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: Fiktion mit Rachedurst

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Eine Stimme kann man nicht fälschen", stellt Sarah Wode-Douglass fest, als sie sich noch in Kontrolle von Ereignissen wähnt, die sie alsbald überrollen werden. Dieser Satz ist die größte von all den Lügen, die Peter Carey uns in seinem neuen Roman auftischt - und sein Buch eine geistreiche Widerlegung dieser dreisten Behauptung.

          Eine Stimme kann man nicht fälschen", stellt Sarah Wode-Douglass fest, als sie sich noch in Kontrolle von Ereignissen wähnt, die sie alsbald überrollen werden. Dieser Satz ist die größte von all den Lügen, die Peter Carey uns in seinem neuen Roman auftischt - und sein Buch eine geistreiche Widerlegung dieser dreisten Behauptung. Mit Herbert Badgery, dem fabulierenden Gauner aus Careys "Illywhacker" (1985), möchte man dem Leser raten: "Versuchen Sie nicht, Lüge und Wahrheit zu trennen, sondern entspannen Sie sich und genießen Sie die Show."

          Als spontane Eingebungen gehen Lügen den meisten Menschen leicht über die Lippen, ob in Form von Schmeichelei, Ausreden oder als sogenannte Notlügen, deren gesundheitsstabilisierende Wirkung auch die Wissenschaft inzwischen bestätigt hat. Etwas anderes ist es mit einem richtigen, ausgewachsenen Schwindel, mit jemandem, der sich von vorne bis hinten selbst erfunden hat. Davon abgesehen, daß es recht anstrengend ist, Ereignisse und Wendungen nicht nur ersinnen, sondern sich fortan auch noch merken zu müssen, besteht die Gefahr, daß der Lügenbold selbst irgendwann nicht mehr zwischen Wahrheit und Fälschung unterscheiden kann. Wer eine Hintertür in sein Leben einbaut, benutzt sie eines Tages als Haupteingang.

          Maskerade gehört zum Wesen von Literatur. Indem ein Schriftsteller einer Figur eine Stimme gibt, setzt er an zu einer Täuschung. Dem Australier Carey, der sich in seinen bisherigen sieben Romanen zu einem der virtuosesten Bauchredner der angelsächsischen Literatur entwickelt hat, ist dieser schauspielerische Impetus seiner Kunst durchaus bewußt. Die Fähigkeit, sich selbst vollkommen zurückzunehmen, um Stimmen zu Gehör zu bringen, die sonst für immer stumm geblieben wären, besitzt er in hohem Maße. Vom toten Werbefachmann aus "Bliss" über den hundertneununddreißigjährigen Badgery aus "Illywhacker" und einem viktorianischen Anglikanerpriester aus "Oscar und Lucinda" bis hin zum australischen Volkshelden Ned Kelly hat Carey unterschiedlichste Charaktere zum Leben erweckt. Wem er auch sein Ohr lieh, seine besondere Gabe lag stets in der Glaubwürdigkeit, mit der er diese Stimmen nachzuahmen wußte. Zwar steht der hehre Nobelpreis für Carey nicht unmittelbar zu erwarten, auch wenn er für "Die Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang" 2001 als einziger Autor außer J. M. Coetzee zum zweiten Mal mit dem populären Booker-Preis ausgezeichnet wurde. Doch bleibt der Einundsechzigjährige, der seit vielen Jahren in New York lebt, seiner Heimat schreiberisch treu. Und der fünfte Kontinent hat genug Ereignisse und Themen zu bieten, die seine literarische Inspektion lohnen.

          Auch das folgenreiche, im angelsächsischen Literaturbetrieb legendäre Täuschungsmanöver, auf dem die Idee zu "Mein Leben als Fälschung" beruht, hat sich dort ereignet. Im Jahr 1944 veröffentlichte "Angry Penguins", eine angesehene Literaturzeitschrift in Adelaide, Gedichte von Ern Malley, einem angeblichen Mechaniker, der zum Versicherungsvertreter wurde und mit nur fünfundzwanzig Jahren gestorben war. Der gefeierte junge Herausgeber der Zeitschrift, Max Harris, stellte Malleys Gedichte als Zeugnisse eines Genies vor. Dann flog der Schwindel auf: Zwei Literaturwissenschaftler hatten die Figur Ern Malley mitsamt seinen Gedichten erfunden, um die von ihnen als "progressiv" verachtete Ausrichtung der Zeitschrift zu parodieren. Harris wurde von der Presse verhöhnt und mußte sich sogar vor Gericht gegen den Vorwurf der Obszönität der Malley-Gedichte verteidigen.

          Bei Carey hört das erfundene Dichtergenie auf den Namen Bob McCorkle, der geleimte Journalist heißt David Weiss, und derjenige, der sich das ganze Spiel ausgedacht hat, ist ein gewisser Christopher Chubb. Uns wird die Geschichte im gouvernantenhaft strengen Ton von Sarah Wode-Douglass vermittelt, ihres Zeichens ebenfalls Redakteurin einer angesehenen, geringauflagigen englischen Literaturzeitschrift. Sarah stößt bei einem Aufenthalt in Kuala Lumpur auf eben jenen Christopher Chubb, der dreißig Jahre zuvor unter dem Pseudonym Bob McCorkle seinem ehemaligen Studienfreund David Weiss eine perfide intellektuelle Falle stellte, in welche dieser prompt hineintappte. Hier enden die Parallelen zur Realität. Weiss kommt noch während des Gerichtsprozesses unter mysteriösen Umständen um.

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