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F.A.Z.-Romane der Woche : Wiederbelebte Staaten leben länger

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Bild: Verlag

Simon Urban gibt in „Plan D“ der DDR eine zweite Chance, Leif Randt schreibt einen fast epochalen Generationenroman, Per Petterson erzählt übers Erwachsenwerden und Hisham Matar berichtet von einem jungen Libyer.

          Ende Oktober 2011, die Frankfurter Buchmesse liegt gerade drei Tage zurück, hängt ein Toter im Walde, ganz still und stumm. Er baumelt an einer dicken Gaspipeline, der Nordmagistrale im Berliner Bezirk Köpenick, ist um die achtzig Jahre alt und gut gekleidet. Die Schuhbänder hat man ihm mit acht Knoten zusammengebunden. Ein Symbolmord? Am 8. Februar 1950 wurde das Ministerium für Staatssicherheit gegründet. Ist doch alles längst erledigt. Eben nicht.

          Die Deutsche Demokratische Republik ist gar nicht tot, sie war nur in Schwierigkeiten, damals, als die Mauer aufging und die Massenflucht einsetzte. Aber man hat das dann anders geregelt. Wer unbedingt gehen wollte – es waren eineinhalb Millionen –, den ließ man ziehen. Dann machte man die Mauer wieder zu. „Wiederbelebung“ heißt das seither in den Geschichtsbüchern. Und Egon „Achtung“ Krenz ist noch immer Staatsratsvorsitzender. Dem Ministerrat sitzt ein gewisser Gregor Gysi vor, Otto Schily hat auch Ministerrang, Sahra Wagenknecht hat sich als Filmheroine profiliert, Margot Honecker lebt im Feierabendheim Alpha, und Kulturminister Dath ist auf Literaturrundreise in Bulgarien.

          „Die Stasi mordet wieder“

          So weit die Ausgangslage in Simon Urbans Roman „Plan D“. Der Tote gefährdet die Zukunft des Staates, denn Ende November will der Kanzler der Bundesrepublik – Oskar Lafontaine sein Name – zu Konsultationen anreisen, und mit Egon Krenz um die Wette Thüringer Würste essen. Der Westen braucht Gas, das in Russland gefördert und über das Territorium der DDR geleitet wird. Da kommt es gewiss nicht gut an, wenn „Spiegel“-Chefredakteur Claus Kleber eine Titelstory vorbereitet: „Die Stasi mordet wieder. Wie ein unbelehrbarer Geheimdienst Europas Energiezukunft verspielt“.

          Auf die Idee hat einer kommen müssen. Es ist ein Glück, dass dieser Jemand eine unverbrauchte, zum Erzählen geborene Stimme hat. Simon Urban, 1975 in Hagen geboren, arbeitet nach Germanistikstudium und einer Ausbildung am Literaturinstitut Leipzig in der Werbeindustrie. Das Autorenfoto zeigt einen leicht spöttisch blickenden, selbstbewusst wirkenden Mann mit modischem Bart. Dazu passt die Prosa. Hier hat sich einer ein Riesenprogramm vorgenommen und es dann mit sprachverliebter Verve eingelöst – ohne den Genre-Meilenstein „Fatherland“ von Robert Harris zu kopieren.

          Der Kapitalismus beeindruckt die ostdeutschen Beamten

          Der Trabi ist jetzt Sondermüll, man fährt Phobos Prius, träumt vom Phobos Flux Cabriolet, tankt Rapsöl, weshalb das ganze Land wie eine Frittenbude riecht. Hinter dem schmierigen Rapsölfilm der Scheibenwischer sehen wir ein marodes Staatsgefängnis, in dem mit Handys der Marke Minsk telefoniert wird. Das Radeberger kostet am Alex 2,60 Mark, auf dem Zwanzig-Mark-Schein schaut Goethe verdrießlich drein, eine Kuh heißt unverbrüchlich „Raufutter verzehrende Großvieheinheit“, Ballack und Sammer leiten auf Hiddensee ein Trainingslager. Simon Urban hat die DDR fortgeschrieben mit einem Figurenkosmos, der immer knapp an der Überzeichnung entlangschrammt, aber dessen biographische Vielfalt sich sehen lassen kann.

          Im Zentrum steht Martin Wegener, Ende fünfzig, Hauptkommissar der Volkspolizei, seine ehemalige Geliebte Karolina, die als „Gas-Nutte“ im Energieministerium Karriere macht, der West-Berliner Sonderermittler Richard Brendel, den man in einem einmaligen Akt der Völkerverbindung zusammen mit einem BND-Mann ins Land gelassen hat, um gegenüber dem „Restkapitalismus“ den Schein objektiver Ermittlungen zu erwecken. Die Herren kommen in einer Mercedes-Limousine mit 450 PS. Der Kapitalismus beeindruckt die ostdeutschen Beamten mit Beinfreiheit und besseren Parfums.

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