http://www.faz.net/-gr3-8m3fk

Gesellschaftsroman „München“ : Die Sandale ist eine alte Verräterin

  • -Aktualisiert am

Ernst-Wilhelm Händler beschreibt sehr aufmerksam die Modewelt. Bild: dpa

Das Fehlen der Zehen soll man nicht sehen: Ernst-Wilhelm Händler beobachtet die Münchner Gesellschaft genau und schaffte es damit auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

          Seit Charles Baudelaire ist die Literatur mit der Mode verschwistert, weil an ihr das Transitorische der Moderne, der sich stetig beschleunigende Übergang vom Alten ins Neue sichtbar wird. In der Mode zeigt sich auch besonders intensiv, was für soziale Systeme überhaupt gilt: dass jeder zugleich Beobachter und Beobachteter ist. Diese Dialektik des Beobachtens durchzieht Ernst-Wilhelm Händlers Gesellschaftsroman wie ein Leitmotiv, gleich am Anfang wird sie animistisch sogar in die umgebende Natur projiziert. „Der Wald dagegen ein Zauberwald, die Wünsche der Beobachterin erratend und schürend. Niemals würde sich der Wald damit zufrieden geben, betrachtet zu werden. Er wollte aufstacheln, doppelt auf Gedanken bringen. Wer beobachtete wen?“

          Die Beobachterin ist Thaddea, eine reiche Erbin und Psychotherapeutin. Von ihrer einzigen Freundin Kata, einer international tätigen Architektin, hat sie sich eine Villa in Grünwald und ein Stadthaus in Schwabing bauen lassen, das sie als Praxis nutzen will, auch „die Struktur“ genannt. Beide Bauten sind mit viel Glas auf die Spannung zwischen Einblick und Ausblick hin komponiert. Derart stehen sie für den ganzen Roman, Händler setzt seine Figuren gleichsam in eine gläserne Struktur, in der sie studiert werden.

          Das Beobachten der Milieus

          Ins Geschehen eingeführt werden sie über die Beschreibung ihres Outfits und des Aussehens bis hinein in die Wahl des Lippenstifts. Dabei zeigt Händler gründliche Kenntnisse der Mode. Auch den Jargon der Branche scheut er nicht.

          Gegenseitiges Beachten der Garderobe als eines Kommunikationsmediums erscheint als Hauptmerkmal der beschriebenen Gesellschaftsschicht. Gelegentlich wird das ins Abstruse getrieben, so bei der Beschreibung einer Aktion des Hauses der Kunst, bei der die Flucht aus der DDR lebensecht mit Hundegebell und Selbstschussanlage simuliert wird. „Die anderen potentiellen Republikflüchtigen fixierten neidvoll ihre sich in so zielgerichteter Bewegung befindlichen weißen Sneakers mit den roten Kappen, den roten Schnürsenkeln und dem Schriftzug von Prada.“ Entsprechend sind in „München“ Kunstausstellungen vor allem Bühne für exquisite Kreationen. Die Beschreibungen der Partys und Empfänge, sei es im P1, am Pool eines RTL-Produzenten oder auf Herrenchiemsee, sind einschließlich der wiedergegebenen Gespräche trotz erhöhten Champagnerkonsums allerdings nicht immer dazu angetan, den Leser besonders neidisch zu machen. Nur gelegentlich geht es lustig zu: „Wir haben gestern einen Ultraschall bei Lumpi machen lassen. Gott sei Dank hat er nur Gallensteine.“

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          Die digitale F.A.Z. PLUS

          Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

          Mehr erfahren

          Mit Kata wie mit ihrem Freund Ben-Luca, der für ein Auktionshaus arbeitet, hat Thaddea gebrochen, weil die beiden miteinander geschlafen haben, und zwar nachdem sie nach einer Party in der Neuen Pinakothek versehentlich über Nacht dort eingeschlossen wurden. So ist Thaddea noch isolierter als ohnehin schon. Ihre Praxis verschafft ihr zunächst wenig Ablenkung. Patienten bleiben aus oder kommen nach der ersten Sitzung nicht wieder. Allerdings hat sie ziemlich eigenartige Vorstellungen von ihrer Profession: „Irgendwo fand man immer bei jedem und jeder eine Mischung aus unguten Erinnerungen und einem nicht besonders gut funktionierenden Erinnerungsvermögen. Das nannte man dann Trauma, und anschließend bastelte man daran, die Erinnerungen in einen einigermaßen logischen Ablauf zu bringen und sie in einem freundlicheren Licht erscheinen zu lassen. Thaddea hatte niemals an Ursachen geglaubt und glaubte auch jetzt nicht daran.“ Auch lehnt sie es ab, Ziele zu haben.

          Weitere Themen

          Alles ist Vintage

          Mode der Sixties : Alles ist Vintage

          Die Mode aus den Sixties ist nie ganz ausgestorben und scheint durch den Vintage-Style auch heute noch einen gewissen Anklang zu finden. Bis heute hinterlässt diese Mode vor allem in London ihre Spuren.

          Topmeldungen

          Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte fordert von Bayer, Warnhinweise zu Iberogast zu veröffentlichen.

          Magenmittel : Verschweigt Bayer Risiken von Iberogast?

          Das beliebte Präparat könnte Nebenwirkungen haben, die nicht auf dem Beipackzettel stehen. Ändern will der Hersteller das nicht. Die Grünen wittern einen Skandal.

          Bundestagsdebatte über Yücel : Özdemir rechnet mit AfD ab

          Die AfD wollte den deutsch-türkischen Journalisten Yücel vom Bundestag für zwei umstrittene Texte maßregeln lassen. Der ehemalige Grünen-Vorsitzende wirft den Rechtspopulisten vor, wie der türkische Präsident Erdogan zu denken.

          Europa : Polen warnt Merkel vor „echter politischer Krise“

          Kurz vor dem EU-Gipfel eskaliert der Streit zwischen Polen und Deutschland. Der polnische Europaminister Szymanski sperrt sich gegen Merkels Forderung, EU-Gelder an die Aufnahme von Flüchtlingen zu knüpfen.

          Fliegerbombe entschärft : Kartoffelsuppe in der Geisterstadt

          Die Fliegerbombe am Gallus ist erfolgreich entschärft worden. Viele Bewohner werden die Nacht dennoch nicht so schnell vergessen. Streifzug durch ein Viertel im Ausnahmezustand

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.