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Felix Hartlaub: Italienische Reise : Durchkreuzte Pläne

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Besessene Beschreibung, kristalline Klarheit: Felix Hartlaubs „Italienische Reise“ über Genua und Cinque Terre bis nach Florenz wird für den achtzehnjährigen Schüler zu einer Studienreise ganz eigener Art.

          Es bedarf keiner besonderen Hellsicht, um diesem Buch ein eigenartiges Lektüreschicksal vorauszusagen. Felix Hartlaubs „Italienische Reise“ wird vom Ende her gelesen werden, rückwärts, quasi von der Apokalypse bis zur Schöpfung. Eine andere Lektüre schließt sich beinahe aus, da Hartlaubs geheimnisvolles Verschwinden im Jahr 1945 sowie die posthume Publikation seiner Kriegsaufzeichnungen mächtige Schatten auf sein Frühwerk werfen. Anders gesagt: Ohne die Aufzeichnungen, den rätselhaften Tod und die hitzige Debatte, die in den fünfziger Jahren um Hartlaub entflammte, würde es die Ausgabe der „Italienischen Reise“ kaum geben.

          Rufen wir uns daher vor Augen, für was Felix Hartlaub bis heute steht: Früh galt der älteste Sohn des Direktors der Kunsthalle Mannheim, Gustav Hartlaub, als außerordentlich begabter Zeichner und Literat. Nach Abschluss seiner geschichtswissenschaftlichen Promotion versuchte er, sich als Autor in Berlin zu etablieren.

          Nach 1945 verliert sich Hartlaubs Spur

          Doch nicht zuletzt der Kriegsbeginn durchkreuzte seine Pläne. Ohne als Dichter größer in Erscheinung getreten zu sein, legte Hartlaub während der Kriegsjahre eine ganz andere Karriere hin, als er sie sich erhofft hatte. Vom einfachen Gefreiten stieg er zum Archivar des Außenministeriums im besetzten Paris auf. Schließlich schrieb er bis in die letzten Kriegsmonate hinein am offiziellen Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht mit. Er arbeitete im Sperrkreis des Führerhauptquartiers, hatte mithin Zugang zu vertraulichsten Dokumenten der Heeresführung. Das hielt Hartlaub nicht davon ab, eine schriftstellerische Doppelexistenz zu führen. Neben offiziellen Berichten verfasste er heimlich seine eigene Chronik des Krieges.

          Präzise Beobachtungen, kleinste Ereignisse, markante Schicksale und Charaktere - die zwischen kühlem Notat und feinsinniger Literarisierung changierenden Aufzeichnungen weisen eine kristalline Klarheit auf, die sie zweifelsohne in den Rang bedeutender Literatur erhebt. Hartlaub allerdings erlebt die Veröffentlichung seiner Arbeiten nicht mehr. Im Frühjahr 1945 verliert sich jede Spur von ihm.

          Wehrmachtsuniform gegen Wanderstiefel

          In der hervorragenden, von Gabriele Ewenz verantworteten Ausgabe von Hartlaubs „Kriegsaufzeichnungen, literarischen Fragmenten und Briefen“ heißt es dazu knapp: „Irene Lessing begleitet ihn noch am 2.Mai zur Berliner S-Bahnstation Nikolassee. Felix Hartlaub gilt seitdem als vermisst.“ In den fünfziger Jahren geben seine Schwester und sein Vater seine Arbeiten heraus. Sie entfachen damit eine öffentliche Debatte über den „Chronisten in Tarnkappe“, sein literarisches Talent und seine gesellschaftliche Verantwortung.

          Bei allem Zwist, eines ist gewiss: Seit knapp zehn Jahren kann man nun Hartlaubs Schaffen in großen Teilen überblicken, seither sind die Stimmen verstummt, die ihn nicht zu den herausragenden Literaten seiner Generation rechnen. Mit der erstmaligen Herausgabe seiner „Italienischen Reise“ legt Hartlaub jetzt Tarnkappe und Wehrmachtuniform ab und tauscht sie gegen Wanderstiefel, Rucksack und Zeichenstift.

          Hartlaub besuchte im Jahr 1931 die Odenwaldschule. Von Mai bis Juni reiste er mit zehn weiteren Schülern durch Italien. Keine Luxusreise, einen Großteil der Strecke bringt die Gruppe zu Fuß hinter sich. Sie kommt in einfachen Pensionen unter oder zeltet in freier Wildbahn. Ihre Route führt vom Lago Maggiore über Genua und die Cinque Terre nach Florenz. Hartlaub führt wie alle anderen Schüler Tagebuch. Die Aufzeichnungen gehören zum Pflichtprogramm. Er jedoch macht sich die Aufgabe zu eigen und nutzt die Italienreise, um das eigene Zeichnen und Schreiben zu schulen.

          Hartlaub weiß zu dieser Zeit längst von seinem ungeheuren Talent. Bereits im Jahr zuvor, kurz nach dem Tod seiner Mutter, hatte er unter Anleitung des Vaters ein vergleichbares Reisetagebuch von seinem Aufenthalt in der Bretagne angefertigt. Im Januar des Jahres hatte er einen Bericht über seine Zeit als Austauschschüler in der „Frankfurter Zeitung“ veröffentlicht. Jetzt arbeitet er die zuvor erprobten Verfahren weiter aus. Sein Blick richtet sich konsequent nach außen. Sein Schreiben geht im Beobachten auf. Alles Persönliche, jede Form von Innerlichkeit spart er aus. Sie blitzt höchstens in einzelnen Sätzen auf. Die erste Person Singular verwendet er überhaupt nur fünfmal.

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