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Feridun Zaimoglu: Ruß : Und hinterm Wasserhäuschen eine Welt

Bild: Kiepenheuer & Witsch

Das Ruhrgebiet als Remix: Feridun Zaimoglu erzählt vom Leben eines Kioskbetreibers und surft auf den Tonspuren einer untergegangenen Welt.

          Sein Standort in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist nicht leicht zu bestimmen. Unter den Erzählern seiner Generation ist Feridun Zaimoglu gewiss nicht der präziseste. Seine Romane werden nicht auf dem Reißbrett entworfen, ihre Stärke ist nicht die Exaktheit der Konstruktion. Dass seine beiden ersten Bücher, „Kanak Sprak“ (1995) und „Koppstoff“ (1998), als authentische Zeugnisse aus der Subkultur türkischstämmiger Jugendlicher gelesen wurden, war ein unvermeidlicher Irrtum. Zaimoglu war damals ebenso wenig das Sprachrohr türkischer Jugendlicher in Deutschland, wie er mit seinem 2006 erschienenen Roman „Leyla“ zum Sprachrohr türkischer Einwanderinnen der ersten Generation wurde. Er war und ist ein Autor, der ein Ohr für ungewöhnliche Geschichten und Töne hat und sich beides, Geschichten wie Tonfälle, anzuverwandeln weiß, um etwas Eigenes daraus zu machen. Ein unzuverlässiger Protokollant also, aber ein begnadeter Materialsammler, der seine Funde buchstäblich auf der Straße macht.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Recherchiert hat er von Anfang an, aber seine Recherche ist vermutlich weniger penibel als intuitiv. Wenn er reist, und er ist in den letzten Jahren viel gereist für seine Bücher, bringt er aus Krakau, Duisburg oder Salzburg zahllose Details mit und einen Koffer voller Aromen. Die Details setzt er in seinen Büchern zusammen zu Orten, die Krakau, Duisburg oder Salzburg heißen, aber so nicht sind und so nie waren, wie sie hier beschrieben werden. Dass sie dennoch Authentizität beanspruchen dürfen, liegt am Aroma, das Feridun Zaimoglu ihnen verleiht. Es ist ein Aroma, das aus Worten, Tonfällen und Sprachfärbungen hergestellt ist und das Authentizität suggeriert, obwohl es seine Künstlichkeit oft genug deutlich herausstellt.

          Zaimoglus somnambuler Realismus

          Ähnlich paradox verhält es sich mit Zaimoglus eigentümlichem Realismus, der schon lange nicht mehr so tut, als sei es ihm um ein sorgfältig hergestelltes Destillat der Wirklichkeit zu tun. Zaimoglus Realismus, wie er in den letzten Romanen dieses wandelbaren Autors sichtbar wurde, ist ein romantischer, ein poetischer Realismus. Vielleicht trifft es die Sache am ehesten, wenn man von einem somnambulen Realismus spricht. Ihm liegt die Wahrnehmungsweise des schlafwandelnden Flaneurs zugrunde, der nach dem Erwachen die Wirklichkeit unter den Traum subsumiert und umgekehrt.

          „Hinterland“, Zaimoglus vorletzter, vor zwei Jahren erschienener Roman, spielte in Prag und in Budapest, in Krakau und Berlin, auf Föhr und im Märchenwald der deutschen Romantik. Er wurde bevölkert von kleinwüchsigen Zipfelmützenträgern, Kleinganoven, Komponisten, einem Schuhmacher, einem Engelsschnitzer und etlichen anderen. Die Schicksale und Geschichten all dieser Figuren wurden im Roman nicht gebündelt, sondern zuweilen so weit aufgefächert, dass zwischen ihnen Leerräume entstanden, in denen die Figuren kopfüber verschwinden konnten wie in einer Felsklamm. „Hinterland“ war in Episoden komponiert und geprägt durch eine multiple Erzählperspektive, die Haken schlug wie ein Hase auf freiem Feld. Man bewunderte die Beweglichkeit, verlor aber rasch die Lust, atemlos hinterherzujagen.

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