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Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini : Diese fatale Schwäche für Pralinen oder Sellerie

Bild: Verlag

Wenn die banalsten Dinge zur Chiffre der Undurchschaubarkeit des menschlichen Lebens werden: Ferdinand von Schirach, Rechtsanwalt und Schriftsteller, schreibt einen Roman.

          Er darf das. Seinen ersten Roman zusammenzimmern und über der Eingangstür einen Satz von Großpapa Hemingway ans Gebälk nageln: „Wir sind wohl alle für das geschaffen, was wir tun.“ Bei jedem anderen Krimiautor sähe das affig aus. Nicht bei Ferdinand von Schirach, dem schreibenden Rechtsanwalt. Er ist ein harter Bursche, der als Kleinwildjäger durch das Unterholz der eigenen Prosa streift. Ungerührt bringt er Nebenfiguren zur Strecke, die getan haben, was sie zu tun hatten, und für mehr nicht geschaffen waren. Philipp, der Freund des Helden aus dem Internat am Bodensee, kommt kurz nach dem Abitur durch einen Holztieflader zu Tode, der plötzlich schräg auf der Straße steht. Die Eltern sitzen praktischerweise ebenfalls im Auto. Caspar Leinen, der Held, naturgemäß nicht. So ist von der Familie, als Caspar später den Mörder von Philipps Großvater verteidigen muss, weil er den Hörer des Notruftelefons der Pflichtverteidiger abgehoben hat, nur Johanna übrig, die verehrte ältere Schwester.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Während der ewigen Internatszeit war Johanna für Caspar unerreichbar gewesen, dann aber, in seinen letzten Ferien mit Philipp, kam sie netterweise aus London nach Venedig angereist, um ihm am allerletzten Abend einen Kuss zu geben. „Er sah ihr nach, und später konnte er sich an keine Zeit erinnern, in der er so glücklich war wie an diesen hellblauen Tagen am Meer.“ Wir sind wohl alle auch für das geschaffen, was uns angetan wird.

          Schachpartien und Baumhausbauplanungen

          Der Großvater wird mit vollem Namen eingeführt, Hans Meyer. Und in der langen Rückblende auf lange Spätsommernachmittage voll von Schachpartien und Baumhausbauplanungen wird dem alten Herrn bei jeder Erwähnung die Ehre der vollständigen Namensnennung erwiesen. Er ist nie Philipps Großvater, sondern immer Hans Meyer. Aufgeweckte Leser – bei Wolfgang Ecke wurde man einst süchtig nach diesen kleinen Belohnungen! – haben sich gemerkt, dass der Name des Mordopfers bei der Eröffnung des Haftbefehls im Amtsgericht Berlin-Tiergarten mit Jean-Baptiste Meyer angegeben worden ist. Caspar Leinen erkennt den Namen aus dem Pass seines mit vier Schüssen in den Hinterkopf getöteten Ziehgroßvaters nicht, muss von Johanna darüber aufgeklärt werden, wen sein Mandant in der Brandenburg-Suite des Hotels Adlon aufgesucht hatte.

          Der Autor, der als eiskalter Engel durch die Reihen seines Personals streicht, hält für den Erklärungsnotfall eine neue Nebenfigur in Reserve. Er dichtet Hans Meyer eine französische Mutter an: Sie nannte ihn „Jean-Baptiste nach Johannes dem Täufer“. Und nicht nach Colbert oder Lully. Hans alias Jean-Baptiste Meyer, als Aufsichtsratschef eines Maschinenbaukonzerns einer der letzten Wirtschaftswundermänner, wird in der zweiten Romanhälfte als SS-Sturmbannführer enttarnt. In Italien hatte er nach einem Anschlag auf deutsche Soldaten die Tötung einer zehnmal größeren Gruppe von Partisanen angeordnet. Der Rentner Fabrizio Collini, der sich in der Lobby des Adlon widerstandslos festnehmen ließ, aber über das Tatmotiv jede Aussage verweigert, ist der Sohn eines Mannes, der auf Befehl Meyers erschossen wurde.

          Die Rechtmäßigkeit von Geiselerschießungen

          Dass der Kriegsverbrecher Meyer ausweislich der vom Autor angelegten Akten ein halber Franzose ist, geht in das Persönlichkeitsbild nicht ein, das der Roman von ihm zu geben versucht. Dabei sollte das Buch statt „Der Fall Collini“ besser „Der Fall Meyer“ heißen: In dem Kreuzverhör, das nach gängigem Muster die Spannung dem Höhepunkt zuführen soll, geht es nicht um die Bluttat im Hotelzimmer, sondern um die Rechtmäßigkeit von Geiselerschießungen im Zusammenhang der Partisanenbekämpfung. Seltsam, dass auch der Ermittlungsrichter den Fall nicht als Mordsache Meyer, sondern als Mordsache Collini führt, als wäre die Schuld des Italieners von Anfang an bewiesen.

          In der Geschäftsstelle der für Kapitaldelikte zuständigen Staatsanwaltschaft, die wir mit den Augen des jungen Anwalts Leinen betrachten, stapeln sich überall die Akten, „geordnet nach einem undurchschaubaren Prinzip“. Angeblich hat Leinen vor zwei Jahren eine Station seines Referendariats genau in dieser Abteilung absolviert. Sollte das Prinzip nicht doch das Alphabet oder das Eingangsdatum sein? Oder einfach das Aktenzeichen? Die banalste Einzelheit kann unter dem Blick des Desinteressierten zur Chiffre der Undurchschaubarkeit des Menschenlebens werden: Nach diesem Gesetz entsteht Ferdinand von Schirachs Prosa.

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