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F.A.Z.-Romane der Woche : Der Weltuntergang kann warten

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Bild: Verlag

Man ist nie so tot, wie man sich fühlt: In seinem Roman „Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr“ untersucht Zoran Feric das verstörende Nebeneinander von gefühlten und kalendarischen Jahren.

          Je weiter man in diesem Buch liest, desto mehr wandeln sich die Worte zu Bildern, zu einem schön-schaurigen Film, wie ihn Regisseure der Nouvelle Vague, ein Chabrol oder Truffaut etwa, hätten drehen können, mit einem gealterten Michel Piccoli oder einer Jeanne Moreau in den Hauptrollen. Die Szenerie ist wahrlich filmreif, wobei wir nicht an der Côte d’Azur oder in Paris, sondern in Zagreb und an der kroatischen Adria sind.

          An einem warmen Septembertag gegen Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends brechen ehemalige Schüler eines Zagreber Gymnasiums von der Hafenstadt Opatija, in der sich der verblichene Glanz eines Kaiserbades mit dem zweifelhaften Charme eines sozialistischen Kurortes mischt, zu einer Kreuzfahrt entlang der dalmatinischen Küste auf. Und weil es das fünfzigjährige Abiturjubiläum ist, sind die Herrschaften, von der neunzigjährigen Klassenlehrerin ganz zu schweigen, nicht mehr die Jüngsten, was sie mit der „Tramuntana“, einem altersschwachen, zum Kreuzfahrtschiff umgebauten Kahn, gemein haben.

          Sie waren einst die junge Garde des sozialistischen Jugoslawien, Kinder von Partisanen oder Ustascha-Sympathisanten, haben als neue Landeselite Karriere gemacht, sind Ärzte, Wissenschaftler, Architekten oder Lehrer geworden und mussten als solche den Zerfall des Tito-Imperiums und den Balkan-Krieg miterleben.

          Aufbruch in die Vergangenheit

          Sie haben geliebt und gelitten, Kinder gezeugt und verloren, Scheidungen durchgestanden, demente Ehepartner versorgt und diese begraben. Jetzt wiederholen sie eine Reise, die sie fast genau so vor einem halben Jahrhundert unternommen haben, inzwischen nicht mehr ganz vollzählig und von den Blessuren des Lebens ebenso gezeichnet wie geadelt.

          Die alte Lehrerin schleppt einen riesigen Koffer mit sich, in dem der kleine Enkel eines Klassenfahrers eine Leiche vermutet. Die Geschichte, man ahnt es, ist trivialer, aber eben auch trauriger. Die alte Dame ist verarmt und auf dem Weg in ein Altersheim. Mehr als ein Zweibettzimmer kann sie sich dort nicht leisten, und die Kreuzfahrt erspart ihr immerhin die Reisekosten zu dieser letzten Station ihres Lebens.

          Erzählt wird aus der Perspektive des pensionierten Gynäkologen Tihomir, der sich auf dieser Odyssee an seine Jugend und die Weggefährten erinnert, allen voran an seinen besten Freund Roman, einen einst für seine schwebenden Häuser in ganz Jugoslawien bekannten Architekten. Roman ist längst tot, und seine Häuser im Stil der sozialistischen Moderne haben die alten und vor allem neuen Besitzer längst abgerissen oder umgebaut.

          Einsamkeit der Generationen

          Wir kehren mit Tiho, wie ihn alle nennen, in ein typisches Mietshaus ins Zagreb der fünfziger bis siebziger Jahre zurück, in dem die „Sohnwitwen“, jene alten Frauen, die ihre bei den Partisanen kämpfenden Söhne verloren haben, das Regiment führen. Auch Tihos Vater war Spanien-Kämpfer und Partisan, was dem Sohn nicht nur Freunde einbringt. Hinter recht bürgerlichen Fassaden hausen jede Menge Einsamkeit und Entfremdung. Früh verliert Tiho seine Mutter, Roman den Vater, an dessen Stelle ein ihnen unheimlicher Mitbewohner tritt.

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