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Ernst Haffner: Blutsbrüder : Gegen den Geschmack des Kurfürstendamms

Bild: Metrolit

Ernst Haffners Romanreportage „Blutsbrüder“ von 1932 erzählt von der verlorenen Jugend von Berlin und führt den Leser zwanglos durch das unterirdische Großstadtlabyrinth.

          Den 21.Geburtstag eines Cliquenfreundes feiern die „Blutsbrüder“ in einer Laube auf dem Brachland an der Berliner Koloniestraße. Hier, heißt es, habe der Freund seine „Heimat“: eine „Gegend wie geschaffen zum laut- und spurlosen Verschwinden“. Die Feiernden sitzen auf Kartoffelsäcken zwischen Schnaps- und Weinflaschen, auf einer Apfelsinenkiste brennt eine Altarkerze, dazu plärrt ein Grammophon. Man isst Blockschokolade, dann erzählt Ulli, „der nunmehr Mündige“, von seinem Kampf mit der Polizei, dem Jugendamt, den Erziehungsanstalten. „Sie gönnten ihm nicht die Freiheit, die Straßen, die Kneipen, Rummelplätze, die Mädels. Da wehrte er sich.“ Vor der Gartenhütte gibt es Krawall: Zwei feindliche Cliquenmitglieder wollen die Festgesellschaft stören. Sie werden niedergeboxt, dann fließt wieder der Fusel, schließlich besorgt sich die Runde eine Prostituierte „von reichlich vierzig Jahren“. Nach einer Stunde hat sie zehn Mark verdient. Die Laube wird still. Nur die Altarkerze brennt noch, sie „beleuchtet ein trauriges Bild...“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ernst Haffners Roman „Jugend auf der Landstraße Berlin“ wollte 1932 diese Altarkerze sein: ein Licht, das auf die Zustände in Deutschland auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, der politischen Kämpfe, der zivilen Zerrüttung fiel. Und zugleich wollte er ein spannender Insider-Bericht aus der Jugendbandenszene der Hauptstadt sein, ein Reißer, wie man damals sagte, ein Zeitbuch. Deshalb gehen ständig zwei Tonlagen, zwei Perspektiven in Haffners Geschichte durcheinander, hier Reportage, da Moritat, hier Kerze, da Glühlampe. „Ist es Renommiersucht, diese Gier nach dem Alkohol?“, fragt der Erzähler mitten in der Schilderung des Gelages in der Laube. Ein paar Seiten später, als einer seiner Helden in die städtische Wärmehalle in der Ackerstraße geht, wendet er sich wieder an den Leser: „Gibt es Trostloseres als diese Wärmehalle im ausrangierten Straßenbahnschuppen?“ Ganz sicher, aber nicht hier.

          Der Blick eines Rechthabers

          Und auch nicht in Deutschland des Jahres 1932. Wenige Monate später aber kam Hitler an die Macht, dann folgten die Bücherverbrennung, die Rassenpolitik, die Konzentrationslager, der Weltkrieg, und in diesem Strudel verschwand mit dem Milieu, von dem Ernst Haffner berichtet, auch sein Buch selbst. Und auch der Autor ging der Literatur verloren, bis 1933 arbeitete er als Sozialarbeiter und Journalist, danach wird er noch einmal zur Reichsschrifttumskammer zitiert, anschließend erlischt seine Spur. Es gab viele nicht nur jüdische Künstler der Weimarer Republik, die dieses Schicksal des Vergessenwerdens erlitten, und es gab andere, die sich, wie die Filmregisseure Piel Jutzi und Walter Ruttmann, „umdrehen“ und für die Propaganda der Nazis missbrauchen ließen. Ernst Haffner gehörte nicht dazu.

          In den vergangenen zwölf Jahren hatte der Aufbau-Verlag mit der Neuauflage von Hans Falladas Widerstandsroman „Jeder stirbt für sich allein“ einen Weltbestseller. Diesen Erfolg versucht der von der Aufbau-Gruppe eigens und exklusiv für ein jugendliches Lesepublikum gegründete Metrolit Verlag nun offenbar mit Haffners Buch, das unter dem griffigeren Titel „Blutsbrüder“ erscheint, zu wiederholen. Das könnte schwierig werden, nicht nur, weil jener Expresszug, auf dessen Waggonachse der Heimzögling Willi bei Haffner als blinder Passagier von Köln nach Berlin reist, längst nicht mehr fährt. Das größere Problem ist der Blick, den Haffner auf all die Züge, Kneipen, Kaschemmen, Edelbordelle, Lauben und Wärmehallen wirft, in denen seine Bandengeschichte spielt. Es ist nicht nur der Blick des mitfühlenden, mitleidenden Zeugen. Es ist auch, oft genug, der Blick eines Rechthabers.

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