Peter Hacks und André Thiele tauschen sich über die Freimaurer aus, Virginia Woolf schlägt über die Stränge und Botho Strauß lotet den Spielraum zwischen Mann und Frau aus. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.
Man schlägt den Band irgendwo auf. Am 23. August 1999 schreibt André Thiele an Peter Hacks unter anderem: „Bei den Reimen müssten Sie mir helfen, mir scheint, einige sind nicht Dumas seine.“ Man kann aus diesem einen Satz eine normative Stilistik des Briefes entwickeln. Setzt man als Absicht des Schreibenden voraus, dem Partner eine Suggestion der räumlichen Nähe zu geben, dann ist die fingierte Mündlichkeit schon von der Gattung erfordert. Der Liebesbrief wird geschrieben, als sei er ins Ohr der Geliebten geflüstert, und auch ein erfreulicher Brief zwischen erwachsenen Männern kommt ohne diese Mündlichkeitsfiktion nicht aus; er muss ein reizendes Chaos sein zwischen gediegenster Bildung, eingestreuten altertümlichen Wendungen und aktuellstem Fernsehklatsch, von grammatischer Konzinnität und charmanter offensichtlicher Unbeholfenheit: „Dumas seine“. Und es ist dieser Stil, der verlorengeht; denn unten bricht fast die Alphabetisierung weg, und oben wird die Bildung fetischisiert, als sei nicht gerade ihre leichte Neigung, die wie auch immer fabrizierte Illusion der Spontaneität, schöner als die geglättete Korrektheit.
Der Umkreis der brieflich verhandelten Gegenstände aber schrumpft. Was die Menschen betrifft, von denen hier die Rede ist, oft in herrlich indiskretem Klatsch (Hacks: „Lollobrigida hatte einen bedeutenderen Busen als Wagenknecht, dafür aber nicht so viel romantische Natur in demselben“), so mögen es siebzehn mehr oder weniger untereinander verkrachte Altkommunisten sein; ginge es um die feindliche Partei, so hätte Hacks gewiss von einer „Koterie“ gesprochen.
Keine Angst vor der „Verschwörungstheorie“
Die literarischen Themen sind vor allem um die deutsche Spätaufklärung gruppiert und bewegen sich zwischen dem milden Christoph Martin Wieland und dem spitzigen Saul Ascher. Die Wahl dieser geistigen Formation war in gewisser Weise zwingend. Denn hier war der ferne Spiegel zu finden für den Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution, der Hacks nach dem Ende der DDR stets vor Augen stand. In eine einfache Formel gebracht, erschien ihm die deutsche Romantik als eine Einflussagentur der Briten, während die Spätaufklärer als „IM’s“ von Napoleon auftreten. Napoleon ist ein europäischer Revolutionskaiser wie der Stalin der Jugend von Hacks, auch Erinnerungen an das chinesische Kaisertum werden aufgerufen. Und da Thiele durch seinen französischen Vornamen und weitere Herkunft dem westlichen Nachbarn verbunden ist, ergab sich gleichsam eine vitale Solidarität in dieser Frage.
Die Lektüren, über die Hacks und Thiele sich austauschen, gehen sehr in die Einzelheiten der spätaufklärerischen Netzwerke, das Illuminatengeflecht um 1790 wird aufgerollt und als Kaderorganisation der Aufklärung erkannt. Naturgemäß kommt das Thema der Freimaurerei auf. In einer wunderbar bündigen Formulierung gelingt Hacks eine Charakterisierung, die Bände von Forschungsliteratur ersetzt: „Das ganze maurerische Wesen trägt einen Widerspruch in sich. Es besteht aus Quatsch in den Riten und Revolution im Ziel.“ Und dann muss man wieder an die Fraktionen der DDR-Schriftsteller denken und an Machenschaften des KGB, von denen Hacks annahm, dass sie früh auf die Liquidierung der DDR hinausliefen: „Kein Mensch hätte Illuminaten von Rosenkreuzern aus ihren Reden unterscheiden können. Wenn man indessen spricht: die Rosenkreuzerei, das ist der englische Geheimdienst, der Illuminatism der französische, dann wird alles wieder einfach.“ Das sind auch deshalb so erfreuliche Sätze, weil sie überhaupt zu einer Bestimmung, einem Befund kommen, ohne sich von vornherein vor dem Kinderschreckwort „Verschwörungstheorie“ zu fürchten.
„Stalin ist immer schön“
Auf einem andern Blatt steht, dass diese von Thiele und Hacks versuchte Rehabilitierung der Spätaufklärung verlorene Liebesmüh’ bleiben wird; Wieland ist der Dichter des „Oberon“, ansonsten liest man ihn auch in Zukunft nicht mehr, und Saul Ascher wird dem Herzen der Deutschen nie so nahe rücken wie der von ihm angegiftete Heinrich von Kleist. Literarisch ist das alles so verloren wie politisch. Es schadet aber nichts, auch Stimmen für eine faillierte Sache zu kennen.
Was Stalin betrifft, so muss man annehmen, dass Hacks zu ihm ein Verhältnis wie zu einem Aphrodisiakum hatte. Moralisch ist das natürlich verwerflich und wirklich auch sehr kokett, aber erzählen lässt man es sich gern. „Eben war mein Schuldkonto wieder ausgeglichen“, schreibt Thiele im April 2003, „da geht der Pegel abwärts. Nichts kann ich dagegenhalten als die kleine Brosche, auf der Stalin aussieht, als hätte er Mumps.“ Am 1. Mai antwortet Hacks: „Meinen aufgeregten Dank zuvörderst für das Nadel-Kleinod, und nichts von Mumps. Stalin ist immer schön, woran er auch leidet. Ich habe noch eine antike Patek-Philippe-Uhr und diesen oder jenen Manschettenknopf, aber Ihre Gabe wird fortan den ersten Platz unter meinen Juwelen einnehmen.“ Und am Schluss: „Gott segne sie und Sie.“
Eine ferne Freundschaft
Koketterie ist die Form, in der der real existierende Sozialismus in diesen Briefen überlebt. Unter förmlichen Anreden des Ancien régime („Sire!“ oder „Hochverehrter Herr Doktor“, „Höchstverehrter Herr“ bei Thiele) liest man eine Schlusszeile von Hacks: „Ich bin, mit Kampfesgrüßen, am 1. Mai 2000 Ihr ergebener Peter Hacks“. Man kann die Sphäre des Uneigentlichen, der geradezu chinesischen Höflichkeit bedauern, in die hier vieles getaucht ist. Aber andererseits: Was hätte es genützt, an den Dichter vom Jahrgang 1928, der zu Beginn der Korrespondenz die siebzig fast erreicht hat, noch Forderungen nach prinzipiellen Revisionen und Bekenntnissen heranzutragen? Stand doch sein Werk schon da und behauptete sich künstlerisch gegenüber den mannigfachen mittleren, aber politisch um so korrekteren Talenten. Und so muss man Thiele auch eine Herzenshöflichkeit zuerkennen, dass er dem Älteren nicht mit unbilligen Forderungen gegenübertrat, ihn aber auch nicht nur gelten ließ, sondern sich ihm in vielem anpasste.
Was die ferne Freundschaft mit Thiele für Hacks bedeutet haben muss - sie haben sich nie getroffen -, ist schwer auszumessen, aber man kann doch vermuten: sehr viel. Thiele hat Bedeutendes für Hacksens bleibenden Ruhm geleistet, und er hat ihm in dessen letzten Lebensjahren den Eindruck geben können, weniger isoliert zu sein, als er tatsächlich wohl war. Und das ist auch was.
Von Lorenz Jäger.