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F.A.Z.-Top 12 der Literatur zur Buchmesse : Der Zettelkasten des Weisen von Mailand

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Bild: Hanser Verlag

Umberto Eco scheitert an seinem Spieltrieb, Alfred Döblin bekommt endlich eine grandiose Biographie, Kurt Flasch nennt Fäkalien in Dantes Werk beim Namen, und Michael Lentz liest und lebt und lebt und liest: Zwölf F.A.Z.-Literaturempfehlungen zur Buchmesse.

          Umberto Eco scheitert an seinem Spieltrieb, Alfred Döblin bekommt endlich eine Biographie, Kurt Flasch nennt Fäkalien in Dantes Werk beim Namen, und Michael Lentz liest und lebt und lebt und liest: Zwölf F.A.Z.-Literaturempfehlungen zur Buchmesse.

          Ein Roman kann scheitern, weil sein Autor nichts zu erzählen hat. Oder weil er erst einmal seine oder irgendeine Sprache hätte lernen sollen. Weil ihm keine Figuren eingefallen sind. Weil er faul war und zu wenig über die erzählten Sachgehalte nachgedacht hat. Weil er sich zu früh mit sich zufriedengab, weil er Abziehbilder abgezogen hat, weil er affektiert ist oder humorlos oder langweilig oder dumm oder hartherzig. Oft hängen diese Gründe, es gibt noch mehr, zusammen, mitunter genügt aber auch einer von ihnen.

          Aus keinem der genannten Gründe könnte ein Roman Umberto Ecos jemals scheitern. Belesen, denkend, fleißig, witzig, konversationsfreudig und also empfindlich gegen Langeweile ist Eco sowieso. Außerdem hat er den „Namen der Rose“ geschrieben, die herrlichste Verteidigung des Verstandes unter ungünstigen Umständen, die wir je in einer langen Nacht, es ist fast dreißig Jahre her, durchgelesen haben. Dem Erfinder von Salvatore, Adson von Melk und später von Baudolino hält man keine Ansprachen über gute Figuren. Und dem Autor von „Zeichen“, von „Lector in fabula“ und von „Im Wald der Fiktionen“ keine über Literatur. Eco ist, wie Enzensberger, Claude Simon oder Thomas Pynchon - ja, ja, Äpfel und Birnen, aber genau die muss man vergleichen! -, eine derjenigen Erscheinungen an Gelehrsamkeit und Phantasie, von denen man sich freut, ihr Zeitgenosse zu sein, von denen man ständig etwas lernt.

          Über die Verheerungen bloßer Geistlichkeit

          Das gilt auch für Ecos neues Buch. „Der Friedhof in Prag“ handelt von einer, nein, von mehreren Verschwörungen, und zwar aus der Sicht eines Verschwörers, der eine Verschwörungstheorie in Umlauf setzt. Der Stoff ist die Entstehung der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“, einer Hetzschrift gegen das Judentum, die 1903 in Russland erschien, vermutlich auf Betreiben des Geheimdienstes, dem an Pogromstimmung und illiberaler Atmosphäre lag. Diesem Pamphlet zufolge sollen sich maßgebliche jüdische Repräsentanten einst im Geheimen getroffen haben, um sich über ihre Grundsätze künftiger Weltherrschaft auszutauschen. Eco erzählt die Literaturgeschichte dieses schon 1921 als Fälschung aufgeflogenen Dokuments. Er stellt uns ihren eigentlichen Erfinder vor.

          Tatsächlich war es eine Literaturgeschichte, in der Szenen aus Romanen - etwa Abenteuerscharteken von Alexandre Dumas und Eugène Sue voller pittoresker Szenen - mit politischen Traktaten vermischt wurden, in der man Texte, die gegen die Jesuiten gerichtet waren, in Texte, die gegen die Freimaurer polemisierten, übertrug. Wo zunächst „Freimaurer“ stand, war kurz darauf „Jude“ zu lesen. Eco führt uns in das Verdachtsmilieu des neunzehnten Jahrhunderts, in dem die Diktatur des Antiquariats besonders unheilvoll wirkte und Geschichte mitunter als die Geschichte konfessioneller und intellektueller Deutungskämpfe darum erschien, wem man die Zumutungen der Moderne in die Schuhe schieben kann. Nicht selten verlieren dabei die Verschwörer auch selbst den Überblick, mit wem sie gerade - etwa in den Tagen der Pariser Kommune - gegen wen koalieren. Umberto Ecos Buch führt vor, wie verheerend bloße Geistigkeit ist und wie heillos eine Welt, in der allein Meinungen ausschlaggebend sind.

          Zu jedem Konflikt den passenden Betrug

          Ecos Protagonist, 1830 geboren und 1897 schreibend, ist der Sohn eines italienischen Offiziers. Der war selbst Anhänger der nationalen Revolution von Garibaldi und Mazzini, sein Nachwuchs aber, fast mehr aus Reiz an der Aufgabe als aus Überzeugung, neigte sich der katholischen Reaktion zu. Dagegensein individualisiert. Sein Großvater hielt die Juden für das Unglück, das genügte als Prägung. Odi ergo sum: Ich hasse, also bin ich. Bei einem Notar lernt jener Simonini das Fälschen von Dokumenten und auch, wie man durch Schreiben Tatsachen schafft. Zug um Zug und durchaus willens gerät er in die Netzwerke klerikaler wie monarchistischer Strategen. Er wird zum Handlanger, lügt, mordet, fälscht weiter, muss flüchten, landet in Paris und hat über all dem die Konspiration zum Beruf gemacht.

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