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Fragen Sie Reich-Ranicki : Höchste Qualität aus Rußland

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Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wer ist der größte Romancier - Dostojewskij oder Tolstoi? Marcel Reich-Ranicki über seine eigenen Erfahrungen mit der russischen Literatur.

          Ich habe Dostojewskijs „Doppelgänger“ gelesen, bin begeistert und möchte wissen, welche russischen Romane des 19. Jahrhunderts ich jetzt lesen sollte. Jan Röhlk, Frankfurt am Main

          Marcel Reich-Ranicki: Die Frage zeugt von Ratlosigkeit - und ich habe dafür viel Verständnis. Wenn es um die deutsche, französische oder englische Literatur ging, dann war es noch nicht so schlimm - man konnte hoffen, daß die Lehrer, die diese Sprachen lehrten, dem hilfsbedürftigen Schüler mit Ratschlägen geholfen haben. Aber Russisch? Da wurde man ganz allein gelassen, da mußte man selber suchen, was mühselig und zeitraubend war. Also hier einige flüchtige Hinweise für die an der russischen Literatur interessierten Leser.

          Ich habe - es war in meiner Schulzeit - mit Dostojewskijs Roman „Die Brüder Karamasow“ begonnen. Der aufregende und überaus spannende Roman beschäftigt sich unentwegt mit der Frage, wer den alten Karamasow ermordet hat. Im Vordergrund der Handlung stehen die drei Söhne des Ermordeten, drei sehr unterschiedliche und faszinierende Figuren. Alle drei sind sie schuldig - und unschuldig zugleich. Als ich damals, meine Schulaufgaben und meine Freunde vernachlässigend, dieses Buch las, glaubte ich, es sei der beste Roman der Welt. Unter uns: Ich glaube es immer noch.

          Russischer Kriminalroman

          Dann nahm ich mich des „Idioten“ an, in dessen Mittelpunkt der Fürst Myschkin steht, der durchaus kein Idiot ist, vielmehr ein naiver und rührender Mensch; so naiv, daß er die Menschen liebt und an die Menschen glaubt. Und dann las ich die Geschichte des armen Studenten Raskolnikow, der eine alte Pfandleiherin ermordet hat. Den Raskolnikow-Roman kannten die deutschen Leser unter dem Titel „Schuld und Sühne“. Aber es ist falsch, er hebt den Roman ins Religiöse oder jedenfalls ins Metaphysische. Heute lautet der deutsche Titel dieses Kriminalromans „Verbrechen und Strafe“ - und der ist richtig.

          Wer ist der größte russische Romancier - Dostojewskij oder Tolstoi? Welcher ist der bedeutendste Roman der Welt: „Die Brüder Karamasow“ oder Tolstois „Krieg und Frieden“? Gibt es einen schöneren Liebesroman als Tolstois „Anna Karenina“? Noch einen dritten Tolstoi-Roman will ich nennen, der den beiden anderen in nichts nachsteht: „Auferstehung“. Kurz und gut: Man muß alle drei lesen.

          Zensor und Romancier in einem

          Ich möchte hier keine weiteren Titel nennen, denn es gibt im 19. Jahrhundert noch viele andere russische Prosaautoren (von den Lyrikern ganz zu schweigen) von hoher und höchster Qualität. Gogol verdanken wir neben einer der besten Komödien der Welt (“Der Revisor“) den virtuosen humoristischen Roman „Die toten Seelen“. Übrigens hat Gogol seinem Leben durch Selbstmord ein Ende gemacht.

          Gontscharow war wahrscheinlich der originellste Literatur-Zensor der Weltliteratur. Er hat diesen Beruf viele Jahre ausgeübt und nebenher drei wunderbare, amüsante, ironische und letztlich melancholische Romane verfaßt. Der nachdenkliche Turgenjew war ein poetischer Gesellschaftskritiker höchsten Ranges. Sein zarter Roman „Rauch“ wird manchen deutschen Leser vielleicht besonders interessieren. Denn er spielt in Baden-Baden.

          Aber kann man von der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts sprechen, ohne etwas über Puschkin und Tschechow zu sagen? Doch hierüber bei nächster Gelegenheit.

          Wie kam es, daß Sie sich ausgerechnet für die Kritik von Literatur entschieden haben? Genausogut könnten Sie sich doch publizistisch für die Förderung von klassischer Musik einsetzen. Harald Möller, Velbert

          Marcel Reich-Ranicki: Woher wissen Sie das? Ihre Vermutung ist schlicht falsch. In meinem Buch „Mein Leben“ kann der interessierte Leser einiges hierüber finden.

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