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Bernsteins „Frische Gedichte“ : Untergang des Abendlandes? Grad noch da, und dann verschwand es

Von der „Neuen Frankfurter Schule“ ist nach dem Tode Robert Gernhardts und F.K. Waechters nur die Stimme F.W. Bernsteins geblieben. Er, der Lyriker des Grotesken und des Grandiosen kehrt nun mit „Frischen Gedichten“ zurück.

           

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auf den ersten Blick ein Klassiker: grüner Leineneinband, Goldprägung, Oktavformat, Fadenheftung. Doch dann der Titel: „Frische Gedichte“. Ja, wie denn nun?

          So nimm denn, Freund, dir dieses Büchlein vor
          und überprüfe Inhalt, Ton und Form.

          Und wenn’s der Worte wert ist, dann besprich es
          als etwas Gutes oder Wunderliches.
          Dein Urteil sei die Pforte meines Ruhms,
          mein Niedergang, mein Absturz, mein Triumph.
          Leg an dein Maß, und lass die Welt es wissen,
          ob dieses Zeug saugut, ob es beschissen.





          F.W. Bernstein: „Frische Gedichte“. Verlag Antje Kunstmann, München 2017. 208 Seiten. 18 Euro.
          F.W. Bernstein: „Frische Gedichte“. Verlag Antje Kunstmann, München 2017. 208 Seiten. 18 Euro. : Bild: Verlag Antje Kunstmann

          So dichtet nur noch einer: Fritz Weigle alias F. W. Bernstein. Er war Bestandteil eines Triumvirats, das von 1964 an in der Satirezeitschrift „Pardon“ die Nonsensbeilage „Welt im Spiegel“ erfand und füllte: Robert Gernhardt, F. K. Waechter und eben F. W. Bernstein. Daraus entstand jener Humor, der heute als „Neue Frankfurter Schule“ bekannt und überaus beliebt ist. Die drei jeweils als Autoren und Zeichner tätigen Redakteure führten eine Unzahl neuer Formen in die Komik ein, und in einem Gedicht, das er anlässlich Waechters Hochzeit 2004 geschrieben hat, seufzt Bernstein denn auch auf: „Ach, in der Neuen Frankfurter Schul’ / gibt’s so viele neue Schulpflichten.“ Die wichtigste lautete: nicht langweilen. Seitdem Gernhardt und Waechter tot sind, ist uns vom unverkennbaren Sound der Gründerväter nur die Stimme Bernsteins geblieben.

          Dass die bei einem Neunundsiebzigjährigen derart jugendfrisch - „Frische Gedichte“ fürwahr - erschallen würde, war kaum zu erwarten. Dass nach der schlicht „Die Gedichte“ betitelten Sammelausgabe von 2007 noch mehr als zweihundert Seiten neue Poesie entstehen würden, auch nicht. Und so bernsteintypische.

          Ein Zweizeiler wie „Der Untergang des Abendlandes? / Grad war’s noch da - und dann verschwand es“ wäre außerhalb des Kontextes der „Frischen Gedichte“ kaum eindeutig einem Einzelnen des Trios zuzuschreiben, doch wenn ein isolierter ungereimter Vers das Schema aufsprengt, ist Bernsteins Urheberschaft erkennbar. Wie etwa bei der Beschwörung eines Vollmonds, der so voll ist, dass er sich übergeben will, doch sich dabei beobachtet sieht.

          Der Mandelbaum, der spanische,
          spielt plötzlich ins Japanische:

          ganz scherenschnittig ziseliert,
          fein transparent da hindrapiert, spreizt er sein Filigrangeäst, was leider alles sehen lässt
          vom Mond


          Und so endet diese peinliche Situation:

          Was soll’s? In einer knappen Stunde wird unser Freund, der pralle, runde, dort hinterm Berg verschwunden sein. Da ist er ganz mit sich allein. Da tut er’s dann. Weil ich ihn nicht mehr sehen kann. Typisch.

          Auch ganz typisch für Bernstein: diese Akzentuierung durch Reimverzicht und Versverkürzung. Auch der Rhythmusbruch ist ihm ein probates lyrischens Mittel zur Erzeugung von Komik oder zur Erzeugung von Witz - was nicht dasselbe ist. So sind die vier Rilke-Variationen, die sich in „Frische Gedichte finden, mal komisch und mal witzig, je nachdem, wie sehr Bernstein darin verspottet oder variiert. Die reinen Formen beherrscht er auch, verwendet sie aber für Zwecke, die ihnen zuverlässig das literarisch Hehre austreiben - zur Freude des Lesers, etwa im Falle jenes Sonetts, das Bernstein beim Betrachten eines gezeichneten „Hassblatts“ seines Freundes Chlodwig Poth zum Thema Radfahrer einfiel.

          Wie Würste eingehüllt in bunte Häute und um die nied’re Stirn ein Frotteeband - Was treibt um Himmels willen diese Leute raus auf die Straße? Es ist eine Schand’.

          Ein bucklicht’ Keuchen über den Pedalen, so strampeln sie gradaus und starren Blicks; ihr Hinterteil freut sich an Sattelqualen. Humanität und Geist gilt diesen Ärschen nix.

          Seht, was uns alle ärgert: das gemeine, das nied’re Weltgesindel, zu nix nutz! Der Zeichner macht den Radlern dicke Beine und Helme: Auch der leere Kopf braucht Schutz.

          Ach, Chlodwig: Diese Deppen auch noch hassen? Sie müssen sich von dir ja zeichnen lassen.

          Bitterböse? Gewiss. Verallgemeinernd? Ja, sicher. Ungerecht? Na ja. Saugut? Aber allemal.

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