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: Falsch verbunden

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Chuck Berry beantwortet Fragen nach seiner Vergangenheit so: "Jeder war mal Kind, da gibt's nichts zu erzählen." So redet der Rock 'n' Roller, der weiß, was er hinter sich hat. Mit der Heimat verhält es sich genauso: Jeder hat eine. Aber man muß nicht unbedingt darüber reden. Es ist ein Irrtum der ...

          Chuck Berry beantwortet Fragen nach seiner Vergangenheit so: "Jeder war mal Kind, da gibt's nichts zu erzählen." So redet der Rock 'n' Roller, der weiß, was er hinter sich hat. Mit der Heimat verhält es sich genauso: Jeder hat eine. Aber man muß nicht unbedingt darüber reden. Es ist ein Irrtum der jüngeren Generation - nennen wir sie Generation Kuschelrock -, anzunehmen, daß Jahrgangszugehörigkeit und Herkunft schon gemeinschaftsstiftende Elemente wären.

          Florian Illies zitiert in seinem neuen Buch, in dem er sich in seinen hessischen Heimatort zurückversetzt, gleich am Anfang Bruce Springsteen - auch so ein Rock 'n' Roller, der, wenn er von "my hometown" singt, mit Sicherheit weiß, wovon er redet. Als Springsteen den Song herausbrachte, war er so alt wie Illies jetzt, nämlich fünfunddreißig. Da fängt man an, sich älter zu machen, als man ist. "My Hometown" handelt von einer Kleinstadtjugend, die zwar fast alles hatte - Freundin, Auto und Geld fürs Kino -, die aber jetzt, angekommen in der Elterngeneration, keinen Grund sieht, sich nach einem Ort und einer Zeit zurückzusehnen, die voller Konflikte und Unsicherheiten waren. Doch Illies erwähnt den Song ersichtlich nur deswegen, weil das Thema "Heimat" darin vorkommt, und leitet aus der Tatsache, daß er selbst aus einer Kleinstadt kommt und jetzt schon länger in Berlin wohnt, die Notwendigkeit ab, von einer kollektiven Sehnsucht nach der Provinz zu sprechen.

          Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich Großstädter hin und wieder nach etwas Ländlichkeit, Langsamkeit und Ruhe sehnen. Aber warum aus einer rein persönlichen Sehnsucht gleich eine allgemeine machen? Hier liegt das Problem der Popliteratur-Generation, die zwischen Identifikation und Erwähltheitsbewußtsein schwankt: Wenn es allen anderen nicht auch so geht mit ihren Konsumgewohnheiten, täglichen Verrichtungen und dem bereits daraus abgeleiteten Lebensgefühl, dann wird es für sie uninteressant, oder sie meinen, unsicheren Boden voller Abgründe, Ängste und Animositäten zu betreten, obwohl darauf schon ganz gute Bücher entstanden sind. Grundsätzlich ist es ja so, daß jeder schon einmal Apfelsaft getrunken, Torte und Nutella gegessen und ferngesehen hat. Sich darüber zu verständigen, zielt auf eine Zeitgenossenschaft, die nichts bedeutet.

          Aber mit solchen Erwägungen stört man das souverän und hermetisch vor sich hin plätschernde "Ortsgespräch" (guter Titel übrigens!) nicht; auch nicht mit einer Kritik an Begriffen wie "Provinz" und "Moderne": "In der Provinz schließen sich Herzlichkeit und Pragmatismus also nicht aus." Das tun sie auch sonst nicht, möchte man meinen. Um die Unzeitgemäßheit einer Tante zu belegen, berichtet Illies, daß diese "die Technik der modernen Automobile gar nicht erst zu verstehen versuchte". Dies dürfte bis heute und auch in der Großstadt die Regel sein: Niemand außer den Lesern von Fachzeitschriften interessiert sich dafür; Hauptsache, das Ding läuft. An anderer Stelle steht: "Heimatgefühl war lange verboten, höchstens das Grundgesetz durfte man lieben, sein Auto oder seine Frau." Gemeint ist das Heinemann-Zitat; aber da geht es nicht um Liebe zum Grundgesetz (Verfassungspatriotismus), sondern zum Staat.

          Doch dürfen die bedächtigen Ausflüge ins Zeitdiagnostische eines nicht verdecken: die Freundlichkeit, mit der sich Illies einer Provinz nähert, über die man schon verächtlicher hat reden hören. Sie ist beim Autor persönlich beglaubigt und die Voraussetzung für eine Weltläufigkeit, die mit diesem Buch auffallend kontrastiert; und sie ist, als Weltoffenheit, die sich nicht zu fein dafür ist, sich auch ums Abgelegene, wenig Glanzvolle zu kümmern, die Voraussetzung seines Gespürs für Trends oder seiner Fähigkeit, welche zu setzen. Die darauf konsequent zugeschnittene Perspektive wird an zwei Stellen verräterisch durchbrochen: "Angeblich gehöre ich ja der letzten Generation an, die sich noch an Winter mit Schnee erinnert." Vielleicht ist alles ganz anders und der Alltag immer und überall grau? Dann korrigiert er sich und spricht von der "Sehnsucht nach der Sehnsucht nach dem Land". Ja, wenn das so ist?! Nicht zufällig will Illies nur ein Gespräch mit seinem Ort führen; von Um- und Rückzug ist keine Rede.

          Die Erzählhaltung bringt es mit sich, daß niemand aus dem zahlreichen Heimatpersonal Kontur bekommt, keine Tante, kein Bademeister und kein Heizungsmonteur, erst recht kein näherer Angehöriger. Sie alle sind Statisten, die das auf harmloses Wohlgefühl getrimmte Provinzbewußtsein auspolstern. Warum das so ist, darüber zu mutmaßen verbietet sich, genauso wie über die Frage, ob der Autor eigentlich unter irgend etwas gelitten habe oder - immerhin sind wir in der Provinz - mit körperlicher Arbeit in Berührung gekommen ist. Der Mangel an Konflikten ist das Erstaunlichste an diesem überhaupt nicht unangenehm zu lesenden, die Sicht seltsam kunstvoll verengenden Buch.

          Was also frommt uns das alles? Nietzsche wollte von den Griechen, die in der Sonne lagen und dem Wein zusprachen, wissen, sie seien oberflächlich aus Tiefe gewesen. Auch Florian Illies läßt es sich im ganzen recht gutgehen, viel auszustehen hat er nicht. Dies auf unangestrengte Weise vermittelt zu haben, mag sein Buch abgründiger erscheinen lassen, als mancher meinen wird.

          Florian Illies: "Ortsgespräch". Blessing Verlag, München 2006. 206 S., geb., 16,95 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.09.2006, Nr. 222 / Seite 52

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