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Veröffentlicht: 29.11.2010, 16:35 Uhr

Erri De Luca: Der Tag vor dem Glück Anna, deine Augenlider!

Neapel erkunden und eine italienische Jugend entdecken: Erri De Luca erzählt vom Erwachsenwerden mit drallem Plot und schillernden Figuren. Schade, dass der Roman stilistisch mager bleibt.

von Niklas Bender
© Graf Verlag

Manche Bücher entfalten ihre Wirkung am Ort der Lektüre, gerade jene, die wir im Sommer schmökern. Und wenn man sie Wochen später wieder aufschlägt, dann sollte es zwischen den Seiten knistern, Sand muss herausrieseln und den Leser an einen sorglosen Nachmittag zwischen hitziger Lektüre und Erfrischungsbädern erinnern. Dann wird man gern an sie denken. Den Strandtest haben sie bestanden - die winterliche Sofaprüfung steht allerdings noch aus. Wäre Erri De Lucas Roman „Der Tag vor dem Glück“ nicht ein idealer Kandidat für die Sommerfrische gewesen? Leider erreicht er uns zum frostig-düsteren Jahresausklang. Kein gutes Omen.

Dabei schöpft De Luca, der als einer der wichtigsten und erfolgreichsten italienischen Autoren der letzten Jahre gilt, zunächst aus dem Vollen: Er erzählt eine gut konstruierte Reifegeschichte mit Charme und deftigem Neapel-Aroma. Held und Ich-Erzähler ist ein namenloser Waisenjunge, der im Kabuff eines Mietshauses allein aufgewachsen ist. Den Schulbesuch finanzierte ein Stipendium, um die Ernährung hat sich der „portiere“ Don Gaetano, der Concierge und Hausmeister, gekümmert. Die sozialen Kontakte des Knaben waren auf die Schule und Fußballspiele im Hof beschränkt, wo er sich als flinker Torwart - Spitzname: „das Äffchen“ - einen Namen gemacht hat.

Zu seinem Glück hat er früh die Literatur entdeckt. Seine Träume kreisten nicht etwa um ein normales Familienleben, sondern um ein rätselhaftes Mädchen im dritten Stock, das nie im Freien zu sehen war und eines Tages spurlos verschwand.

Mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter

Im Zentrum des Romans stehen die Tage um den 18. Geburtstag des Helden; wir befinden uns in den frühen sechziger Jahren. Tagsüber hilft der Junge Don Gaetano beim Rohrflicken oder verliert gegen ihn im Kartenspiel, nachts lernt er für die Schule. Väterlich führt Don Gaetano ihn ins Leben ein: Durch ihn sammelt der Jüngling erste Berufs- und Liebeserfahrung, Letztere bei einer jungen Witwe, die es nach etwas ungewöhnlichen Hausmeisterdiensten verlangt.

Zugleich lernt er durch die Erzählungen von Don Gaetano Neapel mit neuem Blick kennen: Der ehemalige Argentinien-Emigrant und Widerstandskämpfer berichtet von Südamerika und den Straßenschlachten gegen die deutschen Besatzer; 1943 hielt er einen Juden im Keller des Hauses versteckt. Die Geschichten fesseln seinen Zuhörer: „Seine Erzählung war ein Pfeifenspiel wie das vom Rattenfänger, und meine verzauberten Sinne folgten ihm.“

Süffisante Anekdoten mit Lokalkolorit

In der Tat, Don Gaetano erzählt süffige Anekdoten, trägt Lokalkolorit mit satt getränktem Pinsel auf: „Auch die Geschichten von Don Gaetano waren viele und steckten alle in einem einzigen Menschen. Er sagte, das hinge damit zusammen, dass er ganz unten gelebt habe, denn Geschichten sind wie Wasser, die in die Tiefe stürzen. Ein Mensch ist ein Sammelbecken für Geschichten, je weiter unten er lebt, desto mehr empfängt er.“

Dramatisch wird der Roman, als das mysteriöse Mädchen von einst wieder erscheint: Anna ist zur Frau herangewachsen, die einem Mafioso versprochen ist. Der Held gerät erneut in ihren Bann, obwohl er um ihre Probleme weiß: Seine Liebe gilt einer autistisch Gestörten, die ihn in eine gefährliche Liebschaft zieht - im Keller, in dem sich einst der Jude verbarg, kommt es zu Treffen, in denen die Grenze von Lust und Qual verschwimmt.

Bald überstürzen sich die Ereignisse: Don Gaetano rückt mit seinem Wissen über die Vergangenheit der Waise heraus, der Junge muss seine Vergangenheit an- und die Zukunft auf sich nehmen. Eines Tages schließlich steht Annas Verlobter im Hof, und es kommt zum Showdown alla napolitana.

Augen, die nicht weinen

Erri De Luca hat dieses Jahr in Deutschland den Petrarca-Preis erhalten. Neben dem zweiten Gewinner, Pierre Michon, der 2009 mit „Les Onze“ ein grandioses Geschichtsfresko vorlegte, kann „Der Tag vor dem Glück“ jedoch nicht bestehen. Vor allem die Liebesgeschichte ist in ihrer sadomasochistischen Tendenz schwer erträglich; hier entgleitet De Luca auch die Sprache. Er: „Deine Augenlider, Anna, sind so geschwungen wie der Kiel eines Bootes.“ Sie: „Ich habe Lider, die nicht schlafen und nicht weinen.“ Die pathetischen Formeln mögen durch die Büchergläubigkeit der jungen Menschen begründet sein, sie wirken trotzdem wie Brocken zu dick aufgetragener Schminke.

Auch in Don Gaetanos Erzählungen tummeln sich die Klischees: „Später habe ich mich auch von ihm getrennt und bin Gast der Natur und ihrer überreichen Barmherzigkeit geworden.“ In der Tat, Mutter Natur hat einen großen Busen. Stil besteht jedoch oft darin, dass man es nicht sagt. All dies könnte man überlesen, ließe man sich vom ereignisreichen Plot und den lebensfrohen Figuren mitreißen. Zu solcher Lektüre brauchte man allerdings die Sommersonne mit ihrer angenehm betäubenden Wirkung. Auch ein wenig Sand zwischen den Zehen wäre hilfreich. So knirscht es aber leider nur im Text.

Erri De Luca: „Der Tag vor dem Glück“. Roman. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Graf Verlag, München 2010. 176 S., geb., 16,95 Euro

Quelle: F.A.Z.

 

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