23.05.2007 · Kochsendungen, Kochbücher sowie Pamphlete wider die daniederliegende Esskultur, wohin man blickt - und ein eventuell sinn-, sicher aber kalorienfreies Regierungsprogramm soll uns alle "fit statt fett" machen. Besonders schlecht ernährt man sich ja gemeinhin, wenn man beruflich viel unterwegs ist.
Kochsendungen, Kochbücher sowie Pamphlete wider die daniederliegende Esskultur, wohin man blickt - und ein eventuell sinn-, sicher aber kalorienfreies Regierungsprogramm soll uns alle "fit statt fett" machen. Besonders schlecht ernährt man sich ja gemeinhin, wenn man beruflich viel unterwegs ist. Begibt man sich sogar eineinhalb Jahre auf Welttournee, wird der Hosenbund rasch enger und enger, solange man die Pfunde nicht in schweißtreibender Manier auf der Bühne abtrainiert.
Alex Kapranos, Sänger der populären Independent-Rockband "Franz Ferdinand", ist alles andere als dick. Die britische Zeitung "The Guardian" hatte ihn gebeten, vom Essen auf Tour zu berichten, was in "Sound Bites" nun gebündelt vorliegt und möglichst häppchenweise nachzulesen ist. Immerhin kann Kapranos als ehemaliger Koch, Weinkellner und Imbisslieferant als jemand gelten, der zumindest ahnt, wovon er spricht. Tatsächlich entpuppt er sich, gerüstet mit der Kennerschaft eines Anthony Bourdain und der Unerschrockenheit eines Rüdiger Nehberg, als gewitzter und rustikaler Gourmet, der vor keinem kulinarischen Abenteuer zurückschreckt: Süßwasserschlammkrabben in Sydney, Fugu und "rotzartiger Seeigel" in Japan, argentinische Stierhoden in Buenos Aires und Leberkässemmeln vom Münchner Christkindlmarkt.
Welche dieser Speisen gilt in den Augen eines Schotten, der sich zu dem Nationalgericht Haggis bekennt, also zu einem mit Hafermehl gekochten und in einen Schafsmagen gefüllten Geschlinge, wohl als die gewagteste? Da Kapranos auf Konzertreise offensichtlich nicht wie andere Rockstars von einem Cateringservice rundum betreut wurde, wie dies etwa die "Rote Gourmet Fraktion" in Deutschland für Künstler Tricky oder "Die Ärzte" tut, wird seine kulinarische Aventiure gleichzeitig zu einer gastronomischen Gralssuche. Schillernd, boshaft oder verklärt beschreibt er Vorzüge und Verschrobenheiten einzelner Restaurants - zum Beispiel purzelbaumschlagende Ninjas in der Funktion eines Oberkellners - sowie Eigenheiten oder Unsitten von Personal und Gästen.
Dabei erinnern seine uneitlen Anekdoten, besonders die seiner Lehrjahre als Küchenhilfe, die ihre Unschuld auf dem Fußboden des Personalraums verliert, stets an sein Vorbild Bourdain, dessen "Geständnisse eines Küchenchefs" Kapranos zu seinem vierunddreißigsten Geburtstag ins New Yorker "Les Halles" führen, wo er endlich den Rossini, den dekadentesten, nämlich von Foie gras gekrönten Burger der Stadt, probieren darf. Man fragt sich, wie so ein von Geschmackserlebnissen Besessener ausgerechnet Frontmann einer überaus hippen Combo werden konnte?
Neben Talent und Durchsetzungskraft scheint Kapranos vor allem die Arbeit in der Küche auf seine spätere Karriere vorbereitet zu haben. Schließlich ist für das Leben in einem klaustrophobischen Tourbus allemal gewappnet, wer auf engstem Raum eine Fünfzehn-Stunden-Schicht mit übellaunigen Vorgesetzten, die noch dazu mit scharfen Messern und heißem Fett hantieren, überlebt. Musik allerdings hat laut Kapranos im Restaurant nichts verloren. Die können wir aber zum Tanzen hören, um abzuspecken und endlich wieder fit zu werden, denn beim Lesen der leckeren "Sound Bites" bekommt man ordentlich Appetit.
ALEXANDER MÜLLER
Alex Kapranos: "Sound Bites". Essen auf Tour mit Franz Ferdinand. Illustrationen von Andrew Knowles. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 174 S., br., 7,95 [Euro].