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Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald: Wir sind verdammt lausige Akrobaten Vergiss deine persönliche Tragödie, wir sind alle verflucht

Glücklich wie die Könige: Der faszinierende Briefwechsel zwischen den Schriftstellerfreunden F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway liegt endlich auch auf Deutsch vor.

© Hoffmann und Campe

Die Schriftstellerfreundschaft zwischen Ernest Hemingway (1899 bis 1961) und F. Scott Fitzgerald (1896 bis 1940) hat einen Berg von Studien, Biographien und Memoiren hervorgebracht. Allein in den letzten zwanzig Jahren ist rund ein Dutzend Bücher über die Beziehung der beiden herausragenden Vertreter der „Lost Generation“ erschienen, darunter „Fitzgerald and Hemingway: A Dangerous Friendship“ des Fitzgerald-Experten Matthew Bruccoli oder „Hemingway vs. Fitzgerald: The Rise and Fall of a Literary Friendship“ von Scott Donaldson. Wenn alle Rechnungen erledigt sind, könnte es sogar sein, dass die beiden Amerikaner das Duo Goethe & Schiller überflügeln. Natürlich geht es dabei nicht nur um literarisches Talent. Der Erste Weltkrieg, die wilden Zwanziger, die Expatriate-Gemeinschaft amerikanischer Künstler in Paris, der Alkohol, die Filmindustrie und jede Menge Klatsch und Romantisierung spielen ihre Rolle in der Anziehungskraft des Themas.

Es ist eine Faszination, die vor allem Amerikaner spüren. Der deutsche Buchmarkt blieb davon merkwürdig unberührt. Wenn jetzt erstmals der schmale Briefwechsel zwischen Hemingway und Fitzgerald auf Deutsch erscheint, füllt er also eine Lücke. Und doch ist die vorliegende Edition ein Zwitter. Die Hemingway-Hälfte stammt aus dem Band „Glücklich wie die Könige“, der in der Übersetzung von Werner Schmitz schon 1984 bei Rowohlt erschien. Den Fitzgerald-Anteil hat der Schriftsteller Benjamin Lebert frisch übertragen und außerdem ein Vorwort, Anmerkungen und eine Zeittafel beigesteuert.

Liebe zwischen unter Ausnahmetalenten

Am Anfang stehen Großzügigkeit und Uneigennützigkeit. Im Oktober 1924, während der Arbeit am „Großen Gatsby“, legt Fitzgerald seinem Lektor Maxwell Perkins einen drei Jahre jüngeren Story-Autor „mit glänzender Zukunft“ ans Herz. Hemingway hat gerade in Paris unter dem Titel „In unserer Zeit“ kleine Prosastücke veröffentlicht. Scott und Ernest, wie wir sie einmal nennen wollen, lernen sich 1925 in der Dingo Bar in Paris kennen, empfinden Respekt voreinander und begreifen sofort, dass sie gegensätzliche Künstlertypen sind.

Der hübsche, zartgliedrige, mit dem Ruhm des Jazz-Age gesalbte Fitzgerald, hochbezahlter Geschichtenlieferant für die „Saturday Evening Post“ und längst Alkoholiker, spürt in der Lakonik des virilen Hemingway die Erzählkraft, die die Moderne verändern wird. Gertrude Stein wiederum, in deren Pariser Salon beide verkehren, hält Fitzgerald für den Begabteren. Komplimente fliegen hin und her, auch in dieser Korrespondenz, teils hemdsärmelige, teils hochherzige Nettigkeiten. Man hat von Liebe zwischen den beiden literarischen Ausnahmetalenten gesprochen, sogar erotische Anziehung vermutet, was sicherlich Blödsinn ist. In der Rückschau wird verständlich, dass Rivalität und charakterliche Unterschiede irgendwann zur Distanzierung führen mussten.

Die Kräfteverhältnisse verschieben sich

Im Jahrzehnt nach dem Kennenlernen verschieben sich die Gewichte. Während Ernest 1926 mit dem Roman „Fiesta“ einen enormen Erfolg landet und im Jahr darauf den Storyband „Der Sieger geht leer aus“ nachlegt, braucht Scott neun volle Jahre, viele Ehekräche und unzählige Martinis, um auf den „Großen Gatsby“ (von dem Hemingway nicht besonders viel hielt) seinen letzten vollendeten Roman „Zärtlich ist die Nacht“ (von dem Hemingway milde enttäuscht war) folgen zu lassen. Ernest geht von Frankreich nach Spanien, nach Afrika, nach Kuba, heiratet und lässt sich scheiden.

Er ist der mobile Eroberertyp und schafft es, seine depressiven Züge künstlerisch zu sublimieren. Scott dagegen verharrt in der zerstörerischen Ehe mit Zelda (zwischen ihr und Hemingway herrscht Abneigung auf den ersten Blick) und sieht, dass die alte Welt, die er so glänzend beschrieben hat, schon in den amerikanischen Depressionsjahren unwiderruflich museal geworden ist. Eine andere hat er nicht. Oder andersherum: Ernest, der Amateurboxer, Kriegsreporter, Jäger und Draufgänger, segelt im Aufwind und setzt die neuen literarischen Trends. Scott dagegen scheint seine Jugend schon hinter sich zu haben und erlebt als Berufsschriftsteller nach 1929 einen unaufhaltsamen wirtschaftlichen Niedergang, bis er 1940 an Herzinfarkt stirbt. There are no second acts.

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Veröffentlicht: 20.09.2013, 18:10 Uhr