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Eugen Ruges „Follower“ : In diesem Identitätsroulette gibt es nur noch Verlierer

Verloren im Datenregen: Donald Iain Smiths Montage evoziert eine ähnlich trostlose Zukunft wie Ruges Roman. Bild: blend / vario images

So viel unnütz tolle Wut! Eugen Ruges Dystopie „Follower“ erhebt die geballte Faust gegen die vernetzte Welt.

          Science-Fiction-Autoren und Dystopisten haben es heute bequem. Es reicht, die Gegenwart mit wenigen Schritten hochzurechnen, um dort zu sein, wo Techno-Intellektuelle und KI-Ingenieure längst sind: in einer posthumanen Welt, deren humanem Bestand über den gewachsenen Möglichkeitssinn schrittweise das Wirklichkeitsgefühl abhandenkommt. Der Mathematiker, Geophysiker und Schriftsteller Eugen Ruge, dessen Romandebüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ im Jahr 2011 auf Anhieb den Deutschen Buchpreis gewann, kann auf diesem Feld zudem seine naturwissenschaftliche Bildung ausspielen. Ob Ruge auch den Ton der ihm ungeliebten technischen Zivilisation treffen würde, war nach seinen bisherigen Büchern, einem historischen Familienepos und einer metaliterarischen Reflexion über das Schreiben, aber ungewiss.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Nio Schulz, der Held von Ruges Zukunftsroman „Follower“, trägt die technisch überformte Welt hautnah am und im eigenen Körper: als Silikon-Implantat, mentales Exoskelett und Dauer-Innervation im Hashtag-Strom: „@Luzia teilt mit, dass ihr Kokos-Bounty-Geburtstagskuchen angebrannt sei“, liest Schulz auf seinem Newsfeed. Wer ist das globale Wir, auf dessen Neugier die unbekannte Luzia spekuliert? Es sind in jedem Fall nicht mehr Mann und Frau. Die Emanzipation hat sich bei Ruge im Identitätsroulette verloren und eskaliert im Geschlechtervernichtungskampf. Die neutralisierten Körper sind strategische Verfügungsmasse und werden meist zum Nachteil der Männerwelt eingesetzt, die es als Zielscheibe radikalfeministischer Hetze noch gibt. „Post von @femfatal: Geh sterben fetter weißer Hetero.“

          Kurzburka mit Pilotenstiefeln

          Reproduktion ist im Kern eine Finanzfrage. Nio Schulz quält der Zweifel, ob seine Partnerin die Qualität seines Spermas akzeptieren wird und ob sie oder er das Kind austragen muss. Oder doch die nepalesische Leihmutter? Die Political Correctness ist ein universeller Gedankenscanner, der jeden Gedanken des Protagonisten mit einer Checkliste internalisierter Tabus abgleicht. Das eigentlich Gemeinte sprudelt aus dem Unbewussten, wird aber nur noch in verzerrter Lautgestalt explizit. „Sei doch nicht so negertief“, sagt die Vorgesetzte zu Schulz.

          Leicht gesagt in der von Ruge grell und genüsslich inszenierten Warenwelt, die Sinn und Sinnlichkeit aufgesogen hat und in Produktform als Identitäts-Applikation anbietet: Kurzburka mit Pilotenstiefeln. Dummies mit combat traces. Pantys mit gender confession brand. Die globale Produktpalette zielt auf den Verkauf kollektiver Identitäten. An jeder Ecke stellt sich Schulz das Gebot: „Checking identity.“ Frauen, die es nicht mit der Militanz halten, laufen als pinkfarbene Mickymäuse durch diesen Markenkosmos oder, zeitlich versetzt, als beides: erst Escort-Girl, dann militant fem. Islamic gilt als chic. Wie der Islam die weibliche Erotik in Schleier hüllt, schweißt sie der Westen ins Markenprodukt, dem man sich ebenso bedingungslos unterwirft: „Follower“ eben, jeder auf seine Art.

          Endlich wieder ein Roman: Eugen Ruge, Buchpreisgewinner des Jahres 2011.
          Endlich wieder ein Roman: Eugen Ruge, Buchpreisgewinner des Jahres 2011. : Bild: dpa

          Die next economy hat auch die Zeit kolonisiert. China ist nach Unternehmensanteilen in vier Zeitzonen aufgeteilt. Russland wird gerade an der Börse verscherbelt. Nio Schulz arbeitet bei E.on/Deutschland in befristeter Anstellung. Was seine Leistungsbereitschaft fördert und ihn zu penibler Selbstbefragung anhält, die mit immer neuen Erfolgen besänftigt werden muss.

          Die Gier nach unverstellter Erfahrung

          In dieser Welt wacht Nio Schulz eines morgens in einem seltsamen Identitätsschwindel auf. Die globale Markenwelt bietet ihm keine Anhaltspunkte. Sein Aufenthaltsort nennt sich Wú Chéng, liegt irgendwo in China und heißt zu Deutsch: keine Stadt. Auch sein Geruchssinn bringt Schulz auf der Suche nach dem verlorenen Weltgefühl nicht weiter. Es riecht verkaufsfördernd nach gemähtem Gras.

          Echt scheint nur die fette weiße Fliege, die unablässig gegen den Bildschirm im Hotelzimmer prallt. Es ist die millionenfach geklonte Zeitfliege der Universe-Uhr, die das globale Niemandsland synchronisiert. Im Alltag wird Schulz durch sein Kommunikationsverhalten stabilisiert, amtlich erfasst nach aktiven und passiven Kontakten, Clusterzahl, Agglomeration, und gebündelt zu einem Psychotyp. Schulz ist Fischmaul: viele passive, wenige aktive Kontakte. Verdächtig. Beruflich bewirbt Schulz Lauf-Fußbänder, die er dem chinesischen Markt so schmackhaft machen will wie seinen letzten Verkaufshit: das essbare Zimmermädchenkostüm.

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