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F.A.Z.-Romane der Woche Die grauen Zonen von Liebe und Verrat

04.09.2011 ·  Antonio Muñoz Molinas Roman spielt in den ersten Wochen des spanischen Bürgerkriegs, Thomas Glavinic schreibt über zwei Atheisten und Jochen Schimmang entwirft ein düsteres Zerrbild deutscher Geschichte in der Zukunft. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

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Er hat schon viele Romane geschrieben, kurze und lange, darunter einen fabelhaften Gesellschaftsroman im Gewand eines Thrillers (“Die Augen eines Mörders“), einen Kindheitsroman über den Tag der Mondlandung (“Mondwind“), einen Bildungsroman als politische Satire (“Der Putsch, der nie stattfand“), einen missglückten Roman über den Holocaust (“Sepharad“) und einige mehr. Doch was immer man dem spanischen Schriftsteller Antonio Muñoz Molina, Jahrgang 1956, nachsagen mag, er hat nie aufgehört, nach neuen Erzählformen zu suchen. Sein neuer Roman heißt „Die Nacht der Erinnerungen“ und ist tausend Seiten dick. Sein Hauptwerk? Auf jeden Fall. Zu lang? Eigentlich nicht. Hier und da knüpft der Autor seine Satzgirlanden etwas opulenter als nötig und will uns mächtig beeindrucken; gelegentlich wird sein üppiger Stil zu schlagsahnig und droht durch Schwelgerei zu verbuttern. Doch das ist unerheblich bei diesem totalen Roman voller Klugheit, Anteilnahme, eindringlicher Schilderungen und scharfsinniger Psychologie.

Madrid, 1936. Ignacio Abel, Architekt und überzeugter Sozialist, ist mit dem Bau der Universitätsstadt beauftragt, dem Bildungsprojekt des neuen Staates. Er ist ein Mann des Fortschritts, der seinen Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen der Ehe mit einer Frau aus reichem nationalkatholischem Haus verdankt. Arriviert, zwei Kinder; regelmäßig drohen Familienessen mit Schwager und Schwiegereltern. Die Ehe ist in komfortabler Langeweile erstarrt, da verliebt Ignacio sich in die amerikanische Studentin Judith Biely und lässt zu, dass die stürmische Affäre sein Leben aus dem Gleis wirft. Auch die Ordnung des Landes beginnt sich aufzulösen: Spaniens Militärs putschen, am 18. Juli 1936 bricht der Bürgerkrieg aus. Getrennt von seiner Familie, die im Landhaus auf der anderen Seite der Front geblieben ist, stürzt Ignacio Abel ins Nichts. Madrid wird zur belagerten Stadt, in der das Volk sich bewaffnet, Kirchen in Brand setzt und politisch Verdächtige summarisch exekutiert. Und während der Privatmann Ignacio Abel wie besessen seiner verlorenen Liebe nachjagt, erkennt der Bürger Ignacio Abel, dass sein ganzes Land in Flammen steht.

Berühmte Intellektuelle und Politiker schlendern über die Seite

„Die Nacht der Erinnerungen“ ist historisch zuverlässig verankert. Wir erfahren, wie trübe die Gaslaternen im Madrid von 1936 die Gassen erleuchteten, wie die Tagelöhner am Stadtrand hausten, wir sehen die kahlgeschorenen Kinder der Armen, hören Pferdefuhrwerke durch die Straßen klappern und atmen den Geruch der Ledermacher an den Ufern des Manzanares. Berühmte Intellektuelle und Politiker schlendern über die Seiten, darunter García Lorca, ein Mordopfer der ersten Kriegswochen, oder der geckenhafte Rafael Alberti mit langem blonden Dichterhaar.

Die Wiedererschaffung der Welt von gestern bedient keine nostalgischen Bedürfnisse, sondern ist die bewusste Beschwörung eines unfertigen Milieus, verschwundener Gegenstände und sinnlos zerstörter Lebensläufe. Dies war einmal Madrid, die Hauptstadt der Zweiten Spanischen Republik, bevor der dreijährige Zermürbungskrieg begann. Über viele Seiten hinweg hat Antonio Muñoz Molina eine Elegie auf das moderne Spanien geschrieben, das in den dreißiger Jahren hätte entstehen können. Mit der Schuldfrage, warum es nicht dazu kam, macht Muñoz Molina es sich nicht leicht.

„Wir hielten uns für gestandene Männer mit Erfahrung und Verstand“

Als Mann der Linken hat er seine Verachtung für das autoritäre Milieu der spanischen Rechten nie verhehlt, und seine Figuren, die sich gleich ihm emporgearbeitet haben, blicken meist von schräg unten auf die Welt des alten Geldes. Doch diesmal sucht der Autor das Versagen im eigenen Lager, in spanischer Streitlust, Ungeduld und Hitzigkeit, die allen gemeinsam ist. Die pogromartigen Exzesse der Republikaner, sie waren nicht politisch motiviert. „Wir haben gar nicht gewusst, wie klebrig Blut ist“, sagt der Politiker Juan Negrín, dem der Roman ein Denkmal setzt, „wie entsetzlich viel Blut ein menschlicher Körper enthält. Wir hielten uns für gestandene Männer mit Erfahrung und Verstand, aber wir waren nichts und hatten keine Ahnung.“

Es liegt eine faustdicke Ironie darin, dass Ignacio Abel, während in Madrid das Chaos ausbricht, fast nur an seine entschwundene Judith denkt. Der Mensch ist so, selbstsüchtig und gefühlsgesteuert. Und wann geschichtliche Umbrüche anstehen, ahnt er meistens nicht im Voraus. „La noche de los tiempos“ heißt der Roman im Original, „Die Nacht der Zeiten“, was als deutscher Romantitel seltsam geklungen hätte, aber einen Hinweis auf das narrative Programm enthält: Die „Nacht“ könnte real und metaphorisch, die „Zeiten“ als objektive Geschichte und subjektive Vergangenheit aufzufassen sein, als Rhythmus des erinnernden Selbst, als Dunkel des Bewusstseins, das sich das Gewesene zu vergegenwärtigen sucht, bevor das meiste davon im Vergessen erlischt. An wenigen, doch umso wichtigeren Stellen tritt in diesem Buch ein Ich-Erzähler hervor wie eine Klarinette aus dem Streichorchester. Wir dürfen ihn für Antonio Muñoz Molina selbst halten, denn er teilt mit dem Autor das Geburtsjahr. Dieses Ich, das nach Erklärungen für die Katastrophe sucht, ist der große Sammler und Stimmenimitator, den ein Stoff wie dieser braucht.

Flucht und Exil gehören zu seinen Leitmotiven

In dieser Recherche, die mehr mit Proust als mit den marktgängigen Bürgerkriegsromanen zu tun hat, die den spanischen Markt überschwemmen, geht es um minutiöse Bewusstseinsregungen statt korrekter politischer Anschauungen. Alles kommt zur Sprache, die Wiederentdeckung der Sexualität, auf die Ignacio nicht vorbereitet war, das spanische Abenteuer einer idealistischen amerikanischen Studentin namens Judith Biely, das gemeinsame Liebesvokabular in beiden Sprachen nicht weniger als das schäbige Zimmer in Madame Mathildes Absteige. Es war immer eine Stärke von Muñoz Molina, seine Figuren gleichsam mit demokratischem Blick zu betrachten. Aus Ignacios betrogener Ehefrau Adela mit ihrer verhuschten Hingabe macht er die vollendete Verkörperung antrainierter Konventionalität. Auch der amerikanische Magnat Philip van Doren, in dessen emotionalem Voyeurismus der Text das kalte Gegenbild zur dramatischen Leidenserfahrung der ersten Kriegsmonate malt, ist keine Klischeefigur, sondern die notwendige Relativierung spanischer Selbstbespiegelung.

Wie Zauderer und Unpolitische zwischen den Mühlsteinen der Totalitarismen zerrieben wurden, zeigt Muñoz Molinas Roman in erschütternden Szenen. Flucht und Exil gehören zu seinen Leitmotiven. Deshalb beschreibt er die alten Koffer, ausgelatschten Schuhe, zerschlissenen Hemdkragen und schmierigen Manschetten derer, die nur noch unterwegs sind und jeden Wachmann fürchten müssen.

Er reflektiert über die trügerische Wahrnehmung der Zeit

Die anrührendste Figur läuft siebenhundert Seiten lang wie ein streunender Hund durch den Roman. Es ist Karl Theodor Rossmann, der deutsch-jüdische Professor und doppelte Exilant, der erst aus Moskau, dann aus Hitlers Deutschland floh. Vormals war er eine internationale Kapazität, jetzt ist er zum Straßenverkäufer abgestiegen. Ignacio Abel versagt bei seinem alten Lehrer auf der ganzen Linie. Er ist der einzige Bekannte, den Rossmann und seine Tochter in Madrid haben, und wie es so geht, wenn die Liebe den Kopf vernebelt, hält sich der Architekt den lästigen Mann vom Leib, statt ihm zu helfen. Erst als seine Geliebte ihn verlassen hat, macht er sich auf die Suche. Doch es ist zu spät. Ignacio erlebt die Machtlosigkeit des Einzelnen vor der Flutwelle der Gewalt.

Um es deutlich zu sagen: „Die Nacht der Erinnerungen“ ist ein spannender Roman, doch von der brikettschweren Bestsellerproduktion hebt ihn ab, dass er in die Tiefe, nicht in die Breite geschrieben ist. Willi Zurbrüggen hat dieses immense Werk mit Erfindungskraft und preiswürdigem literarischen Gespür ins Deutsche übersetzt. Wie ein Pendel, mit Vorgriffen und Rückgriffen, schwebt Muñoz Molinas Erzähler über dem Stoff. Er will den Menschen nicht nur als Liebenden, Leidenden, Fliehenden zeigen, sondern als Geschichtssubjekt, dessen Verstand nicht stillstehen kann. Im Kern reflektiert er also über die trügerische Wahrnehmung der Zeit.

Tausend Seiten Gedankenstrom

Das gilt für den liebenden Ignacio, der die Stunden mit Judith wieder und wieder zählt, ebenso wie für die historische Situation, die über die Figuren mit Urgewalt hereinbricht und die alten Verhältnisse anachronistisch macht. Es gilt für Professor Rossmanns deutsche Diplome, die in seinem neuen Leben nichts mehr gelten, für die triumphierenden Frontberichte, die von der Wirklichkeit überholt und dementiert werden, es gilt für alles, was einmal Gegenwart war und brutal in Vergangenheit verwandelt wird. Zwanghaft schauen die Menschen in Madrid auf Uhren, lauschen den Glockenschlägen, entziffern die Zeichen nicht nur der persönlichen, sondern auch der geschichtlichen Zeit, die in die große europäische Nacht des Weltkriegs münden sollte.

Es brauche nur eine Agrarreform und gesunde Ernährung, sagt der fortschrittsgläubige Negrín, als es für das republikanische Spanien noch etwas zu hoffen gibt: „Wenn sie uns dafür nur Zeit ließen, die anderen und unsere eigenen Leute.“ Doch es bleibt keine Zeit. Keine Zeit, den auseinanderbrechenden Staat verteidigungsfähig zu machen; keine Zeit, Verbündete gegen den Faschismus zu finden; keine Zeit für Maßnahmen irgendwelcher Art, so dass die Regierung wie ein Hühnerhaufen flieht. Der kühnste Kunstgriff des Romans ist es, die tausend Seiten Gedankenstrom in eine nur wenige Stunden währende Zugfahrt von New York zum Städtchen Rhineberg zu pressen, die letzten Kilometer auf Ignacios Reise nach draußen, fort von allem.

Diesen Punkt weit außerhalb hat sich auch Antonio Muñoz Molina gewählt. Seit seiner Zeit als Direktor des New Yorker Cervantes-Instituts pendelt er zwischen Spanien und Amerika. Mit „Die Nacht der Erinnerungen“ hat er ein Buch gegen Simplifizierung und Rechthaberei geschrieben, die Grundübel der aktuellen Debatte über Bürgerkrieg, Franco-Diktatur und das Fortdauern der „zwei Spanien“. Die geschichtliche Wahrheit liegt in einer grauen Zone, sagt dieser Roman. Habt Mut und betretet sie.

Paul Ingendaay

Antonio Muñoz Molina: „Die Nacht der Erinnerungen“. Roman. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 1004 S., geb., 29,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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