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Erzählungen von Clemens Meyer : Drei Meter weiter liegt eine fremde Welt

Die Gleise entlang laufen – das ist ein Leitmotiv der Erzählungen von Clemens Meyer, die einen ihrer zentralen Orte hier finden: am Leipziger Kopfbahnhof. Bild: Picture-Alliance

Ein Erzähler, wie wir keinen anderen haben: Clemens Meyer nimmt in seinem neuen Buch „Stille Trabanten“ die alten Themen wieder auf, setzt dabei aber neue Akzente. Es zieht Hoffnung ein.

          Die Erzählzeit von Clemens Meyer ist die Nacht, und auch sein neues Dutzend Erzählungen besteht zu einem großen Teil aus Nocturnes, elegisch schönen Gängen durch die Dämmerung ins Dunkle und mit etwas Glück am nächsten Morgen auch wieder hinaus. Dieses Glück ist den Meyerschen Protagonisten jetzt häufiger beschieden, es sind nicht mehr samt und sonders auf Dauer gebrochene Gestalten, die auch im psychologischen Sinne die Nachtseite repräsentieren, aber eine düstere Komponente haben doch alle diese menschenfreundlichen, weil im emphatischen Sinne mitleidenden Geschichten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Man hat Meyer, einem der bekanntesten und vielseitigst aktiven Schriftsteller unseres Landes, seit seinem Debüt mit dem Roman „Als wir träumten“ (2006) oft den Vorwurf des Sozialkitschs gemacht. So mögen Leute sprechen, die der Welt, die Meyer interessiert, derart fernstehen, dass sie die Genauigkeit seiner Figuren- und Ortsprofile gar nicht bemerken können. Schauplatz des ganzen Werks, also seiner beiden großen Romane – 2013 erschien „Im Stein“ – und der vorherigen zwei Bände mit kleiner Prosa, „Die Nacht, die Lichter“ (2008) und „Gewalten“ (2010), ist mit bemerkenswerter Konsequenz seine Heimat, vor allem Leipzig, aber auch Halle, die Geburtsstadt. Die „Stillen Trabanten“, die der neuen Erzählungssammlung den Titel geben, sind die Vielgeschosser der Plattenbausiedlungen von Halle-Neustadt oder Leipzig-Grünau. Und die Menschen, von denen Meyer erzählt, sind jene, die man in diesen beiden Städten treffen kann, wenn man sich nur um ein Winziges von den touristisch oder kulturell ausgetretenen Pfaden entfernt – und seien es nur die drei Meter, die die Eingangstür zur Bierbar „Gleis 8“ im Leipziger Hauptbahnhof von der Treppe hinab zur Eingangshalle West und dann zur Innenstadt trennt. Diese Bar, rundum verglast, doch den Vorbeieilenden keinen Blick wert, ist einer von Meyers liebsten Handlungsorten. Die schönste der neuen Geschichten hat dort ihren Platz.

          Die Aufmerksamkeit eines Flaneurs

          „Späte Ankunft“ heißt sie, und sie bringt zwei alleinstehende Frauen zusammen, die sich mit ihren Jobs mehr schlecht als recht über Wasser halten. Christa arbeitet bei der Bahnreinigung und ist zu den Zeiten, wenn die Züge ihre letzte Tagesfahrt hinter sich haben, auf dem ruhig gewordenen Gleisgelände des großen Bahnhofs tätig. Nach Beendigung ihrer Schicht trifft sie in der Bierbar Birgitt, die gleich jenseits der Treppe zur Eingangshalle im Frisiersalon schafft – auch der eines jener Meyerschen Aquarien, aus denen die Insassen viel sehnsuchtsvoller hinausschauen als andere Menschen hinein. Als sich die beiden Frauen, die Freundinnen werden, zum ersten Mal begegnen, entfaltet sich ein Dialog, der Präzision und Bildhaftigkeit von Meyers Prosa auf zwei kurze Sätze bringt: „,Sie haben mal geraucht?‘, fragte die Frau mit dem dunklen Haar, das wie Lack glänzte, und goss sich etwas Sekt nach. ,Nein, mein Mann hat geraucht‘, sagte sie, ,und manchmal fehlt mir das.‘“

          Clemens Meyer: „Die stillen Trabanten“. Erzählungen.
          Clemens Meyer: „Die stillen Trabanten“. Erzählungen. : Bild: Verlag S. Fischer

          Markant waren schon immer die Lichtakzente bei Meyers Beschreibungen. Sie sind sichere Anzeichen für beginnende Faszination, so wie die Aufmerksamkeit eines Flaneurs – und Meyer ist viel mehr literarischer Erbe dieser Großstadtchronisten als des immer wieder als Vorbild beschworenen Hemingways, mit dem ihn weder thematisch noch stilistisch viel verbindet – gebannt wird durch eine plötzlich aufblitzende Reflexion, einen verirrten Sonnenstrahl. Diesmal aber nutzt Meyer solche Leuchtphänomene auch für erzwungene Aufbrüche aus selbstgewählter Isolation: In einer Geschichte geht ein einsamer Mann – alle Meyer-Protagonisten sind einsam – nach einem Einbruch in seine Wohnung nach draußen. „Er lief durch die Straße, die parallel zu den Gleisanlagen verlief, unterhalb der großen Brücke, an der er vorhin gestanden hatte, und er hatte das Gefühl, aus jedem Imbiss, aus jeder Spielothek, aus jeder Kneipe, aus jedem erleuchteten Schaufenster würde ein Blitzlicht ihn blenden, würde ihn jemand fotografieren.“ Diese empfundenen Übergriffe treiben ihn einer alten verwirrten Frau in die Arme, die eine Figur aus „Als wir träumten“ zitiert, doch diesmal geht es nicht darum, sie auszunehmen, sondern um wechselseitigen Trost. Meyer ist gnädiger geworden. Und noch besser.

          Was schon alle seine Bücher ausgezeichnet hat, ist deren Rhythmisierung. In „Stille Trabanten“ geht nun jeweils drei längeren Erzählungen eine Miniatur voraus, betitelt mit „Eins“, „Zwei“ und „Drei“. Es sind Impressionen, die wie Ausgangspunkte von Romanen wirken: Ein totes Kind wird im Wald gefunden, ein krebskranker Vater noch einmal durch seine Stadt gefahren, in einem ehemaligen Chemierevier mutieren Menschen zu Wölfen. Das sind übrigens sämtlich Taggeschichten, doch sie lassen das Dunkel, auf das Meyer hinschreibt, schon ahnen. Aber er muss es nicht mehr erzählen, seine Kunst liegt im Andeuten; Weiterdenken zum Nocturne können und sollen wir selbst.

          Der Zeitbruch innerhalb kleinster Einheiten

          Das verbindet ihn tatsächlich mit der amerikanischen Short-Story-Tradition, aber viel eher mit Poe oder auch T.C. Boyle, um zwei extreme Pole zu nennen. Vom Ersteren hat Meyer das Gespür für Melancholie, vom Letzteren das für subtilen Witz – so etwa, wenn ein junger Mann eine junge Muslima anschwärmt und ihr auf die Frage nach Osten als vorgeschriebene Gebetsrichtung eine Antwort gibt, die sich beim Überdenken als immer weiter vom gewünschten Ziel entfernt erweist: „eigentlich Richtung Norden, mehr so Nordwesten, denn die große Straße, an der mein Imbiss lag, führte Richtung Norden aus der Stadt heraus, und auch der Gang in unserem Hochhaus, in dem wir uns trafen, wies Richtung Nordwesten, mehr noch Westen als die Straße, und hinterm Stadtpark, an dem ich mich orientierte, lagen die Trabanten, erhob sich die Neubausiedlung, die Hochhäuser am Rande der Stadt, hinter denen die Sonne unterging. Abendland.“ Das ist im pathetischen Ton dieser traurigen Liebesgeschichte ein wunderbar komischer Zug. Und gleichzeitig in einem einzigen Wort Begründung für das Scheitern dieser Faszination.

          Ein Mittel beherrscht Meyer wie kein anderer Erzähler: den Zeitbruch innerhalb kleinster Einheiten, bisweilen gar eines Satzes. Das ist nicht neu, im Roman „Im Stein“ wurde es schon vorgeführt, doch hier findet auf knappstem Raum ein so virtuoses Spiel mit den Erzählebenen statt, dass höchst genaue Lektüre erforderlich ist, um die Abfolge des Geschehens zu rekonstruieren. Sonst wähnt man geradlinige Handlungen, obwohl es sich tatsächlich um doppelbödige und trügerische Erzählungen handelt, die, wie im Falle von „Glasscherben im Objekt 95“ auf nicht einmal dreißig Seiten mehr als zwanzig Jahre überbrücken. In „Späte Ankunft“ sind es binnen eines Absatzes nur ein paar Tage, fast unmerkbar, doch dazwischen liegt alles, was Leben ausmacht: der Beginn einer Freundschaft.

          Clemens Meyer: „Stille Trabanten“. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 270 S., geb., 20 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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