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F.A.Z.-Romane der Woche : Der grüne Baum der Jungfräulichkeit

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Bild: Verlag

Fünfzehn Kapitel über fünf Frauenschicksale aus den fünfziger Jahren: „Frauen ohne Männer“ von Shahrnush Parsipur ist ein unerhört vielschichtiges Werk.

          Leidgeschwängert ist sie, tiefschwarz und vom Tode besessen, die iranische Literatur der Gegenwart. Meisterwerke sind darunter wie „Die blinde Eule“ von Sadeq Hedayat, der klassisch-realistische Roman „Savushun“ (im Deutschen „Drama der Trauer“) von Simin Daneshwar oder die Epen über die iranischen Dörfer von Mahmud Doulatabadi. Aber nachdem Daneshwar in diesem Frühjahr im Alter von 91 Jahren verstarb, fehlen die hochkarätigen Autorinnen.

          Fattaneh Haj Seyed Javadis Bestseller „Morgen der Trunkenheit“ liest sich zwar streckenweise wie Dostojewski, wird aber von gebildeten Iranern als Trivialliteratur abgetan; so dass wir gestehen, über die persischsprachige Frauenliteratur der Gegenwart beschämend wenig zu wissen.

          Von Mythos und Aufklärung

          Doch es gibt noch Shahrnush Parsipur! 1946 in Iran geboren, hat sie eine dieser mustergültigen iranischen Autorenbiographien: in der politischen Opposition und im Gefängnis erst unter dem Schah, dann unter Chomeini, Publikationsverbot, Exil in den Vereinigten Staaten. Ihr erstes und einziges Buch auf Deutsch, „Tuba“, ist vor siebzehn Jahren erschienen und über den regulären Buchhandel gar nicht mehr zu beziehen.

          Tuba ist zugleich der Name der Heldin und des Paradiesbaums aus der islamischen Mythologie. Der Roman erzählt die Lebensgeschichten Tubas und zahlreicher Nebenfiguren von der ersten Jahrhunderthälfte bis zur iranischen Revolution. Die Konfrontation von Mythos und Aufklärung, von altem Denken und neuer Zeit ist der nie versiegende Treibstoff, der diesen wunderbaren Roman durch Kopf und Herz des Lesers rasen lässt.

          Eigentlich hätte man Parsipurs nun vorliegenden Roman gleich nach „Tuba“ publizieren können; „Frauen ohne Männer“ erschien auf Farsi bereits 1989. Aber wir mussten auf die Verfilmung durch die berühmte iranische Foto- und Videokünstlerin Shirin Neshat warten, bis sich die westlichen Verlage dafür interessierten. „Frauen ohne Männer“ erhielt 2009 bei den Filmfestspielen in Venedig einen Silbernen Löwen für die beste Regie. Man mag über die mit dem Stoff sehr frei umgehende Verfilmung denken, was man will: Das Buch ist besser!

          Die Obsession der Jungfräulichkeit

          Fünfzehn kurze Kapitel über fünf Frauenschicksale aus der Zeit der fünfziger Jahre, mehr ist es nicht. Keine erzählerischen Schwelgereien wie in „Tuba“, kein großes Zeitpanorama, wenig Welthaltigkeit, keine Politik (anders als im Film), gar keine Wehleidigkeit (ganz anders als im Film). Und doch, was für ein Traum von einem Buch, ein Märchen, eine Utopie, echte persische „Metamorphosen“, tiefsinnig und leichtfüßig, verspielt und verrückt.

          Da bekommt die Lehrerin Madokht von ihrem Kollegen, der eine Frau sucht, eine Einladung ins Kino. Madokht, stolz und altmodisch, lehnt empört ab und gibt ihre Stelle auf. Als alternde Jungfer vegetiert sie im Garten ihres Bruders in der Teheraner Sommerfrische Karadsch dahin. Die Obsession mit der Jungfräulichkeit, von Männern und Frauen gleichermaßen geteilt, ist das große Leitmotiv der Erzählungen: „Plötzlich schoss es ihr durch den Kopf: Meine Jungfräulichkeit ist wie ein Baum. Vielleicht bin ich ja deshalb so grün. Ich bin ein Samenkorn, ich bin ein Baum, ich muss mich selbst einpflanzen.“ So geschieht es, und die Verwandelte träumt davon, wie bald „die ganze Erde voller Madokht-Bäume“ steht.

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