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: Extrem schön und unglaublich gut

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Die amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss, deren zweiter Roman jetzt auf deutsch erscheint (der erste, 2003 veröffentlicht, war nicht übersetzt worden), ist einunddreißig Jahre alt, bildhübsch und zu allem Überfluß auch noch mit Jonathan Safran Foer verheiratet, dem aktuellen Liebling der amerikanischen Literatur.

          Die amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss, deren zweiter Roman jetzt auf deutsch erscheint (der erste, 2003 veröffentlicht, war nicht übersetzt worden), ist einunddreißig Jahre alt, bildhübsch und zu allem Überfluß auch noch mit Jonathan Safran Foer verheiratet, dem aktuellen Liebling der amerikanischen Literatur. Aber das tut nichts zur Sache, denn ihr neues Buch wäre genauso großartig, wenn es eine achtundfünfzigjährige, unscheinbare und von mehreren arbeitslosen Alkoholikern geschiedene Hausfrau aus Kassel geschrieben hätte. Im englischen Original heißt es "The History of Love", was mit "Die Geschichte der Liebe" zwar korrekt übersetzt ist, aber leider schrecklich kitschig klingt und im Zusammenspiel mit dem verträumten Frauengesicht auf dem Cover dazu verleiten könnte, dieses Buch im Laden weiträumig zu umgehen.

          "Die Geschichte der Liebe" handelt davon, wie ein Buch die Schicksale von Menschen miteinander verbindet, die sich nie im Leben getroffen haben. Leopold Gursky, ein polnischer Jude, der einsam und alt in New York lebt, hat in seiner Jugend ein Buch über die Entstehung der Liebe geschrieben, eine Art Entwicklungsgeschichte dieses unerklärlichen Gefühls. Jede Frau, die darin vorkam, nannte er Alma - wie das Mädchen, das er liebte. Dann kamen die Nazis, er und seine Alma wurden getrennt, und bis er die Flucht nach Amerika schaffte, wo er sie endlich wiedersehen sollte, hatte sie längst die Hoffnung aufgegeben, er könne überlebt haben, einen anderen geheiratet und einen fünfjährigen Sohn - seinen, Leopold Gurskys, Sohn.

          Das Buch beginnt in der vollkommen zugemüllten Wohnung von Gursky, der inzwischen achtzig Jahre alt ist und eigentlich täglich mit seinem Tod rechnet. Er hat ein unauffälliges Leben geführt, ist Schlosser geworden, inzwischen aber längst pensioniert. Aus Angst, am womöglich letzten Tag seines Lebens von niemandem wahrgenommen zu werden, hat er sich angewöhnt, normale Dinge des Alltags möglichst geräuschvoll und umständlich zu tun. In Geschäften läßt er mit theatralischer Geste das Wechselgeld zu Boden fallen, in Schuhläden müssen ihm Angestellte Schuhe anprobieren, die er nie kaufen will. Er hat nie aufgehört, Alma zu lieben, hat sie, über ihren Tod hinaus, ganz alleine vor sich hin geliebt, sie und ihren gemeinsamen Sohn Isaac, der jedoch nicht weiß, daß Gursky sein Vater und ein berühmter Schriftsteller ist. Am Ende seines Lebens beginnt Gursky, dessen erstes Buch auf Irrwegen verlorenging, ein neues Buch zu schreiben, sein zweites und letztes. "Es war einmal ein Junge." Mit diesem Satz beginnt er. Und jeden Morgen schreibt er ein bißchen mehr. "Es war einmal ein Junge, der liebte ein Mädchen, und ihr Lachen war eine Frage, mit deren Beantwortung er sein ganzes Leben verbringen wollte." Die Geschichte seines Lebens.

          Eines Tages erfährt Gursky aus der Zeitung, daß sein Sohn gestorben ist. Und wenig später wird ein Umschlag für ihn abgegeben. Darin ist eine handschriftliche Abschrift der "Geschichte der Liebe", des Buchs, das er vor so langer Zeit geschrieben hat. Allerdings ist es ins Englische übersetzt, und alle Charaktere haben spanische Namen. Gursky ist fassungslos. Er kann sich das alles überhaupt nicht erklären. Nach all den Jahren. Auf englisch und überhaupt. "Könnte ich berühmt sein, ohne es zu wissen?" fragt er sich.

          Er ist es nicht. Aber das Buch, das er als junger Mann schrieb, fand seinen Weg zu ein paar Menschen, deren Leben es veränderte, soweit ein Buch das eben vermag. Über Umwege war es nach Südamerika gelangt, dort kaufte es ein Amerikaner, der heiratete eine Frau, sie bekamen ein Kind, eine Tochter, die sie Alma nannten, nach all den Frauen aus diesem Buch, daß das schönste war, das sie kannten.

          Und diese Alma ist inzwischen vierzehn Jahre alt und die zweite Hauptfigur. Ihr Vater, der Mann, der Gurskys Buch in Südamerika erstand, ist an Krebs gestorben. Seitdem ist Alma ein wenig wunderlich geworden und ihre Familie gleich mit. Die Mutter, eine Übersetzerin, sitzt oft tagelang nur da und starrt in ein Wasserglas vor sich auf dem Tisch, "als sei ein Fisch darin, den nur sie sehen konnte"; ihr jüngerer Bruder, Bird genannt, seitdem er einmal versuchte, aus dem Fenster zu fliegen, bildet sich ein, ein "lamed wownik" zu sein, ein Auserwählter, eine Art wiedergeborener Messias, und kritzelt wie manisch überall den Namen Gottes hin. Und sie, Alma, ist hauptsächlich damit beschäftigt, alles zu lernen, was man wissen muß, wenn man in der Wildnis überleben will, weil sie einmal Abenteuerin sein möchte, wie ihr Vater.

          Die teilweise irrsinnig komischen Gedanken und Beschreibungen des jungen Mädchens und die lakonische Erzählweise des kauzigen alten Mannes prägen den Tonfall des Buchs. Ganz zuletzt, auf den letzten Seiten des Buchs, begegnen sich die beiden. Langsam, ganz langsam beginnen sie zu ahnen, wieviel ihrer beider Leben miteinander zu tun haben, ohne daß sie voneinander wußten. Da sitzen sie auf einer Bank im Central Park - ein Mensch am Ende seines Lebens und einer, der es noch vor sich hat - und plötzlich ist alles klar. Das Leben. Die Liebe. Alles.

          "Wirklich, es gibt nicht viel zu sagen. Er war ein großer Schriftsteller Er verliebte sich. Das war sein Leben." So lapidar endet dieses wunderschöne Buch, in dem es mehr Einfälle, Wärme und absolut hinreißende Charaktere gibt als in den meisten Büchern sonst.

          JOHANNA ADORJÁN

          Nicole Krauss: "Die Geschichte der Liebe". Roman. Deutsch von Grete Osterwald. Rowohlt. 345 Seiten, 19,90 Euro.

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