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: Erzeuger sind keine Familie

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Biographien lieben wir aus denselben Gründen wie Romane: weil sie allen Brüchen, von denen sie berichten, zum Trotz am Ende das Bild eines irgendwie gerundeten Lebens liefern und damit tröstlich Sinn stiften. Nun gab und gibt es aber politische Entwicklungen und gesellschaftliche Situationen, bei ...

          Biographien lieben wir aus denselben Gründen wie Romane: weil sie allen Brüchen, von denen sie berichten, zum Trotz am Ende das Bild eines irgendwie gerundeten Lebens liefern und damit tröstlich Sinn stiften. Nun gab und gibt es aber politische Entwicklungen und gesellschaftliche Situationen, bei denen die davon Betroffenen lebenspraktisch nicht die geringste Chance haben, überhaupt so etwas wie eine Biographie im herkömmlichen Sinn zu begründen. Genau davon (und damit von sich selbst) erzählt Patrick Modiano seit seinem ersten Buch, also seit vierzig Jahren.

          Wenn jetzt ein Buch mit dem Titel "Ein Stammbaum" vorliegt, das von Patrick Modiano erzählt, sollte man nicht dem Irrtum aufsitzen, hier habe jemand seine Autobiographie vorgelegt. Auch der Verlag führt uns hier dankenswerterweise nicht in die Irre, sondern teilt uns ganz zutreffend mit, das Buch sei "Patrick Modianos autobiographischer Bericht über eine unglückliche Kindheit, der sich liest, als sei es ein Roman über Patrick Modiano".

          Nun, es ist einer, wie alle Romane davor auch, egal, ob dort ein Ich-Erzähler am Werk ist oder in der dritten Person erzählt wird. Viele Motive aus früheren Büchern tauchen wieder auf. Manche werden erstmals an den "richtigen Zeitpunkt" gerückt, wie das Überfahrenwerden durch einen Lieferwagen, oder auf die "richtige Person" angewandt, wie die sonntäglichen Busfahrten zurück ins Internat. Aber was bedeutet hier schon "richtige Zeit" oder "richtige Person"?

          Patrick Modiano erzählt von den ersten zwanzig Jahren seines Lebens, von seinen Eltern und von all den anderen, die damals flüchtig durch sein Leben gingen, so gut es ihm möglich ist. Die Voraussetzungen, unter denen er das tut, benennt er schon früh sehr deutlich: "Man möge mir all diese Namen nachsehen. Ich bin ein Hund, der so tut, als habe er einen Stammbaum. Meine Mutter und mein Vater gehören zu keinem bestimmten Milieu. So wackelig, so ungewiss sind sie, dass ich mich bemühen muss, ein paar Spuren und Markierungen in diesem Treibsand zu finden, so wie man sich bemüht, mittels halb verwischter Briefe ein Formular zum Personenstand oder einen amtlichen Fragebogen auszufüllen." Das ist auch die Poetik all seiner bisherigen Romane gewesen.

          Dabei ist das Undeutliche, Verwischte keine Masche. Nimmt man das jetzt vorliegende Buch vorübergehend einmal wirklich als Autobiographie, so wird klar, dass der Sohn eines Vaters, der sein Leben lang undurchsichtige Geschäfte macht, ab und zu auch mal unter anderen Namen agiert und öfter auf der Flucht ist, uns keine pralle Familiengeschichte anbieten kann. Die jüdische Familie des Vaters stammte aus Saloniki und ging in die Toskana. Der Vater wurde 1912 aber schon in Paris geboren, die Mutter 1918 in Antwerpen. Sie kam 1942 durch einen Offizier der Propagandastaffel nach Paris. Über sie heißt es gleich auf der ersten Seite: "Sie war ein hübsches Mädchen mit einem harten Herzen."

          Vater und Mutter trennen sich früh. Was sie vereint, sind ihre jeweiligen Versuche, den Sohn loszuwerden, abzuschieben, wobei besonders der Vater eine fast unerschöpfliche Energie entwickelt: verschiedene Internate in der Provinz, die Armee, die Universität in Bordeaux, bloß nicht in Paris. Im November 1961 holt sich der Sohn im Internat im Hochsavoyen die Krätze und sucht eine Ärztin in Annecy auf. "Sie scheint verwundert über meinen jämmerlichen Zustand. Sie fragt mich: ,Haben Sie Eltern?' Angesichts ihrer Fürsorge und mütterlichen Sanftheit muss ich mich zusammennehmen, um nicht in Tränen auszubrechen."

          Dabei führt Modiano nur Protokoll. Er stellt sich Fragen über seine Eltern - die er nicht beantworten kann -, er klagt nicht an. Er stellt sich auch Fragen zur eigenen Kindheit und Jugend, deren er sich irgendwie zu vergewissern versucht. Das Ganze geschieht wie immer in jener kargen, disziplinierten, wunderschönen Sprache, die ihn zu einem der größten Stilisten der französischen Gegenwartsliteratur macht und die Elisabeth Edl, inzwischen längst die deutsche Stimme dieses Autors, auch diesmal ganz unangestrengt ins Deutsche transportiert.

          Das private Unglück hat einen natürlich zeitgeschichtlichen Hintergrund. Es ist die Erinnerung an die Jahre der deutschen Okkupation, von der seine Eltern direkt betroffen waren, auch an die permanente Vernichtungsdrohung. 1958 sieht der Vater mit dem Sohn einen Film über den Nürnberger Prozess "im Kino George V. Ich entdecke mit dreizehn Jahren die Bilder der Vernichtungslager. Etwas hat sich an diesem Tag für mich verändert. Und mein Vater, was dachte er? Wir haben darüber nie miteinander gesprochen, nicht einmal beim Verlassen des Kinos."

          Sprachlosigkeit, Schweigen, Nebel, der Äther als "Erinnerung und Vergessen": alle Elemente von Modianos Erzählkunst finden sich hier wieder. "Ich habe nichts zu bekennen, nichts zu erhellen, und ich verspüre keinerlei Neigung zu Introspektion und Gewissenserforschung. Im Gegenteil, je dunkler und geheimnisvoller die Dinge blieben, desto mehr haben sie mich immer interessiert." Nirgends im bisherigen Werk ist die Poetik dieses Autors so deutlich formuliert wie an dieser Stelle. Das hat seinen Sinn, denn das Buch endet konsequenterweise 1967 mit "jenem Nachmittag im Juni, als ich erfuhr, dass mein erstes Buch angenommen war". Da ist Modiano knapp zweiundzwanzig. "Ich war in See gestochen, bevor der morsche Anlegesteg zusammenbrach. Es war höchste Zeit."

          JOCHEN SCHIMMANG.

          Patrick Modiano: "Ein Stammbaum" . Aus dem Französischen übersetzt und mit einer Nachbemerkung von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München 2007. 126 S., geb., 12,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2007, Nr. 258 / Seite 36

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