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Feridun Zaimoglu: Isabel : Bei dieser Gewalt verschlägt es selbst dem Autor die Sprache

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Auf der Flucht: Die Türkin Isabel muss etwas Furchtbares erlebt haben – aber was? Bild: dpa

In Feridun Zaimoglus neuem Roman „Isabel“ über eine Türkin in Berlin geht es um einen grausamen Selbstmord. Das Buch ist in einem Rigorismus geschrieben, der den geschilderten Ereignissen sprachlich immer näher kommt.

          Dass sie von einer Notaufnahme zur nächsten renne, befindet ein Freund über das Leben von Isabel. Damit trifft er das Wesen der titelgebenden Heldin aus Feridun Zaimoglus jüngstem Roman allenfalls zur Hälfte: Denn mehr noch, als dass sie irgendwohin rennt, läuft Isabel permanent davon. Wie eine Flucht mutet der Auszug aus der Wohnung ihres Freundes an, der den Auftakt des Romans bildet. Was es mit diesem Mann auf sich hat, welchen Grund die Trennung hat, weshalb sie so panisch erfolgt – das alles bleibt ungesagt.

          Während man also Isabel in den darauffolgenden Tagen begleitet, hin und wieder in ihrer kleinen Wohnung in einem Plattenbau am Alexanderplatz, die ein kaum eingerichtetes Provisorium bleibt, zumeist aber auf ihren Wegen durch Berlin, mag sich zunächst der Verdacht auftun: Dieser nicht mehr ganz jungen, türkischstämmigen Frau muss etwas Furchtbares widerfahren sein. Die Vehemenz, mit der sie jede Annäherung von Männern ablehnt, die Entschiedenheit, mit der sie sich nicht schminkt, die Wut, mit der sie etwa einen Polizisten auf angeblich in den Parkbüschen sich vergnügende Paare hetzt, scheinen auf tiefe Verletzungen zu verweisen.

          Vieles bleibt ungewiss

          Womöglich aber hat das Unglück von Isabel gar keinen konkreten Anlass, vielleicht hat diese Frau sich auch einfach nur selbst verloren zwischen Schauspielambitionen und Modelversuchen, nachdem auch die Berliner Dauerjugendlichkeit irgendwann ein Ende gehabt hat, nachdem das selbstgewählt Boheme-Prekariat schleichend in wahre Armut umgekippt ist.

          Nun bewegt Isabel sich inmitten anderer verlorener Gestalten, wie Helga, der alten Flaschensammlerin, oder lässt sich durch den Schöneberger Transsexuellen-Strich treiben, wo beim gemeinsamen Tee am Kiosk immerhin ein wenig Behaglichkeit aufkommt. Von diesen Männern in Damenkleidern lässt Isabel sich in den Arm nehmen, und sogar ihre kleine giftige Hündin Ruby lässt sich streicheln.

          Bei der Armenspeisung hingegen oder in der Kleiderkammer, die Isabel regelmäßig aufsucht, herrschen härtere Gesetze. Hier scheint jeder dem anderen das Essen zu missgönnen, und die abgelegten Kleidungsstücke anderer werden von Isabel gierig zusammengerafft, der zuständige Student, der eigentlich nicht so viele Stücke auf einmal herausgeben darf, wird notfalls bedroht. Ob Isabel tatsächlich so bedürftig ist, dass sie auf diese Einrichtungen angewiesen ist, oder ob sie hier nur den letzten ihr verbliebenen Rest von Macht ausagiert, bleibt ungewiss, wie so vieles in der Geschichte über diese in einem eigenartig Autismus durch die Welt taumelnde Frau, die alles daransetzt, sich gegen die Welt abzudichten.

          Widersprüchlichkeit passt gut zu Isabels Wesen

          Es passt zu dieser aus den Fugen geratenen Existenz, dass die einzigen Einkünfte, die Isabel hin und wieder hat, ausgerechnet daher stammen, in einen Keuschheitsgürtel gesperrt, dem Beischlaf eines Ehepaars beizusitzen, das auf diese Weise seine Erregungskurven in die Höhe treiben will. Den Keuschheitsgürtel nimmt Isabel demonstrativ mit auf eine Reise zu ihren Eltern in die Türkei, wo ihre Mutter ihr verschiedene Heiratsanwärter präsentiert, in der Hoffnung, Isabels Leben wieder Halt und Struktur zu verleihen. Die Widersprüchlichkeit passt nur allzu gut zu Isabels Wesen: Sie fährt zwar zu ihren Eltern, trifft sich mit den Kandidaten, aber nur, wie es scheint, um sie zu provozieren. Aber auch wenn sich aus dieser Episode eine kulturelle Zerrissenheit herauslesen lässt, mag diese doch nur ihren Anteil zu der grundsätzlichen Verlorenheit von Isabel, die bald nach Berlin zurückkehrt, beitragen.

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