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Erfolgsgeschichte eines Buches Da kommt Mutter Natur!

Wie erklärt sich der phänomenale Erfolg von Charlotte Roches „Feuchtgebieten“? An der Prominenz der Autorin allein kann es nicht liegen. Ist es die angedeutete Möglichkeit einer Rückkehr zur natürlichen Weiblichkeit, die das Buch so verlockend wie trügerisch macht?

Ob Helen Behmel die Sängerin Eva Kurowski kennt? Die achtzehnjährige Helen, Ich-Erzählerin von Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“, verbringt lange und schmerzhafte Tage im Krankenhaus, Tage, an denen sie zum Nichtstun verdammt ist. Aber seltsamerweise sieht Helen Memel nicht fern, sie liest nicht, sie hört auch keine Musik. Das hat seinen Grund: Helen Memel beschäftigt sich nur mit sich selbst, mit ihrem Körper und ihrem Intimleben. Ist Helen Memel eine ganz normale Jugendliche? Jedenfalls ist ihre Geschichte für viele Leser so interessant, dass sich „Feuchtgebiete“ innerhalb weniger Wochen mehr als vierhunderttausend Mal verkauft hat.

Hubert Spiegel Folgen:

Allein mit der TV-Prominenz der Autorin ist das nicht zu erklären. Nein, dieser Erfolg hat viele Mütter. Zum Beispiel Mutter Natur: „Da kommt Mutter Natur / Mein Gott, wie die aussieht! / Die Beine nicht rasiert / und unterm Arm so ein dicker Strauch!“ So beginnt ein Lied der Bochumer Sängerin Eva Kurowski, das Helen Memel, die auf ihrem Krankenlager melancholisch Erinnerungen an ihre erste Intimrasur pflegt, eigentlich gefallen müsste. Aber mit Mutter Natur kann man sich nicht mehr sehen lassen. Es führt kein Weg zurück zu behaarten Frauenbeinen, die in Latzhosen und Wickelröcken stecken.

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Nichts gegen Selbstvermarktung!

Dass der neue Feminismus, wie er seit einiger Zeit als Schlagwort mit den unterschiedlichsten Phänomenen der Mediengesellschaft in Verbindung gebracht wird, kaum einmal darüber nachdenkt, ob er an die emanzipatorischen Ansprüche einer grünen und ökologischen Bewegung anknüpfen könnte, ist leicht erklärt: So gründlich wie die gesamte ökologische Bewegung ist sonst nur die Popkultur ökonomisiert worden. Dass viele junge Frauen zwar gegen den Objekt- und Warencharakter aufbegehren, den ihnen gängige Schönheitsideale und die Kosmetikindustrie zuweisen, aber oft nichts gegen Pornographie einzuwenden haben, ist womöglich nur ein scheinbarer Widerspruch.

Zum idealen Selbstbild moderner junger Frauen zählt offenbar auch ein starker Wille zu unbedingter Professionalität: Gegen souveräne Selbstvermarktung ist in der Regel wenig einzuwenden. Wo aber die Nachfrage das Selbstbewusstsein bestimmt, ist deren künstliche Stimulation nicht nur erlaubt, sondern scheint dringend geboten. So ist auch für Helen sexuelle Attraktivität die wichtigste Stütze ihres überaus labilen Selbstbewusstseins.

Aufstand gegen die synthetische Welt

Ingeborg Harms hat in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die einleuchtende These aufgestellt, „Feuchtgebiete“ sei „auch ein Pamphlet gegen die Pin-up-Kultur der lückenlos Attraktiven und die Zumutung, die sie für wirkliche Frauen bedeutet“ (Charlotte Roches Debütroman: Sexualität ist Wahrheit). Aber was sind wirkliche Frauen? Sind wirkliche Frauen natürliche Frauen? Mit Helen sagt Ingeborg Harms über die „Blondierungs-, Maniküre-, Peeling- und Intimwaschkünstlerinnen“: „Ihre Haltung wird steif und unsexy, weil sie sich ihre ganze Arbeit nicht kaputtmachen wollen.“

In Bret Easton Ellis' Roman „American Psycho“ wird der solcherart perfektionierte weibliche Körper in einem sexuellen Akt äußerster Aggression vernichtet. Der Aufstand gegen die synthetische Welt mündete hier in die mörderische Pathologie des Misogynen. Auch Helen will ein Körperideal zerstören. Sie fordert, wenn sie begeistert von schmackhaften Körpersekreten schwärmt, aber nichts anderes als eine vermeintliche Rückkehr zur Natur, zu natürlichem Sex nämlich. Aber zeigt sich nicht darin, in der naiven Annahme, es könne in den synthetischen Körperwelten millimetergenauer Intimrasuren überhaupt noch so etwas wie natürliche Sexualität geben, Helens ganze Unschuld?

Zwanghafte Selbstfixierung

Charlotte Roche hat mit Helen Behmel eine extreme Kunstfigur geschaffen, ein Wesen, das berührt und schockiert, ein sexbesessenes kindliches Monstrum, das wie jedes Monstrum vor allem von jenen geliebt werden will, die es geschaffen haben. Wie Oskar Matzerath begegnen wir Helen als Insassin einer Heilanstalt, wie der Blechtrommler ist sie ein ungebärdiges, ein schlimmes Kind, anarchisch und grausam. Aber Helens Aggressionen richten sich gegen sie selbst. Wie die Bulimikerin ist sie zwanghaft auf den eigenen Körper fixiert, und wie bei der Bulimikerin hat diese fremdbestimmte Fixierung auch bei Helen autoaggressive Folgen. Womöglich liegt darin sogar das stärkste Identifikationsangebot dieser befremdlichen Figur.

Helen ist traumatisiert: ein Scheidungskind, das den Selbstmordversuch der Mutter verhindert und danach mühsam verdrängt hat. Helen sucht sich nicht nur jede Nacht einen anderen Sexualpartner, sie übt sich auch unermüdlich in autoerotischen Praktiken, die neben dem Lustgewinn auch der Selbstvergewisserung dienen. Wenn Helen ihre verschiedenen Körperausscheidungen isst, kommt damit zum Ausdruck, dass sie sich im wahrsten Sinne des Wortes annimmt. Dem jungen Mann, dem sie im Krankenhaus kennenlernt, signalisiert sie: Wer sie nimmt, wie sie ist, kann sie haben. Robin will sie. Ist es eine besonders bittere Pointe dieses als neues feministisches Manifest gefeierten Romans, dass seine Heldin sich am Ende von eigener Hand schwerverletzt in die Arme eines Mannes flüchtet, der von Beruf Pfleger ist?

Quelle: F.A.Z.

 
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