand hätten. Was hat es etwa mit jenem Siebert auf sich, der in einer – oft wiederholten und anders beleuchteten – Szene am Fenster steht und auf den Lindholmplatz schaut, auf dem sich ein Attentat zutragen wird oder bereits zugetragen hat, bei dem vielleicht ein gewisser „alter Siebert“ zu Schaden kommt, der, zufällig oder begründet, denselben Nachnamen trägt wie der junge Mann? Hat Sieberts Mutter wirklich ein Verhältnis mit dem Kinderarzt, und wer ist eigentlich Sieberts Vater? Was ist mit Marga, seiner Geliebten, vielleicht aber auch Schwester, die eines Tages verschwindet, vielleicht aber auch vom Lindholmplatz aus durch die Fensterscheibe erschossen und dann von Siebert und dem Mörder verscharrt wird? Was spielt sich in dem Unfallmuseum in der Dolmenstraße ab, das lauter Modelldioramen von Eisenbahn- oder Flugzeugunglücken ausstellt und hinter einer geheimen Tür eine als „Weltmechanik“ beschriebene Maschine bewahrt, die freilich auch etwas ganz anderes darstellen kann? Und hat hier tatsächlich wieder der alte Siebert seine Finger im Spiel?

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