Es wurde auch Zeit. Lange haben die Leser darauf warten müssen, die Wahrheit über Felicitas Hoppe zu erfahren, diese geheimnisvolle Gestalt, die schattenhaft durch die deutsche Literatur der letzten Jahrzehnte geistert. Nun endlich wird der Vorhang gelüftet, und das verdanken wir niemand anderem als Felicitas Hoppe. Sofern sie existieren sollte. Zwar erklärt Wikipedia lakonisch: „Felicitas Hoppe, *22. 12. 1960 in Hameln, ist eine deutsche Schriftstellerin.“ Doch im Laufe der biographischen Spurensuche, die unter der Überschrift „Hoppe“ heute erscheint und mit diesem Satz eröffnet wird, bleibt von dessen Gewissheit nichts übrig.
In Wahrheit nämlich ist Felicitas Hoppe aufgewachsen im kanadischen Brantford, als Tochter einer katholischen Klavierlehrerin aus Breslau und eines Vaters, der aber vielleicht nur ihr Entführer ist. Dank der Mutter spricht sie zwar fließend Polnisch, und auch andere Sprachen erwirbt sie spielerisch leicht, doch ihr vermeintlich vom Vater erlerntes Deutsch ähnelt wohl eher einer Phantasiesprache. Fehlerfrei Deutsch zu schreiben, hat Hoppe nie gelernt, aber gerade ihrer sprachlichen Unbeholfenheit wird der Charme ihrer Prosa entspringen. Schon die kleine Hoppe ist frühreif und hochbegabt. Noch vor dem ersten Buchstaben erlernt sie die Notenschrift, schon als Kind verfasst sie eigenwillige Erzählungen und Verse, darunter Gedichte wie Der Zauberberg und, ein einleuchtendes Sujet, Satan in der Hölle. Wirklich sensationell aber ist ihre Karriere als Eishockeyspielerin, als Musikerin und als Erfinderin, der wir den Leuchtpuck ebenso verdanken wie den leuchtenden Dirigierstab.
Dass sie daneben auch als Schriftstellerin reüssiert, ist eine Folge ihrer romantischen Kinderliebe zu Sagen und Märchen, zu Königen, Rittern und Heiligen. (Man hätte ihr, auch wenn das hier nirgends erwähnt wird, sogar einen Ritterroman zugetraut.) Musik und Literatur verbindet sie in ihren großen Opern; an die Winzeroper „The merry vineyard“ erinnert sie sich, als wär’s ein Stück von ihr. Nur als Autofahrerin versagt sie gründlich, und aus der erhofften Dirigentenstelle in Adelaide wird so wenig wie aus der Liebe zu ihrem ersten Trainer, dem Eishockeystar Wayne Gretzky. 1974 schifft Hoppe sich mit ihrem rätselhaften Vater nach Australien ein; die letzten Lebensjahre verbringt sie in den Vereinigten Staaten, wo sie in den urbanen Kulissen von Las Vegas, mitten in der wüstenhaftesten Wüste, „die schönste und prächtigste Stadt der Welt“ wie eine Allegorie der Kunst erlebt, schöner sogar als Hameln.
Zu den Geschichten erfindet sie auch die Autorin
Hameln? Ja, Hameln. Denn schon in Kanada hat diese obsessive Phantastin für sich selbst eine Kindheit mit vier Geschwistern erfunden, in einer deutschen Kleinstadt namens Hameln. Seit sie in der Schulbibliothek in den „German Folk Tales“ die Geschichte vom Rattenfänger las, träumt Hoppe sich in die Stadt des „Pied Piper“ hinein, tritt in Rattenkostümen auf, sieht sich in ihrer Phantasie vor dem Hamelner „Hochzeitshaus“ stehen und gewinnt aus alldem Stoff für Geschichten. An die fingierten Geschwister schickt sie Briefe, die zur Keimzelle literarischer Texte werden und sich längst im Marbacher Literaturarchiv befinden. Einen ganzen Hoppekosmos phantasiert sie so zusammen, eine literarische Wahn- und Wunderwelt, die sie mit der ihr eigenen Energie der Realität aufzwingt.
Das Ergebnis ist eine der erfolgreichsten Mystifikationen der Literaturgeschichte: Allein mit der Macht ihres Erfindungsvermögens und ihrer bezwingenden Erzählkunst gelingt es der durch die Welt irrlichternden Hoppe, zu ihren Geschichten auch noch deren Autorin hinzu zu erfinden. Nicht die Bücher sind Hoppes eigentliches Werk, sondern die Fiktion von deren Autorin, dieser deutschen Schriftstellerin, die sogar in eine „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“ aufgenommen wird und dort, dem Ritual gehorchend, eine Selbstvorstellungsrede hält, als gäbe es sie wirklich.
Erzählt wird aus einer Art Jenseits
Wer ist es, der oder die dieser Hoppe so unbeirrbar auf die Spur und auf die Schliche kommt? Wir kennen nur die Abkürzung, mit der sie das Buch hindurch ihre Kommentare signiert: „fh“. Mit germanistischer Genauigkeit lässt „fh“ uns einen „Blick in Hoppes frühe Schreibwerkstatt“ werfen, geht den Gerüchten nach, sie sei „angeblich mindestens dreimal verheiratet“ gewesen, zitiert „ausgewiesene Hoppekenner“ und ist überhaupt ganz ausge-fuchst. Da „fh“ aber, wie man unschwer bemerkt, auch die Initialen der mysteriösen Heldin sind, die darum ihrerseits als „fh“ erwähnt wird, ergeben sich Sätze wie dieser: „Hier seht ihr mich (hier meint fh offenbar sich selbst / fh), aber wo steckt Felicitas?“ Die Antwort erfahren wir erst am Schluss, wenn enthüllt wird, wer in Wahrheit „Hoppe erfand“ - die im Übrigen, unbeschadet ihrer bloß fiktiven Existenz, trotzdem in Berlin zu leben scheint, endlose Listen über all ihre Erfindungen führt und nebenbei die Bücher von Felicitas Hoppe schreibt.
Falls sie noch lebt. Denn immer wieder spricht „fh“ über Hoppe wie über eine Tote: Nachgelassene Zettel werden entziffert, Früh- und Spätwerk kontrastiert, Rückblicke auf ein fremdes Leben geworfen. „Hoppe“ ist eine Geschichte buchstäblich nach dem Tod der Autorin, erzählt aus einer Art Jenseits; und von welchem Ort aus eigentlich gesagt wird, dass „ich seit Jahren verschollen bin“, bleibt offen.
Zitatspiele mit graziösem Glanz
Das alles könnte nach anstrengender Germanistenprosa klingen, nach Eitelkeit und Narzissmus, postmodernem L’art pour l’art. Nichts wäre verfehlter als dieser Verdacht. Tatsächlich ist es gleich eine ganze Horde von Stieren, die hier bei den Hörnern gepackt wird. Aber Felicitas Hoppe gewinnt diesen Kampf mit Glanz und Grazie. Hinter allen Sprüngen durch Zeiten, Schauplätze und Identitäten, hinter allen Parodien der Parodie, allen Spiegeln im Spiegel wartet ein kluges, befreiendes und gänzlich uneitles Lesevergnügen. Wer „fh“ durch alle labyrinthischen Irrgänge gefolgt ist, kommt am anderen Ende des Buches glücklicher und klüger wieder heraus - „denn zwei Schritte hinter der wirklichen Welt tut sich ein unermesslicher Raum auf“.
Dieser Raum erweist sich rasch als eine zauberische Parallelwelt voller wundersamer Gefährten - denn „wo eine richtige Mannschaft ist, da findet sich auch das passende Eis“. Zu Hoppes Mannschaft gehören so sinistre Phantasiegestalten wie Clark Dark und der zwielichtigen Melville Drugs, reale Figuren wie der Telefonpionier Alexander Bell, die Fürstin Adelheid von Sachsen-Meiningen, der in Australien verschollene Forschungsreisende Ludwig Leichhardt, immer wieder Glenn Gould - und viele, deren ontologischer Status zweideutig bleibt, Romanfiguren und Selbsterfinder, Seefahrer wie Kapitän Small und all die Verbrechern und Versagern, diese teils historischen, teils fiktiven Abenteurer aus dem gleichnamigen Erzählungsband einer Autorin namens Felicitas Hoppe. Es gehört zum Vergnügen, dass man solche Zitatspiele bemerken darf, aber nicht muss, ebenso wie die zarten Motivechos, die den Hallraum dieses Romans erfüllen.
Manchmal sitzt Hoppe sinnend auf dem Stein Walthers von der Vogelweide, winkt mit Nabokovs Schmetterlingsnetz und findet auf den Spuren Kafkas „weder Schakale noch Araber“. Dann wieder folgt sie den Spuren Pinocchios und Pippi Langstrumpfs, besucht mit Jules Verne die leitmotivischen Kinder des Kapitäns Grant und mit Frank L. Baum das Land des Zauberers von Oz und erprobt schreibend die Kunst der Fuge. Und immer wieder stellt sich der wundersame Hoppe-Effekt ein, den sie in einem ihrer komisch fingierten Selbst-Verrisse so formuliert: „Nicht selten drohen die realhistorischen Figuren unter einer Fülle eigener Geschichten und Assoziationen unterzugehen.“ Etwas Besseres kann man ihnen gar nicht wünschen.
Eine geniale Eulenspiegelei
Das heimliche Muster von Hoppe ist der Don Quijote, dieses Lieblingsbuch der deutschen Romantiker. Wie bei Cervantes wird, was einmal als literarische Parodie begonnen haben mag, zum Triumphzug einer Phantasie, die sich, angefochten und unbesiegt, über die Fesseln der Wirklichkeit erhebt, erst recht über die des eigenen Ich. Ausdrücklich auf „Erlösung“ geht es hinaus in dieser, wie die literaturkritisch befangene „fh“ tadelnd notiert, „Tröstungsliturgie und Selbstrettungsprosa“. Die Bedrohungen werden deutlich ausgesprochen. Da sind die Ängste und Peinlichkeiten des Körpers, die Panzerung in Rollen, die schützen sollten und zu Käfigen werden, da sind die täglichen Wechselbäder von Ehrgeiz und Enttäuschungen, da sind Familienbande und Liebesmissverständnisse.
Ihnen entkommt der Text auf der halsbrecherischen Reise durch die Schluchten des Egoismus und über die Eisberge der Eitelkeit - in eine Freiheit, in der, mit Lichtenbergs leitmotivisch zitiertem Konjunktiv, immer alles auch anders sein könnte, angefangen mit der Person, die wir „ich“ nennen. „Denn auf welchen Namen wir wirklich getauft sind, wer kann das schon wissen.“ Hoppes Hoppe, diese freche, über alle Stränge schlagende tour de force, ist eine literarische Abenteuerreise und eine romantische Eulenspiegelei, Schelmenstück und Geniestreich. Und eine ganz demütige, weil am Ende aller dialektischen Pirouetten buchstäblich selbstlos gewordene Einübung ins Glück des Erzählens.