Es gibt kaum Schlimmeres als Reporter, die von sich behaupten, vorurteilsfrei an ein Thema heranzugehen. John Jeremiah Sullivan gehört glücklicherweise nicht dazu. „Skeptisch, aber neugierig“ sei er, wie er einem fragwürdigen Zoologen sagt, der sich später jedoch als Hirngespinst entpuppt. Der 1974 in Louisville, Kentucky, geborene und inzwischen in North Carolina lebende Autor weiß um seine eigenen Präferenzen, Empfindlichkeiten und Befangenheiten.
Er kennt seine Pappenheimer und ahnt, was der Leser sich von ihm erhofft. Dass er dessen Erwartungen freilich konsequent unterläuft und ihn immer wieder auf dem falschen Fuß erwischt, macht die Lektüre von „Pulphead“ so spannend und aufschlussreich.
Es wäre ein Leichtes gewesen, sich über die Anhänger von Christenrock oder den muskelbepackten Star einer Reality-TV-Show lustig zu machen. Auch ein launiger oder gar gehässiger Nachruf auf Michael Jackson hätte die Lacher vermutlich auf seiner Seite gehabt. Doch Sullivan verkneift sich das Augenzwinkern, das um johlende Zustimmung heischt. Er spart sich den herablassenden Tonfall, den traurigen Mummenschanz der Ironie. Vielmehr nimmt er die Menschen, über die er schreibt - sich selbst eingeschlossen -, sehr ernst, seien sie dauerbekifft, religionsbesoffen, beschränkt oder genial.
Höhlenforscher vom Hölzchen aufs Stöckchen
Er kommt ihnen so nahe wie möglich, ohne dass es menschelt. Humor hat er dennoch zur Genüge, etwa wenn er während eines Ausflugs nach Disney World hofft, dass der Besuch des Vergnügungsparks aufgrund eines läppischen Regengusses ins Wasser fällt. Der unbedingte Wille seiner Reisebegleitung, es dort krachen zu lassen, macht ihm gleichwohl einen Strich durch die Rechnung. Zu böser Letzt bekennt er angesichts eines blauen Auges seiner Tochter sogar, darauf spekuliert zu haben, im Hotel bleiben zu können, um ihr Eisbeutel ans Gesicht zu halten und vielleicht ein bisschen zu lesen.
Umso deprimierender ist es dann für ihn, dass der Enthusiasmus seiner Tochter trotz Verletzung ungebrochen bleibt. Die These, dass gegen die Reize der Spaßindustrie kein Kraut gewachsen sei, widerlegt er anschließend allerdings eindrucksvoll. Man muss nur einen Freund haben, der Schmiere steht, anständig einen durchziehen und allzeit bereit sein abzuhauen.
Zwar kommt Sullivan gelegentlich vom Hölzchen aufs Stöckchen, etwa wenn er sich als Höhlenforscher östlich des Mississippi betätigt, das Haus seiner Familie für Dreharbeiten zu einer melodramatischen Teenager-Serie zur Verfügung stellt oder die Fetischisierung früher schwarzer Südstaaten-Musik durch weiße Männer erläutert. Am Ende indes hat er immer das große Ganze im Blick: die Pflege des kulturellen Erbes, die Zukunft der Menschheit, den Wesenskern Amerikas, wobei ihm besonders sein Heimatstaat Kentucky am Herzen liegt.
Gefühlsduselige Barbaren
Ob seine Reportagen und erzählerischen Essays, die unter anderem in Zeitschriften wie „Gentlemen’s Quarterly“ und „The Paris Review“ erschienen, vordergründig von Guns-N’-Roses-Sänger Axl Rose, der Tea-Party-Bewegung oder der Nahtod-Erfahrung seines eigenen Bruders handeln - Sullivan beweist ein untrügliches Gespür für das, was über popkulturelle Klischees, politische Oberflächlichkeiten oder dramatische Einzelschicksale hinausweist. Phänomene der Gegenwart nimmt er stets zum Anlass, um nach ihren Ursprüngen zu fragen. Auch stilistisch vermag er zu überzeugen. Obwohl Sullivan die eigene Persönlichkeit zu einem unverbrüchlichen Bestandteil der Texte macht, wirken seine Wortgewandtheit und sein Scharfblick nie neunmalklug oder eitel.
Zwar reflektiert er nicht doppelt und dreifach wie David Foster Wallace, er ist kein delirierender Haudraufundschluss wie Hunter S. Thompson. Dass er aber hinsichtlich Hintergrundwissen, penibler Recherche und Suggestionskraft eine Menge auf dem Kasten hat, wird zumeist nach wenigen Zeilen klar. Jede Pointe sitzt, die Szenerie wird plastisch vor Augen geführt, das ehrliche Erkenntnisinteresse hält die Spannung aufrecht, die Schlussfolgerungen sind hart. So attestiert er dem amerikanischen Fernsehpublikum beiläufig, „ein Volk gefühlsduseliger Barbaren“ zu sein, „weinend und Gewichte stemmend“.
Lytles Erbe
Wer nun meint, Sullivans Buch appelliere mit solch apodiktischen Urteilen an antiamerikanische Reflexe, der irrt. Und davon, dass er das Ende Amerikas heraufbeschwört - so suggeriert es jedenfalls der deutsche Untertitel -, kann keine Rede sein. Die Liebe zu seiner ureigenen Kultur, zu ihren Verschrobenheiten, Widersprüchen und Glanzlichtern tritt in „Pulphead“ offen zutage. Das meisterhafte, von einem tiefen inneren Zwiespalt geprägte Porträt von Andrew Lytle, einem bereits zu Lebzeiten nahezu vergessenen Vertreter der Südstaaten-Literatur, macht dies mehr als deutlich.
Sullivan zog als Zwanzigjähriger mit dem Wunsch, später einmal Schriftsteller zu werden, eine Zeitlang in Lytles Keller, um sich um das letzte verbliebene Mitglied der „Twelve Southerners“ zu kümmern. Er fühlt sich geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit eines in seinen Augen großen Mannes und beneidet ihn um seine Formulierungskunst. In einer Mischung aus Bewunderung und Verachtung erträgt er sogar dessen rassistische, antisemitische und chauvinistische Ausbrüche.
Bis der dünkelhafte Alte eines Morgens übergriffig wird. Bald darauf zieht Sullivan aus. Dass er später selbst Hand anlegt, um Lytle einen letzten Wunsch zu erfüllen, ist Ehrensache. Er hilft bei der Herstellung eines Kiefernsargs. Und während mit Lytle ein Stück des mürrischen alten Amerika zu Grabe getragen wird, macht Sullivan sich anheischig, der Chronist des neuen zu werden.