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Roman über Eta-Terrorismus : War es das wert?

Gut fünfzig Jahre, 800 Tote: Das ist die Bilanz, der baskischen Terrorbande Eta. 2011 verkündete sie das Ende der Gewalt. Unser Bild zeigt Demonstranten am vergangenen Samstag in Bilbao, die fordern, Eta-Häftlinge ins Baskenland zu verlegen. Bild: AP

Warum mussten durch den spanischen Terrorismus mehr als achthundert Menschen sterben? Fernando Aramburu hat einen großen Roman über Täter und Opfer, über Schmerz, Schweigen und Versöhnung geschrieben.

          Damals, als die Terrorbande Eta noch Jahr für Jahr mehrere Menschen ermordete, erhielt ich bei meinen Besuchen im Baskenland Einblicke in ein rätselhaftes Universum. Die Wände der Altstadt von San Sebastián, der Eta-Hochburg, waren mit Parolen beschmiert. Köpfe von Politikern erschienen im Fadenkreuz. Durch die Gassen zogen Schweigemärsche für einsitzende Eta-Kämpfer. Es war eine verkehrte Welt, in der eine lautstarke gesellschaftliche Gruppe die Gewalt gegen Repräsentanten des „spanischen Staats“ guthieß und für die „Märtyrer“ des baskischen Nationalismus Kerzen aufsteckte. Was immer schieflief, war auch in der Sprache zu beobachten: Vom „Konflikt“ war die Rede, nicht von Mord. Man sehnte sich nach „Frieden“, nicht nach einem Ende des Tötens. Deutsche Nachrichtensendungen nannten Eta mit freundlicher Ahnungslosigkeit eine „Separatistenorganisation“.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Wenn es in der Stadt schon unangenehm sein konnte – in manchen baskischen Dörfern war die Atmosphäre erstickend. Porträts der „Etarras“ schmückten die Rathäuser. Ein Kiosk, der spanische Zeitungen geführt hätte, war nicht zu finden. Denn hier empfand man anders und las die Organe der „izquierda abertzale“, der nationalistischen Linken. Unwidersprochen galt ein trüber ideologischer Mix aus Marxismus und völkisch-agrarischem Denken, der jedem von draußen zeigte, wo er hingehörte: weit weg von hier. Wenn es einen Toten gab, nun ja – irgendetwas würde der Mann schon getan haben. Nicht der Täter, der Ermordete war schuldig.

          Gewalt als ansteckender Virus

          Von dieser Dorfwelt in der baskischen Provinz Guipúzcoa, nahe deren Hauptstadt San Sebastián, handelt Fernando Aramburus phänomenaler Roman „Patria“. Erzählt wird die Geschichte zweier ehemals befreundeter Familien, beide beherrscht von starken Müttern. Da ist einmal Bittori, die ihren Mann Txato durch ein Eta-Attentat verliert und darauf das Dorf verlässt – bis sie sehr viel später zurückkehrt, entschlossen, das einverstandene Schweigen zu stören. Und dann Miren, deren Mann Joxian der beste Freund des Ermordeten war – und deren Sohn Joxe Mari der Mörder.

          „Patria“ ist ein Roman über das Eigene und das Fremde, über „uns“ und „die da“, über Stallgeruch, blinde Loyalität und über das, was in den letzten Jahren viele europäische Gesellschaften wie im Taumel erfasst hat: Identität und das Identitäre. Was verbindet mehr, die Utopie eines unabhängigen Baskenlands oder geteilte moralische Werte? Schlechte Zeiten für die EU-Norm, so viel steht fest.

          Terror im Jahr 1982: schwarz maskierte Eta-Kämpfer

          Dass Bittori und Miren zuvor als beste Freundinnen durch die Gegend gezogen waren, gibt der Geschichte etwas von politischer Allegorie. In mehr als hundert Kapiteln eines dichten, spannenden und weit ausgreifenden Romans umkreist Aramburu den Mord, enthüllt Schritt um Schritt dessen Vorgeschichte und Folgen und liefert zusammen mit der intimen Soziologie eines Ortes, der für viele andere stehen könnte, ein seelisches Protokoll der Beteiligten, wie es so wohl noch nie geschrieben wurde.

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