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F.A.Z.-Romane der Woche : Bin nicht Ottilie, nicht Christiane, nicht Lenz

  • -Aktualisiert am

Bild: Insel

Objektivitätsverlangen und subjektive Anteilnahme: Ein Band lädt zur Reise durch das Werk der Schriftstellerin, Biographin und Essayistin Sigrid Damm ein. Ralph Dutli versammelt die schönsten Beispiele der Fatrasie-Dichtung des Mittelalters. Dies und mehr in den F.A.Z.- Romanen der Woche.

          „Ruminationen“ hat Wilhelm Raabe seine eigene Schreibweise einmal genannt und damit, in einer humoristisch-selbstironischen Umschreibung, den schöpferischen Akt als drastisch körperlichen Vorgang vorgestellt: als ein Wiederkäuen, das keinen Satz, keine Gewissheit, kein Wort einfach hinunterschlucken will. Das vermeintlich Erledigte immer wieder aufzunehmen und es erst loszulassen, wenn es alle Nuancen hergegeben hat, ihm nachzuschmecken, sich ihm zu öffnen, indem man es beißt und kaut: das beschreibt, in drastischer Körpermetaphorik, eine hermeneutische Tätigkeit.

          Der Schriftstellerin Sigrid Damm, die fast auf den Tag genau ein Menschenalter nach Raabes Tod zur Welt gekommen ist, dürfte diese Metapher gefallen - nicht nur als promovierter Germanistin, sondern vor allem als derjenigen deutschen Schriftstellerin, die mit den Erträgen der germanistischen Forschung auch die Verfahren eines hermeneutischen Lesens zu großer Popularität gebracht hat.

          Auf der Suche nach der Bedingung für die Biographie

          Nicht einfach Biographien historischer Gestalten erzählen ihre ungemein erfolgreichen Bücher, sondern - man möchte sagen: fast im Gegenteil - komplizierte und anspruchsvolle Geschichten von der Suche nach den Bedingungen der Möglichkeit solcher Biographien. Der Gestus der Behutsamkeit, der tastenden, fragenden, sich ihrer Voraussetzungen vergewissernden Annäherung, die nach jedem Vorstoß der einfühlenden Phantasie wieder innehält und dann, im Bewusstsein des Vorläufigen aller historischen Deutungen, doch wieder weitergeht: Dieser Gestus bestimmt Sigrid Damms Schreiben bis in die stilistischen Nuancen.

          Gerade in diesem Gestus aber zeigt sich auch die spezifische Energie, ja der ruminierende Biss von Damms Büchern. Indem sie Distanz gegenüber den Gegenständen der biographischen Neugier herstellen, öffnen sie gegenwärtigen Lesern Zugänge, die den naiv begeisterten Willen zur Einfühlung, ja zur Identifikation aufnehmen und mit sanftem Nachdruck umformen in einen Respekt, der das Andere und Fremde der Vergangenheit gelten lässt. „Ich bin nicht Ottilie“ lautet der programmatische Titel ihres 1992 erschienen Romans.

          Abstand und Nähe zum Protagonisten bei Damm möglich

          Was die Literaturwissenschaftlerin und Editorin Sigrid Damm von früh an in der hermeneutischen Arbeit handfest erfahren hat (zum Beispiel in der dreibändigen Lenz-Ausgabe, die 1987 in beiden deutschen Staaten erschien), das bestimmt auch den Ausgangspunkt ihrer literarischen Recherchen. Dank dieser Doppelbewegung von Objektivitätsverlangen und subjektiver Anteilnahme sind Sigrid Damms Bücher über Cornelia Goethe, über Ottilie von Goethe, über „Christiane und Goethe“ (schon der Titel signalisiert unterschiedliche Intimitätsgrade), über Lenz und Schiller unverhofft zu Bestsellern geworden.

          Neben- und gegeneinander stehen da die Klassiker und die von ihren gewaltigen Schatten verdunkelten Gestalten - und das hieß von Beginn an: die Frauengestalten neben den übergroßen Männern - und mit Lenz und Caroline zwei Antiklassiker par excellence. Es ist kein Zufall, dass dieses Schreiben sich ausgerechnet in der Spätzeit der DDR entwickelte, in jenem historischen Augenblick, in dem das Programm einer sozialistischen „Erbepflege“ sich von der erwünschten staatlichen Selbstbestätigung in das genaue Gegenteil zu verwandeln begann.

          Literarische Totengespräche zu neuem Leben gebracht

          Weil sich im Dialog mit den kanonischen Dichtern und Texten Abstand zur Gegenwart und aus diesem Abstand ein neuer Blick auf sie gewinnen ließ, weil im Durchgang durch die fremden Texte eine eigene Stimme zu gewinnen war, deshalb erwachte gerade aus diesen literarischen Totengesprächen eine neue literarische Lebendigkeit - die dann auch das Vergangene sehr anders sehen lehrte, als es die Parteidoktrin befahl. An Christa Wolfs Erzählung über Kleist und die Günderode kann man da denken oder an Günter de Bruyns historische Porträts.

          Für Sigrid Damm begann dieses dialogische Schreiben mit einem Buch, das den Übergang von der schulmäßigen Germanistik in die literarische Spurensuche markiert, ihrem aus Briefen, Lebenszeugnissen und einem großen eigenen Essay komponierten Buch über Caroline Schlegel-Schelling.

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