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F.A.Z.-Romane der Woche Jungs im kleinen, exklusiven Kreis

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Einige der Größten waren zu ihrem hundertsten Geburtstag mausetot. Friedrich Hölderlin zum Beispiel, dessen Namen man 1870 buchstabieren musste, oder Jean Paul, den Nietzsche „ein Verhängnis im Schlafrock“ nannte. Als bald nach der Jahrhundertwende beider Wiederentdeckung anstand, war dies im Wesentlichen das Verdienst eines Mannes, der zu seiner eigenen Hundertjahrfeier ebenfalls weitgehend der Vergessenheit anheimfallen sollte.

Obwohl ihn das Schiller-Nationalmuseum Marbach mit einer umfassenden Ausstellung würdigte und die Universität Köln ein internationales Kolloquium für ihn ausrichtete, war Stefan George 1968, wie es einer der Referenten formulierte, „am Nullpunkt der Öffentlichkeit“ angelangt.

Das lag nicht nur an der Gemeinde. Die Jünger, die vom Meister selbst noch auserwählten ebenso wie die selbsternannten, hatten zwar alles getan, ihn für sich zu behalten und den Zutritt zu reglementieren. Der beißende Qualm des hagiographischen Räucherwerks schreckte zweifellos viele ab. Dass das Publikum einen Bogen um George machte, hing aber vor allem mit dem demokratischen Selbstfindungsprozess der Bundesrepublik zusammen.

Vom völkischen Banner und heiligen Krieg

Für ein Werk, in dem viel von Herrschaft und Dienst, von Jüngertum, Zucht und Sendung die Rede war, gab es in den Jahren, da die Deutschen endlich Anschluss an die westliche Wertewelt gefunden zu haben glaubten, keine Verwendung. George war schlicht nicht kompatibel - und den meisten einfach zu deutsch.

Als der Geist von 1968 Einzug an den Universitäten hielt, hätte er sich, auf den Spuren seiner Heroen Benjamin und Adorno, durchaus in ein kritisch produktives Verhältnis zu George setzen können. Für Differenzierungen blieb jedoch wenig Zeit, und so wurde Georges Werk, das in Reinkultur vieles von dem enthielt, was der sich jetzt etablierenden neuen deutschen Gesellschaftslehre als Ungeist schlechthin galt, zu einer Art Zirkusnummer, bei der die Probanden in erster Linie ihre gesinnungsethische Reife unter Beweis zu stellen hatten. Die Zahl der George-Dissertationen stieg sprunghaft, und es gab nicht wenige darunter, die Originalverse schon mal nach der Sekundärliteratur zitierten - promoviert wurde man trotzdem.

Als Teil der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Väter, auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wie es zu Hitler hat kommen können, war die Beschäftigung mit George aus der Sicht der Achtundsechziger-Generation nur konsequent.

Es waren nicht nur seine wie in Erz gehämmerten Verse vom „völkischen Banner“ und vom „heiligen Krieg“, Verdacht erregte nicht minder Georges demonstrative Abkehr von allem, was auf Gleichheit zielte. Als die Phase der antifaschistischen Selbstvergewisserung an den Universitäten Ende der siebziger Jahre allmählich verebbte, verschwand George auch akademisch in der Versenkung.

Diskrepanz zwischen Autor und Werk

Vor fünfzehn Jahren begann dann mit den Arbeiten von Wolfgang Braungart, Cornelia Groppe und Rainer Kolk jene Renaissance der George-Philologie, deren Ergebnisse jetzt die Grundlage des Handbuchs bilden. Die drei großformatigen Leinenbände mit insgesamt 1868 Seiten (1868 ist Georges Geburtsjahr!) wiegen mehr als dreieinhalb Kilo, ein Gewicht, das nur noch die fünf Bände des Brecht-Handbuchs auf die Waage bringen.

Rilke und Kafka blieben unter 600Seiten, das für Dezember angekündigte Celan-Handbuch muss sich mit voraussichtlich 440 Seiten begnügen, und Benn schaffte es bis heute nicht zu einem eigenen Lexikon. Stellt sich natürlich sofort die Frage: Sind Handbücher nicht auch schöne Grabplatten, je dicker, desto endgültiger?

Die Beschäftigung mit Stefan George ist seit Jahr und Tag gekennzeichnet durch die „Diskrepanz zwischen der Präsens der Person und der Präsentation des Werks“. Wer sich für die Gedichte begeisterte, hatte (angeblich) nur wenig übrig für den Kult, der um den Dichter getrieben wurde, während derjenige, der George vornehmlich als Exponent germanischer Hypotrophie im zwanzigsten Jahrhundert begriff, gern übersah, dass die Wirkung, die von ihm ausging, zunächst eine rein künstlerische war. Zwischen diesen beiden Polen das Gleichgewicht zu halten, war zweifellos die größte Herausforderung, der sich die Herausgeber des Handbuchs stellen mussten, und sie haben sie in vorbildlicher Weise gelöst.

Gliederung in drei Bände

Das zeigt bereits die Gliederung. Dem biographischen Abriss (neunzig Seiten, souverän komprimiert von Kai Kauffmann) folgt eine Erörterung der einzelnen Bände der George’schen Gesamtausgabe, jeweils gegliedert in „Entstehung und Überlieferung“, „Aufbau und Formales“, „Rezeption und Deutung“ (200 Seiten, zehn Autoren). Die anschließenden Kapitel widmen sich der Zeitschrift „Blätter für die Kunst“, den diversen „Kreisen“ - deren undefinierbare Mitte „ein besonderes Lebensgefühl“ war, aus dem heraus man sich einen „Umschwung des deutschen Wesens“ erhoffte - und den Publikationsstrategien.

Der zweite Band behandelt im ersten Teil „Systematische Aspekte“ wie Poetik, Rhetorik, Hermeneutik, die Umwertung des europäischen Bildungskanons durch George und die Seinen, soziale Prozesse und die zunehmende Politisierung des Kreises (300 Seiten), im zweiten Teil Rezeption und Wirkung (450 Seiten). Der Forschungsstand wird in beiden Bänden zuverlässig und übersichtlich zusammengefasst.

Band drei darf als das eigentliche Herzstück des Ganzen gelten. Auf 600 Seiten werden hier in alphabetischer Folge sämtliche „Kreis-Mitglieder“ in bio-bibliographischen Kurzporträts vorgestellt. Aber wer gehörte dazu und wer nicht? Das sei nie richtig klar gewesen, schrieb einer der ältesten Weggefährten Georges, Karl Wolfskehl, nach dem Krieg rückblickend.

Wichtig für die Forschung dank genauer Quellenanalyse

Und da auch George selbst jede Festlegung vermieden hatte - Nähe definierte sich für ihn vor allem durch Hingebungsbereitschaft, weshalb er die Übergänge fließend gestaltete -, standen die Herausgeber bei der Auswahl der Biographien vor einem zentralen Problem. Ihre Kriterien, welche Person aufgrund ihrer „objektiven Signifikanz“ wie viele Spalten erhielt, sind vorbildlich und Grundlage jeder weiteren Beschäftigung mit dem Kreis.

Für die Forschung ist das Personenlexikon im dritten Band schon deshalb unverzichtbar, weil hier die Nachlässe aufgeschlüsselt werden, insbesondere die Bestände des Stefan-George-Archivs in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Die Schätze, die dort ihrer Entdeckung harren, sind zitatweise in das Handbuch eingegangen, was wohl vor allem der Mitherausgeberin Ute Oelmann zu verdanken ist, der Leiterin des George-Archivs, der Genauigkeit im Umgang mit den Quellen über alles geht.

Welche Spielräume die George’sche Welt eröffnet, lässt sich ermessen, wenn man den Eintrag zu Georges Schwester Anna, die hier erstmals zu einer Person eigenen Rechts wird, neben den Artikel über Friedrich Sieburg stellt, der seine Zurückweisung durch George lebenslang nicht verwunden hat.

Skandal um den Autor lenkt von den Gedichten ab

Hundert Beiträger auf gemeinsame Richtlinien zu verpflichten ist schwer genug, deshalb dürften die Herausgeber bei dem einen und anderen Text auch beide Augen zugedrückt haben - was hätte man zum Beispiel aus dem Artikel über Edgar Salin machen können, wenn man nur ein wenig auf das eingegangen wäre, was Ulrich Raulff über die Machenschaften zutage gefördert hat, mit denen Salin nach dem Krieg mit Hilfe der Gräfin Dönhoff den Mythos des 20. Juli etablierte.

Dass einige der im zweiten Band behandelten Nebenaspekte zu breit ausgeführt wurden und dass trotz insgesamt sorgfältigster Redaktion manch lässlicher Fehler stehenblieb, sei als Hinweis am Rand erlaubt. Die Pionierleistung des Ganzen schmälert das nicht.

Dass aber ausgerechnet einer der Herausgeber eines der schönsten Gedichte aus Georges berühmtestem Band „Das Jahr der Seele“ - „Indes deine mutter dich stillt / Soll eine leidige fee / Von schatten singen und tod“ - als angebliche George-Parodie Ernst von Wolzogens zitiert (Seite 840), ist dann doch symptomatisch. Der Fauxpas unterstreicht, wie richtig die Forderung derjenigen ist, die angesichts der medialen Aufgeregtheiten um die Biographie Georges und der Skandalisierung seines Nachlebens mahnten, endlich wieder die Gedichte selbst zu lesen.

„Stefan George und sein Kreis“ Ein Handbuch. Hrsg. Achim Aurnhammer, Wolfgang Braungart, Stefan Breuer, Ute Oelmann. Walter de Gruyter, Berlin/Boston, 2012. 3 Bde. 1868 S., geb., 399 Euro, vom 1.1.2013 an 499 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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