28.08.2006 · Literatur muß man nicht kommentieren. Beim viertägigen Erlanger Poetenfest gab man sich mit dieser Maxime selten zufrieden. Auf der großen Wiese betrieb man Autoren-Zapping und fragte nach dem abwesenden Grass.
Von Teresa Grenzmann„Für mich ist Realität etwas, das mir verdächtig ist.“ So erläutert Thomas Glavinic im Erlanger Schloßgarten seinen neuen Roman „Die Arbeit der Nacht“ über die Ängste, Sehnsüchte, aber auch Kräfte eines in der Welt urplötzlich Alleingelassenen. „Von einer Minute auf die andere könnten hier Eisberge erscheinen“, phantasiert der Wiener Autor mit Blick auf den ihn umgebenden grünlauschigen Park.
Verdächtigungen der Realität sind auf dem 26. Erlanger Poetenfest keine Seltenheit: Häufig hört man an diesem verlängerten letzten Augustwochenende von Zweifeln, Mißtrauen, Kehrseiten, Selbstkrisen, Phantastereien und Wissenssuchen. Ganz so allein gelassen wie bei Glavinic ist man dabei aber nicht: Rund 10000 Besucher begegnen gut siebzig Schriftstellern, Journalisten, Künstlern, Wissenschaftlern bei Lesungen, Ausstellungen, Shows und nicht gerade geizig besetzten Podiumsdiskussionen, tagelang, nächtelang, füllfedernah.
3500 worthungrige Besucher
Doch was eigentlich machte dieses Erlanger Poetenfest zum Fest? Feierte man, daß es trotz der so verdächtigen kulturpolitischen Realität immer noch lebte? Feierte man, daß Nico Bleutge seinen Debütband „klare konturen“ zum ersten Mal in Händen hielt und sogleich empfindsame Meeresgedichte daraus las? Oder daß Paul Maar im ersten Werkstattgespräch für Kinder und Jugendliche Kurioses aus seiner Namenssammlung vortrug? Daß Tobias Hülswitt sich in „Der kleine Herr Mister“ auf ulkige Weise an „Faust“ und „Tonio Kröger“ erinnert?
Oder daß Annette Pehnt (ihr „Haus der Schildkröten“ dringt in die Untiefen eines Altersheims, die Demütigungen der Alten, die Berührungsängste der Jungen) und Friedrich Christian Delius (sein „Bildnis der Mutter als junge Frau“ ist der Ein-Satz-Spaziergang einer jungen Schwangeren durch das fremde Rom von 1943) aus nachdenklichen Prosawerken lasen, die es offiziell noch gar nicht gab? Oder war es einfach der Anblick der dreieinhalbtausend prophylaktischen Regenjacken von dreieinhalbtausend worthungrigen Besuchern, welche im gut organisierten, obendrein kostenlosen Leser-wechsel-dich-Prinzip zwischen den literarischen Welten auf den vier Podien im Schloßgarten lustwandelten? Die aufregende Essenz des Festes liegt doch in der Gleichzeitigkeit, im Autoren-Zapping auf der grünen Wiese.
Minderwertigkeitskomplex „Leitkultur“
An den vier Abenden dieses Literaturspätsommers, der dem Publikationsherbst bereits ins Manuskript schielte, wurden vier internationale Autoren in intensiven Einzelporträts gefeiert: der aus Hermannstadt stammende Wortwürfler Oskar Pastior, der Sarajevo-Grazer Erzählkünstler Dzevad Karahasan, der schwedische Biographiendichter Per Olov Enquist und die Wiener Tiefenpoetin Friederike Mayröcker. Im Gespräch mit Verena Auffermann über seinen charismatischen Essayband zu Frauen und Gärten sowie den beklemmenden bosnischen Heimkehrerroman „Der nächtliche Rat“ klagte Karahasan über die „Tollwut des Sich-Erklärens“ als „Krankheit unserer Zeit“.
Mit unkommentierter Dichtung gibt sich auch ein Poetenfest - zumal ein mottoloses - nun doch nicht zufrieden, und so reichten die Tollwüte denn bis weit über die Neuerscheinungen hinaus: in sieben heterogenen Diskussionen um aktuelle (kultur-)politische Themen, die im weitesten Sinne literarisch waren - weil alles im weitesten Sinne literarisch ist. Für diese Ausflugsserie sprach, daß ausgerechnet die Sonntagsmatinee zum deutschen Minderwertigkeitskomplex „Leitkultur“ die erfrischendsten und kulinarischsten (Genußkultur als Leitkultur) Perspektiven erbrachte, was die reizvolle Mischung der Gäste ausmachte: die französische Korrespondentin Pascale Hugues, die Historikerin Dorothee Wierling, der chinesisch-deutsche Journalist Shi Ming, der Publizist Friedrich Dieckmann.
„Ist Grass noch da?“
Oder es gab geglückte Konfrontationen: So saßen einander etwa in der Runde über „Schriftsteller im Medienzeitalter“ der Geschäftsführer der VG Wort, Ferdinand Melichar, und der Luzerner Autor Rolf Dobelli gegenüber, Gründer der Internet-Firma „getAbstract“, des weltgrößten Anbieters von Buchzusammenfassungen in Wirtschaftsliteratur und Belletristik; im September erscheint Dobellis dritter Manager-Roman „Himmelreich“, die gewitzte Geschichte eines Lebensausbruchs. Gegen die Ausflugsserie sprach, daß Brennpunkt-Fragen wie die Rolle der Deutschen zwischen Israel und Palästina oder auch gesetztere Themen wie der Heimatbegriff zu unkonkret formuliert wie diskutiert wurden, als daß sie über ein fusseliges Statement-Patchwork hinaus in fruchtbare Gesprächsgegenden hätten gelangen können.
„Ist Grass doch da?“ fragte mancher, während er sich notdürftig vor dem leibhaftigen Ellenbogenkampf beim Einlaß in den vollen Redoutensaal zu schützen suchte. Nein, Grass war nicht da, und so konnte der kurzfristig noch eingeschobene Sekundär-Talk der vier Journalisten auf dem Podium denn auch nichts Neues bringen, außer vielleicht der scharfsinnigen Bemerkung des NDR Kultur-Redakteurs Stephan Lohr, ein privates Buch, das sei doch schon ein Widerspruch in sich.
Die Nächte für die Jugend
Skandalisierung versus Wahrheit: das war auch das Thema der Diskussion „Die Gedanken sind frei - doch was passiert, wenn man sie ausspricht?“ Gibt es keine wirkungsvolle Meinungsfreiheit ohne Zensur, fragt sich die Runde, welche, angestachelt durch die Vorwürfe an Maxim Biller oder Peter Handke, vor allem zwischen der „schlangenhaften Klugheit“ (Sigrid Löffler) eines Autors, der die Zensur überlistet, und der Torheit desjenigen, der dies gar nicht erst versucht, polarisierte.
Der Jugend indes gehörten die Nächte: „Die Nacht der Fantasy“, Sarah Kuttner und die Show zur „Riesenmaschine“, einem journalistischen Weblog im Rahmen der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA). Mitbegründerin dieser virtuellen pop-philosophischen Firmenparodie, die sich „die Welt als Stichwort“ nimmt und in knappen Alltagsartikelchen spaßeshalber draufloskommentiert, ist Kathrin Passig, „taz“-Kolumnistin, Sachbuchautorin und vor einigen Wochen Klagenfurt-Gewinnerin. In Erlangen hatte sie ihren „Altar des Alltags“ aufgebaut, ein Ikea-Regal wie ein Kinderflohmarkt, ein Pantheon der schrägen Plastik-Götter (altar.riesenmaschine.de). Anderntags las sie ihren Gewinnertext „Sie befinden sich hier“, den inneren Monolog einer im Schneesturm verirrten Erfrierenden, den der Literaturkritiker Hajo Steinert als Endpunkt der romantischen Ära bezeichnete, der aber im Endeffekt nur Glavinic beweist: Es ist nicht verkehrt, die Realität zu verdächtigen; es könnte zu Überraschungen kommen.