http://www.faz.net/-gr3-rh7q

Fantasy : Die Gedanken sind Freya

  • -Aktualisiert am

Erst 18 Jahre alt und schon Autorin: Freya von Korff Bild: Piper-Verlag

Die Zukunft des Fantasy-Romans: Eine junge Autorin bekämpft die Herren der Finsternis. Freya Gräfin von Korff ist erst 18 Jahre alt, hat aber schon zwei Romane veröffentlicht.

          Da sitzt ein junges Mädchen im Wintergarten im Haus ihrer Eltern am Stadtrand von Kiel. Sie trägt einen weißen Rock, und sie spielt gerne Tennis und Flöte. Freya Gräfin von Korff ist unbeschwerte achtzehn Jahre alt. Sobald sie aber am Schreibtisch sitzt und Geschichten in ihren Laptop tippt, hat sie alle Sorgen dieser Welt. Dann gilt es, für das Gute zu kämpfen, um die bösen Mächte der Unterwelt zu besiegen. Für die Tochter eines Anwalts und einer NDR-Rundfunkrätin kein Problem: Aus ihrem Kinderzimmerfenster sind zwar nur Wiesen und Felder zu sehen, schaut sie jedoch nach innen, dann sind da Schattenwälder, Drachenwüsten, ein Heer verlorener Seelen - und ihr furchtloses Alter ego Selina Albion.

          Mit dreizehn Jahren stellte Freya fest, daß in ihren Lieblingsbüchern „Die unendliche Geschichte“, „Märchenmond“, „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ immer männliche Helden im Mittelpunkt stehen. Da beschloß sie einfach, selbst Geschichten zu schreiben. Mit weiblichen Hauptfiguren. Als sie fünfzehn war, erschien ihr erster Roman „Sally Virkahn - Der Stein von Numbore“ als Book On Demand. 2004 nahm der Piper-Verlag das Buch unter dem Titel „Jenseits der Zauberweiden“ ins Programm. Gerade hat der Verlag mit der „Reise nach Antaria“ den zweiten Teil der als Trilogie angelegten Geschichte der Superheldin Selina Albion herausgebracht.

          Sie urteilt selbstbewußt über die Konkurrenz

          Wenn Freya von Korff - tatsächlich heißt sie von Kerssenbrock, wenn Freya also in diesem Tempo weitermacht, dann könnten ihre Bücher bald so erfolgreich werden wie die Debüts der jungen Schottin Emma Maree Urquhart (“Dragon Tamers“), der Französin Flavia Bujor (“Das Orakel von Oonagh“) oder die des US-Amerikaners Christopher Paolini (“Eragon“). Der verkaufte den ersten, 600 Seiten umfassenden Teil der Eragon-Saga zunächst eigenhändig, bis ein Verlag auf den damals fünfzehnjährigen Autor aus Montana aufmerksam wurde und Druck und Vertrieb übernahm. Inzwischen sind mehr als eine Million Exemplare über die Ladentische gegangen, und „Eragon“ verdrängte sogar „Harry Potter“ von der US-Bestsellerliste.

          Freya urteilt selbstbewußt über die junge Konkurrenz: Bujors Charaktere seien zu flach, und bei Paolini habe sie „eine furchtbare Parallele“ festgestellt: Sein Opus sei eine Kopie von „Star Wars“.

          Kultureller Mainstream

          Das mag richtig beobachtet sein, doch sind auch die Phantasiewelten, die die junge Autorin entwirft, stark vom kulturellen Mainstream geprägt. Schonungslos bedient sie sich bei ihren Vorbildern. Namen, Motive, ganze Handlungsstränge setzt sie in leicht abgewandelter Form aus Science-fiction- und Fantasy-Epen oder Fernsehserien wie „Buffy - The Vampire Slayer“ und „Sabrina - The Teenage Witch“ zusammen. Und ihre rasant geschriebenen und brutalen Romane funktionieren vor allem deshalb so gut, weil es darin, wie in allen Mythen, um nichts weniger geht als um den archaischen Kampf von Gut gegen Böse, Leben und Tod, Vertrauen und Verrat.

          Was ihre Bücher aber auszeichnet, ist, daß die Abenteuer, die ihre Figuren erleben, keine typisch jugendlichen Coming-of-age-Geschichten sind. Mit Selina Albion hat sie eine einsame und von Anfang an unabhängige und selbstbewußte Heldin geschaffen, die sich nicht erst von ihren Eltern, Mitschülern oder Lehrern emanzipieren muß, um erwachsen zu werden. „Ein Mädchen“, lautet der Schlüsselsatz in der „Reise nach Antaria“, „konnte doch Gorgon nicht besiegen.“ Genau dieses Vorurteil versucht Selina Albion auf jeweils fast 300 Seiten zu widerlegen: Ein Mädchen kann alles, was es will - wenn es will.

          Mit dem Schwert gegen Monster und Menschen

          Freya von Korff ist die jüngste Fantasy-Autorin in Deutschland. Ihre Lektorin Friedel Wahren hat beobachtet, daß sich immer mehr Teenager literarisch in romantische, aber keineswegs idyllische Parallelwelten flüchten. Sie erklärt das Phänomen der jungen Autorinnen mit dem durch die „Harry Potter“-Romane und „Herr der Ringe“-Filme ausgelösten Fantasy-Boom: „Geschrieben haben Jugendliche immer. Und dieses Genre des Eskapismus ist ideal, um sich in fremde Welten hineinzukatapultieren.“ Die jungen Frauen, die jetzt verstärkt auf den Fantasy-Markt drängen, kompensieren die Defizite, die sie in einem männlich dominierten Alltag erleben, indem sie ihre Allmachtsphantasien auf dem Papier ausleben. Auf fast jeder Seite schlägt Selina Albion mit dem Schwert auf Monster und Menschen ein und wird am Ende sogar zur Mörderin.

          In Wirklichkeit ist Freya natürlich nicht ganz so hart und erbarmungslos, aber sie weiß ziemlich genau, was sie will: Jura studieren und die Welt sehen. Schreiben ist für sie nicht mehr als ein Hobby: „Ich will im Leben stehen“, sagt sie, „anstatt es nur von außen zu betrachten.“ Deshalb verbrachte sie ein High-School-Jahr in den Vereinigten Staaten und lebte dort wie Selina Albion in einem Internat. „Das war toll, man lebt mit seinen Freundinnen zusammen, als wären sie Schwestern.“ In Deutschland muß sie sich gegen zwei Brüder behaupten, das prägt sie: „Ich bin der weibliche Bruder in der Mitte.“ In ihrer Phantasiewelt werden ihr dagegen keine Grenzen gesetzt. „Ich will nicht wegrennen“, sagt sie, „aber ich will der Realität für einige Zeit entkommen.“

          Erst mal Abitur

          Das versuchen auch Carol, die spielsüchtige Heldin in Emma Maree Urquharts schmalem Roman „Dragon Tamers - Reality Goes Virtual“, und die drei Mädchen in Flavia Bujors „Orakel von Oonagh“. Beide Autorinnen waren zwölf, als sie die fabelhaften Fluchtgeschichten aufschrieben, in denen junge Frauen gegen die Herren der Finsternis antreten. Ihr sei es, sagt Flavia Bujor, auf die Hoffnung angekommen, daß die Angst überwunden werden könne, die jeder in seinem Innersten habe.

          Freya Gräfin von Korff muß jetzt erst mal ihr Abitur machen. Und solange sie noch bei ihren Eltern wohnt, wird sie sich die gleichen Sprüche anhören müssen wie ihre Heldin: „Statt nachts durch den Zauberwald zu streunen und übernächtigt im Unterricht herumzuträumen, solltest du lieber früher ins Bett gehen.“

          Freya Gräfin von Korff: Die Reise nach Antaria. Verlag Piper. 285 Seiten, 14 Euro.

          Weitere Themen

          Blutspur im Puppenhaus

          Schauspiel Stuttgart : Blutspur im Puppenhaus

          Kleine Ursachen, große Wirkungen und umgekehrt: Saisonauftakt am Staatstheater Stuttgart unter der neuen Intendanz von Burkhard C. Kosminski mit Wajdi Mouawads „Vögeln“ und der Groteske „Abweichungen“ von Clemens J. Setz.

          Topmeldungen

          Streitgespräch : Handys raus?

          Haben Smartphones, Laptops und Tablets etwas in Vorlesungen und Meetings zu suchen? Die Professoren Miloš Vec und Jürgen Handke sind darüber diametral anderer Meinung. Wir haben sie an einen Tisch geholt – und es gab Streit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.