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Ferdinand von Schirach: „Schuld“ Paulsberg hatte nicht mehr töten wollen

07.08.2010 ·  Vom winzigen Spalt, der den Gedanken von der Tat trennt: In den neuen, fesselnden Geschichten Ferdinand von Schirachs gerät unsere Alltagsmoral ins Wanken.

Von Anja Hirsch
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Das Geheimnis der neuen Erzählungen Ferdinand von Schirachs liegt irgendwo an deren Oberfläche, jedenfalls nicht in der Tiefe. Es gibt keine Fallen und Finten. Keine sprachartistischen Manöver. Nur Menschen und ihre gewaltigen Lebens-Steinbrüche, in festen, schwarzen Strichen skizziert, wie zu einer Ausstellung notdürftig mit Titeln versehen: „Kinder“, „Der Koffer“, „Verlangen“, „Schnee“. Oder auch nur ein Adjektiv: „Einsam“.

Das Leben bekommt eine Unwucht

Alle schildern Gewalt. Vor- und Nachspiel mit Strafmaß. Mord, Vergewaltigung, Kindstötung, Folter. Anverwandelte Stoffe, inspiriert durch die Arbeit des Autors als Strafverteidiger (F.A.Z. vom 2. August). Nach dem großen Erfolg des Debütbandes „Verbrechen“ (2009) hat der Autor jetzt fünfzehn Stories nachgelegt: „Schuld“. Und wieder sucht man, die Geschichte rückwärts blätternd, nach genau der Stelle, wo ein Leben zum ersten Mal „eine Unwucht“ bekommt. Wieder ertappt man sich dabei, danach sogar im Text selbst eine Unwucht zu wittern. Hat er hier nicht ein wenig knapp skizziert? Ist der Aufbau nicht zu programmatisch? Wo ist der Sprachwiderstand, der uns je nach Fall verschiedenartige Wunden aufblättern sollte, nicht nur immer wieder die eine, die sich sofort verschließt: „Die Dinge sind, wie sie sind“, gibt uns der Autor als Motto ein Aristoteles-Zitat mit auf den Weg. Also los.

Das Merkwürdigste an diesen Texten ist, dass sie einem erlauben, sich nicht zu ihnen zu verhalten. Tut man es aber doch, bringen sie letzte Glaubensreste zu Fall. Sie verlagern die Frage nach Schuld und Schicksal in unser Lesergewissen. Nur leicht federt die Figur des Strafverteidigers mit dem mehr oder weniger kühlen Kopf diese Frage ab. Wo nicht, laufen die Geschichten als ratlose innere Monologe im eigenen Kopfkino weiter. Sie ziehen an und stoßen ab. Manche lassen einen sogar kalt, weil wir Tatortgeschulten die Anzeichen früh zu deuten wissen und vorbeugen. „Sie hatte nur einen Slip und ein T-Shirt an.“ Oder: „Es waren ordentliche Männer mit ordentlichen Berufen.“ Oder: „Als Henry sechs Jahre alt war, wurde er eingeschult, und die Dinge begannen schief zu laufen.“ Sätze wie Stichwortgeber, bei denen man die emotionalen Einfallsschleusen vorsichtshalber verschließt. Der Blick durch die halb geöffnete Tür in den dunklen Flur. Gleich wird etwas passieren, und man ahnt sogar schon, was.

Die Stille des Verbrechens

Zuvor noch ein kurzer Schwenk auf Zukunftswünsche des Opfers: „wollte mit ihrem Freund durch Europa fahren“; noch ein Jahr Abitur, „dann Medizin in Berlin oder München“, und ja, „sie freute sich darauf“. Jetzt kellnert sie bei einem Volksfest und bringt den „ordentlichen Männern“ der Kapelle hinterm Vorhang ihr Bier. Dann gleitet sie aus. Das Bier ergießt sich über ihr weißes T-Shirt und wird durchsichtig, sie trägt keinen BH. „Weil es ihr peinlich war, lachte sie, und dann sah sie die Männer an, die plötzlich stumm wurden und sie anstarrten. Der Erste streckte die Hand nach ihr aus, und alles begann.“

Möglichen Voyeurismus bedient von Schirach kaum. Sein Erzähler verweilt hinter dem Vorhang und beschreibt den Widerspruch der ungestört weiterpulsierenden Welt: „die Lautsprecher brüllten einen Michael-Jackson-Song, und der Rhythmus auf der Tanzfläche wurde zum Rhythmus der Männer, und später würde niemand etwas erklären können.“ Musik kommt in Schirachs Geschichten selten vor. Sie wirken manchmal so still, dass man nicht einmal genau sagen kann, ob sie zu schlicht und zu einfach und deshalb schlecht sind – oder schlicht und gut.

Im Meer der gleichartigen Fälle

Das Scherenschnittartige dieser Erzählungen, der distanzierende Berichterstatterton verbindet sich mühelos mit geradezu fürsorglich eingeschobenen, informativen Absätzen über Statistik oder juristische Eigenheiten. Als eine Vierzehnjährige nach einer Vergewaltigung ein Kind zur Welt bringt und tötet, zoomt der Erzähler kurz auf all die anderen vielen Schwangerschaften, die nach einem solchen Trauma unvorstellbarerweise unbemerkt bleiben. So ragt jeder Einzelfall aus einem Meer gleichartiger Fälle. Abgründe, die man eigentlich nur als Nachrichten verkraften kann.

Der Strafverteidiger tritt in diese geknickten Leben naturgemäß immer nach der Tat, als Schatten, einnehmend selbstkritisch übrigens, kein Columbo mit Aura, eher Teil eines Kollektivs. In der ersten Geschichte ist er noch Berufsanfänger, der Anzug trägt, wo es nicht verlangt ist; in der letzten Geschichte ist er kurz davor, als ein gewisser Ferdinand von Schirach von einem Klienten in die Psychiatrie eingewiesen zu werden – der umgekehrte Vorgang war eigentlich vorgesehen. Ja, der Autor schreibt auch mit Humor. Vielleicht die beachtlichste Kunst angesichts dieser Stoffe.

Minimalismus der Darstellung

Noch deutlicher als in dem ersten Band wachsen diese Stories jetzt zu einem irren, verrückten Zyklus zusammen, in dem nichts gilt. Schuld, heißt es einmal, „war eine ganz andere Sache“ und keineswegs einfach zu bestimmen. Ein schuldlos schuldig Gesprochener sitzt jahrelang in Haft, weil eine Schülerin eifersüchtig ihre Lehrerin für sich haben wollte und ihm, dem Ehemann, Missbrauch unterstellte; schuldige Männer, die sich gemeinschaftlich an einer Frau vergehen, bleiben dagegen fettwanstig auf freiem Fuß, weil die Notversorgung des Mädchens die DNA-Probe wegwischte. Eine jahrelang misshandelte Frau, die ihren Mann erschlägt, bevor der sich, wie angekündigt, an der zehnjährigen Tochter vergeht, bekommt überraschend mildernde Umstände zugute gehalten.

Liest man die Stories am Stück wie Variationen, werden sie zum Spiegel unserer eigenen, wankenden Moralvorstellungen. Der Minimalismus der Darstellung zwingt uns, alle Perspektiven einmal einzunehmen. Die Orte werden sachlich aufgerufen – ein Bauernhof, „Nutztierhaltung, Kühe, Schweine, Hühner“, zweckdienliche Nomina, die Tatorte abstecken. Mit originellen Adjektiven wird gegeizt. Wir blicken also bisweilen aus den Augen blindwütiger Täter, die nur Schemata erfassen: Frau, blond, hübsch – Reizansichten. Alle Stories sind ins ferne Präteritum gesetzt, mit langen Einschüben im Plusquamperfekt, welche das Hilfsverb „hatte“ mitunter mächtig überstrapazieren. Und während dieses enervierende „hatte“ sich ständig vervielfältigt, fällt doch noch der eine, ungeheuerlich kompakte Satz, in dem alles kulminiert: Absicht und Versehen sowie die undurchschaubar ratternden Rädchen im Menschen: „Paulsberg hatte nicht mehr töten wollen.“

Vom Gedanken zur Tat

Ferdinand von Schirach führt nicht nur in die krausen Randgebiete vielfach zu interpretierender Jurisprudenz. Er führt haargenau in den winzigen Spalt, der die Tat vom Gedanken trennen könnte. Ferdinand von Schirachs Erzählungen tasten unablässig nach der einen Stelle, an welcher die erste Unwucht das Leben zu verbiegen beginnt.

Ferdinand von Schirach: „Schuld“. Stories. Piper Verlag, München 2010. 208 S., geb., 17,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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