http://www.faz.net/-gr3-omoe

: Flotter Dreier in Edgware

  • Aktualisiert am

Dreitausend Worte genügten, um die Jury zu überzeugen. Aufgrund des kurzen Auszugs aus seinem Debütroman "Politics" landete der vierundzwanzigjährige Adam Thirlwell im Frühjahr vergangenen Jahres auf der Granta-Liste der zwanzig besten jungen Schriftsteller Großbritanniens. Und tatsächlich vermittelt ...

          Dreitausend Worte genügten, um die Jury zu überzeugen. Aufgrund des kurzen Auszugs aus seinem Debütroman "Politics" landete der vierundzwanzigjährige Adam Thirlwell im Frühjahr vergangenen Jahres auf der Granta-Liste der zwanzig besten jungen Schriftsteller Großbritanniens. Und tatsächlich vermittelt der Ton, den der junge Erzähler anschlägt, von der ersten Seite an Selbstbewußtsein und Souveränität; man staunt zunächst über die unorthodoxe Erzählhaltung und die originelle Handlungsidee. Am Ende aber reicht ein winziger Korb für die Vorschußlorbeeren, die Adam Thirlwell auch in deutschen Zeitungen für seinen heute erscheinenden Roman bekommen hat.

          Das große Interesse hat natürlich rein gar nichts mit dem Thema zu tun. Auf den ersten Blick handelt dieses Buch ganz lapidar vom Sex. Nicht von Erotik oder Leidenschaft, sondern schlicht von den Leibesübungen, die dazu wahlweise nötig, wünschenswert oder möglich sind. Auch auf den zweiten Blick geht es in diesem Roman vor allem um Sex. Nicht um die Gefühle, die dabei eine Rolle spielen, sondern um die Überlegungen, die Menschen dazu veranlassen, Phantasien nachzustellen, die andere ihnen eingegeben haben. Von der Schauspielkunst, die matten Geschlechtsverkehr wie eine Orgie aussehen läßt, und von den Lügen, zu denen keine Worte nötig sind. Auf den dritten Blick dreht sich in "Strategie" immer noch alles um Sex. Nicht um Bindungen, die dadurch gefestigt oder zerstört werden, sondern um die existentielle Verunsicherung, die zwischen den Laken wohnen kann.

          Mit anderen Worten: Dies ist ein zutiefst psychologisches Buch. Und es ist durchaus Absicht, daß die Übersetzung des knackigen Originaltitels "Politics" mit "Strategie" nach einem Gesellschaftsspiel klingt: Schließlich ist Sex in vielerlei Hinsicht nichts anderes als das. Und genau wie auf den Sofas der gesellschaftlichen Milieus will auch im Bett jeder Schritt wohlüberlegt sein. Im Englischen sind "politics" nicht nur in der Politik beteiligt, sondern bei allem, was Planung erfordert, sei es Verführung, Risikoabwägung oder Ablenkung. "Politics" steht für eine eigene Kunstform in Bereichen, in denen man es mit strategischer Begabung zur Brillanz bringen kann - also auch für Sex.

          Adam Thirlwell schildert denn auch nicht nur die Entstehung, die Blüte und den Niedergang einer Dreierbeziehung, sondern hat seinem Buch auch die Struktur eines Planspiels gegeben. In drei großen Teilen und elf Kapiteln, die ihrerseits in Unterkapitel eingeteilt sind, unterrichtet er uns häppchenweise über die Komplikationen im Zusammenspiel paarungswilliger Engländer in Edgware, einem weniger vornehmen Vorort Londons. Die Geschichte ist rasch erzählt: Nana und Moshe verlieben sich, gehen miteinander ins Bett, müssen aber feststellen, daß die Qualität des Sex weit hinter der Qualität der Gefühle zurückbleibt. Anjali, eine Freundin Moshes mit eindeutiger sexueller Vorliebe für Frauen, verliebt sich ebenfalls in Nana. Und die orgasmusgestörte Nana, der Sex eigentlich nicht besonders wichtig ist, weshalb das Nachdenken darüber und die Ausführung eine völlig überdimensionierte Rolle für sie spielen, läßt sich ein auf eine ménage à trois - ein wenig aus Lust am Abenteuer, ein bißchen aus Neugier, vor allem aber, weil sie weder Moshe noch Anjali verletzen will. Der flotte Dreier, der bald zur Lebensform wird, basiert jedoch auf einem gewaltigen Mißverständnis: Jeder der Beteiligten glaubt, daß die beiden anderen es genau so und nicht anders haben wollen. Daß sie glücklich sind mit dem Arrangement. Dabei sehnt sich insgeheim jeder danach, mit seinem jeweiligen Objekt der Begierde allein zu sein, nach einer ganz normalen Zweierbeziehung eben.

          Berichtet wird diese Geschichte von einem außenstehenden, allwissenden Autoren-Ich, das uns die Geschichte von Nana, Moshe und Anjali erzählt und sich gleichzeitig durch seine Dauerkommentierung des Gefühlten, Gesagten und Geschehenen selbst in den Vordergrund stellt. Immer wieder teilt dieser Erzähler mit, was er von seinen Personen hält: "Tatsächlich ist keine meiner Figuren besonders cool. Das mag ich an ihnen." Oder er springt mitten im Geschehen vor und zurück - "Am Ende dieser Geschichte wird eine der Figuren an einem Gehirntumor sterben" -, ohne daß seine Prophezeiungen notwendig in Erfüllung gehen. Er wirbt für jeden der Protagonisten - "Ich habe euch ja gesagt, daß Papa der gute Engel in dieser Geschichte ist" -, zuckt gelegentlich über sie die Schultern - "So war Nana eben. Ich kann es nicht ändern" - oder faßt das bereits Mitgeteilte lehrerhaft noch mal zusammen: "Ihr seht also, die ménage à trois war ambivalent. Sie war weniger bohemistisch, als sie aussah."

          Eine Weile liest sich das ganz amüsant. Doch spätestens nach den ersten hundert Seiten wird der Trick schal und der selbstgefällige Plauderton des Erzählers ebenso enervierend wie dessen eingeschobene Exkurse zu Situationen im Leben von Stendhal, Bulgakow, Kundera, Stalin und anderen, die als Lehrstücke zur jeweiligen Nana-Moshe-Anjali-Situation feilgeboten werden. Sowenig Thirlwell mit dem sexuellen Inhalt seines Buchs spielt, so sehr kokettiert er mit seiner Erzählweise. So belehrt er uns immerfort, daß es ihm natürlich eigentlich nicht um Sex, sondern um die ethischen Grundsätze der Gefühle geht, um den Unterschied zwischen romantisch und sentimental, um Integrität, Anstand und Güte. Zu Beginn versteigt er sich sogar zu der Aussage: "Wenn meine Figuren in diesem Buch Sex haben, dann wie alles, was sie tun, aus moralischen Erwägungen."

          Die Erwägungen der Granta-Jury waren anderer Natur. Nach langer Diskussion, nach welchen literarischen Qualitäten sie eigentlich suchten, entschied man sich für einen simplen Test: "Hätten wir die Bücher - aus Vergnügen - weitergelesen, wenn wir nicht über sie geurteilt hätten?" Bei einem kurzen Auszug, ohne die Möglichkeit des Weiterlesens, ließ sich diese Frage schlecht beantworten. Jetzt, wo das Buch vorliegt, aber schon. Sie lautet: nein. Eine geringere Dosis "Strategie" hätte vollauf gereicht.

          FELICITAS VON LOVENBERG

          Adam Thirlwell: "Strategie". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004. 319 S., geb., 18,- [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2004, Nr. 23 / Seite 36

          Weitere Themen

          Fehler? Ich doch nicht!

          Umgang mit Hinterbliebenen : Fehler? Ich doch nicht!

          Donald Trump wurde wieder einmal bei einer Unwahrheit ertappt. Diesmal versuchte das Weiße Haus, seine Aussage im Nachhinein wahr zu machen. Die Debatte um Kondolenzanrufe geht jedoch nicht nur dadurch immer weiter.

          Topmeldungen

          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.