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Eva Menasses neue Erzählungen : Aufstand in der Villa Massimo

Auch in Pompeji umgab sich der Mensch mit Tierbildern, um sich selbst besser zu erkennen. Bild: Picture-Alliance

Fürsorge? Dominanz? In ihren neuen Erzählungen „Tiere für Fortgeschrittene“ lotet Eva Menasse familiäre Untiefen aus.

          Ist das nun Fluch oder Segen? „In letzter Zeit kann man sich auf überhaupt nichts mehr einigen“, beklagt sich die Gastgeberin, als im Freundeskreis die alten Gewissheiten bröckeln: Sollen Berichte über Verbrechen auch die Nationalität der Täter enthalten, oder ist das, wie einer meint, rassistisch und bedient Vorurteile? Lenkt die Diskussion um kriminelle libanesische Clans von den deutschen „Wirtschaftskriminellen und Steuerhinterziehern“ ab? Ist die Kontroverse ein Zeichen, wie ein Gast meint, dass es „unter uns auch immer rechter“ wird? Oder kann man, wie Nora, froh sein, dass es in den Gesprächen „ausnahmsweise um etwas geht“?

          Für sie ist das keine abstrakte Diskussion, denn ihre Tochter Clara ist gerade eingeschult worden, gleich am allerersten Tag hat der kleine Frederic ihr gesagt, dass er sie heiraten will, es kommt in der Klasse zu Streit und Destruktion, und Frederic wird unter den Eltern als Unruhestifter ausgemacht. Sein Vater kommt aus dem Libanon und ist offenbar reich, zudem trägt er den Namen eines Clans, dem kriminelle Geschäfte nachgesagt werden, und spätestens nach einem weiteren Gespräch mit Freunden ist sich Claras Mutter keineswegs mehr sicher, wie sie sich zu den Ereignissen verhalten soll. Zu denken gibt ihr, was der Biologe Gustav über das organisierte Verbrechen sagt und wie schwer es wegen der vielen beteiligten Clanmitglieder und ihren unterschiedlichen Aufgaben im Dienst eines gemeinsamen kriminellen Ziels zu bekämpfen sei – „ihr schien, er denke von den Termiten her.“

          Die Frage, ob das ein sinnvoller Ansatz ist und wohin er letztlich führt, gibt Eva Menasses gerade erschienenem Erzählungsband die äußere Struktur. Er heißt „Tiere für Fortgeschrittene“, seine Kapitel tragen Überschriften wie „Raupen“, „Schafe“, „Schlangen“ oder, wie Noras Geschichte, „Haie“, und jedem dieser acht Texte ist eine kleine Wissenschaftsmeldung vorangestellt, die von Tieren handelt. Sie erzählen von Enten, die noch im Schlaf ein Auge wachsam offen halten können, von einem Mann, der ein überfahrenes Opossum per Mund-zu-Mund-Beatmung retten will, oder von Schmetterlingen, die sich an Krokodilstränen laben.

          Keine eindeutige Allegorie

          In welchem Zusammenhang sie mit den dann folgenden literarischen Texten jeweils stehen, wechselt von Mal zu Mal, ein enggeführtes und allegorisch eindeutiges Bestiarium nach mittelalterlichem Vorbild strebt Menasse glücklicherweise nicht an. Statt dessen leitet das Tränentrinken eine Erzählung ein, in der eine Patchworkfamilie in den Urlaub fährt und unter den Bösartigkeiten der zu Hause gebliebenen Ex-Frau des Mannes leidet, die sich also buchstäblich am Kummer der Familie nährt.

          Eva Menasse: „Tiere für Fortgeschrittene“. Erzählungen. Verlag Kiepenhauer und Witsch, Köln 2017. 320 S., geb., 20 Euro.
          Eva Menasse: „Tiere für Fortgeschrittene“. Erzählungen. Verlag Kiepenhauer und Witsch, Köln 2017. 320 S., geb., 20 Euro. : Bild: Kiepenhauer und Witsch

          Andere Erzählungen nehmen das Motiv der vorangestellten Nachricht sehr viel direkter auf: Dem totgefahrenen Opossum folgt in der in Deutschland spielenden Geschichte ein Reh, das zum Verkehrsopfer wird, aber auch zum deutlich markierten Symbol für das Verhalten des Protagonisten Charlie Reincke: So wie er zwischen zwei Frauen lebt, so wollte auch das Reh Wildwechsel betreiben, der auf der Straße zwischen den beiden Revieren sein Ende fand. Noch direkter ist die Verbindung zwischen Nachricht und Text in „Igel“, denn die Todesfalle, die weggeworfene Eisbecher für Igel werden können, spielt auch in der Erzählung eine Rolle. Nicht immer leuchten diese Verknüpfungen ein, und schwerer wiegt, dass die Erzählungen sie nicht einmal benötigen. Das gilt etwa für „Raupen“, ein Kabinettstück aus jener Hölle, die Familie eben auch bedeuten kann, wenn die Machtverhältnisse allzu ungleich verteilt und zudem über die Jahrzehnte statisch sind, allem Größer- und Älterwerden zum Trotz. Dabei gelingt es Menasse, aus der Perspektive eines alten Mannes und Pflegers seiner demenzkranken Frau so zu erzählen, dass die wahnhaften mit den scharfsichtigen Zügen eine enge, mitunter schwer auseinanderzuhaltende Verbindung eingehen und sein Verhalten je nach Beleuchtung als Fürsorge, Kontrolle und Despotie erscheint.

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