Die berühmte hessische Großmutter, der die Brüder Grimm die Märchen abgelauscht haben sollen, löst sich bei näherer Betrachtung in einen großen Verwandten- und Bekanntenkreis auf, der eifrig sammelte, erzählte, zuhörte, aufschrieb, las und zutrug. Jacob und Wilhelm Grimm strickten das alles zu einem Buch zusammen, das 1812 das erste Mal erschien. 1815 wurde es um einen zweiten Band erweitert und danach bis 1857 in insgesamt siebzehn verschiedenen Auflagen veröffentlicht, als große und als kleine Ausgabe, mit Kommentar oder ohne. Unter den Händen vor allem von Wilhelm Grimm veränderte es sich fortwährend, es glättete, rundete, reinigte sich, bis jener typische Märchenton erreicht war, der bis heute jedem Kind, das lesende Eltern hat, eingeprägt wird als einer der frühesten und stärksten Eindrücke der sprachlichen Bildung.
Es ist der Forschung schon lange bekannt, dass die Brüder Grimm allerlei Vorlagen hatten. Unter diesen Vorlagen sind rund ein Drittel fertig literarisierte Märchen, die aus Büchern entnommen wurden. Das Übrige aber stammt tatsächlich meistens aus mündlichen Quellen. Es ist das Verdienst der von Heinz Rölleke herausgegebenen Ausgabe, das Wissen um die Lieferanten dieser mündlichen Überlieferung nicht nur theoretisch zu entfalten, sondern nachvollziehbar und sinnlich erfahrbar zu machen. Nach Zuträgern geordnet, wird hier die früheste gedruckte Gestalt ihrer jeweiligen Märchen gegeben. Die Zuträger werden benannt und mit ihren Eigenheiten vorgestellt. Die Märchen, auch die bekannten, erscheinen seltsam aufgerauht, ungepflegter und scharfkantiger als gewohnt. Man liest viel Unbekanntes und Erstaunliches, das dem Glattstrich zum Opfer gefallen ist.
Geschichten aus dem Wunscherfüllungsladen
Die meisten Zuträger, mehrheitlich Frauen, waren jung wie die Grimms selbst, die 1812 noch keine dreißig Jahre alt waren. Die erste Anregung zum Märchensammeln ging von Clemens Brentano aus, der zusammen mit Achim von Arnim eigentlich auf der Suche nach alten deutschen Liedern war (für „Des Knaben Wunderhorn“), aber dabei auch auf Märchen stieß. Auf den Wunderhorn-Zuträgerkreis konnten die Grimms dann zurückgreifen und ihn langsam erweitern. Im Kern bestand er aus Intellektuellen der Romantik (die Grimms, die Arnims, die Brentanos mit ihren Familien), die sich mit kultivierten katholischen Adelsfamilien aus dem Paderbornischen (Haxthausen) und aus dem Münsterland (Hülshoff) verbündeten.
Es fehlte auch nicht an Kontakten zu den ländlichen Unterschichten, aber sie waren unergiebig. Das „Volk“ erzählte flächendeckend nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die schwer aufzuspüren waren. Der älteste Zuträger war der pensionierte Wachtmeister Krause, der gern von pensionierten Wachhunden erzählte, die ihr Gebieter nicht mehr füttern will (“Der alte Sultan“). Krause war arm und verlangte für jedes Märchen „ein abgelegtes Beinkleid“. Immer wenn er mal wieder eine Hose brauchte, schickte er ein Märchen nach Kassel. Er nuschelte dienstwillig etwas vom Spinnstubenmilieu, aus dem er seine Märchen habe, aber die soldatische Abkunft seiner Geschichten ist allzu offenkundig. „Herr Fix und Fertig war lange Zeit Soldat gewesen, weil aber der Krieg ein Ende hatte und nichts mehr zu tun war, als einen und alle Tage dasselbe, nahm er seinen Abschied und wollte Lakai bei einem großen Herrn werden.“ Natürlich gewinnt er eine Königstochter. Auf dem Weg dahin geht es wenig zimperlich zu. Herr Fix und Fertig gibt einer Million hungriger Raben sein gutes Pferd zu fressen; zum Dank dafür helfen sie ihm bei der Erfüllung der ihm gestellten Aufgabe und hacken einem halbblinden Untier das letzte sehende Auge aus. Das geschieht nicht im Interesse des Guten, sondern lediglich im Interesse des Herrn Fix und Fertig. Krause betrieb einen Wunscherfüllungsladen für alte Soldaten. Das war für das Publikum der Biedermeierzeit zu unmoralisch.
Die mündlichen Beiträger schöpfen ihrerseits aus Quellen, auch wenn sie das oft nicht wissen. Krause hat zwar vieles vermengt, aber kaum etwas erfunden. Er hatte früher in einem hessischen Garderegiment gedient, halb Europa kennengelernt und bessere Tage gesehen. Der Märchenschatz ist ein Zauberteppich, der über dem Abend- und Morgenland schwebt. Er bildet ein riesiges Flechtwerk, das im neunzehnten Jahrhundert noch sehr produktiv ist. Die sogenannten Kunstmärchen mischen sich ständig mit den sogenannten Volksmärchen. Unbemerkt gerät 1843 eine Nacherzählung von Andersens „Prinzessin auf der Erbse“ in eine Auflage der Grimm’schen Märchen, wird aber in der nächsten wieder entfernt. Schriftlichkeit kehrt in Mündlichkeit zurück, Mündlichkeit steigt zur Schriftlichkeit auf. Vermeintliche Volksmärchen haben uralte Traditionen, die ins Mittelalter, in die Antike, in den alten Orient oder ins alte Ägypten zurückreichen. Ein Zipfel dieses Zauberteppichs hat auch Wachtmeister Krause noch gestreift.
Die Geschichte der Geschichten wird endlich lebendig
Die Zuträgerin, die dem Typus „hessische Großmutter“ am nächsten kommt, war Dorothea Viehmann, geborene Pierson. Sie war die Witwe eines Schneiders, lebte in einem Dorf bei Kassel, kam einmal in der Woche bei den Grimms vorbei, erhielt eine Tasse Kaffee mit Süßigkeiten und erzählte dafür jedes Mal ein Märchen. Was sie brachte, hatte Niveau, wie „Die Gänsemagd“ (mit Fallada, dem sprechenden Pferdekopf), und sie bestand auf dem Wortlaut. Aber woher war ihr die Kunde gekommen? Nicht aus dem hessischen Dorf. Sie hatte hugenottische Ahnen, und in Frankreich gab es schon lange vor den Grimms gedruckte Märchensammlungen, die sich im Repertoire der Viehmännin bis ins Hessische verzweigten.
Die meisten Beiträger gehörten in einem erweiterten Sinn zur Familie. Die Grimm’schen Märchen sind eine Koproduktion der romantischen Geselligkeit. Einst gut Ausgedachtes und früh Weitergegebenes kehrte nach Jahrzehnten vom „Volksmund“ geadelt zurück. Besonders das Ende der Märchen besorgte Wilhelm Grimm, der eigens eine Schlussformelsammlung angelegt hatte (“Und dem, der das erzählt hat, ist der Mund noch warm.“) Der von Albert Schindehütte stimmungsvoll illuminierte Prachtband erzählt rund um die Märchen herum die Geschichte dieser Geschichten auf eine so kluge und tiefsinnige Weise, dass sie unter der Entzauberung nicht kaputtgehen, sondern im Gegenteil lebendig werden und zum Weitererzählen ermuntern. In Gesellschaft Märchen vorzulesen weckt eine ganz neue Freude, wenn man auch die Kommentare vorliest, in die sie eingebettet sind. Heinz Rölleke hat sein Leben lang über diese Gegenstände geforscht und nachgedacht - bei ihm führt diese Spezialisierung zu einem freien, heiteren Überblick und zu einer lauteren Klarheit, die gleichzeitig belehrend und unterhaltend ist.