20.11.2009 · Es gibt offenbar immer noch einen unbekannten Brecht: Erdmut Wizisla, der das Berliner Brecht-Archiv leitet, hat mit kundiger Hand aus den Erinnerungen an Brecht die schönsten und charakteristischsten ausgewählt.
Von Lorenz JägerBrecht wird wohl nicht mehr viel gelesen. Das hat sicher nicht nur mit der kommunistischen Lehrhaftigkeit vieler seiner Dichtungen zu tun, die anzuprangern inzwischen ein Gemeinplatz ist, sondern auch mit einem allgemeinen Traditionsabbau. Denn man versteht Brecht nicht, wenn man die vielfältigen Töne, denen sein Werk ein Echo gibt, nicht mehr mithört. Der Philosoph Ernst Bloch hatte Brechts Werk in den zwanziger Jahren auf die schöne Formel gebracht, es sei im Stil eines „altdeutschen Bolschewismus“ gehalten.
Vladimir Pozner, ein russisch-französischer Literat und Drehbuchautor, sah es ähnlich, als er Brecht nach dem Krieg begegnete, aber noch um ein paar Grade nuancierter als Bloch. Brecht erschien ihm damals als „Mann mit der Haarfranse, der im fünfzehnten Jahrhundert das Modell irgendeines primitiven Malers, eines x-beliebigen Augsburger Meisters hätte sein können“, und als ein „Schöpfer von Mythen, von Sagen, einer ganzen Folklore eines unbekannten Volkes, das es zweifellos niemals gegeben hat, das aber nicht ohne Ähnlichkeit mit dem deutschen Volke war“.
Zelebrierter Suizid
Erdmut Wizisla, der das Berliner Brecht-Archiv leitet, hat mit kundiger Hand aus den Erinnerungen an Brecht die schönsten und charakteristischsten ausgewählt; das Buch hat auch im Äußeren eine zwar nicht luxurierende, aber vornehm-gediegene Form, für die man den Verlag nicht genug loben kann. Das Titelfoto zeigt Brecht 1931, im scharfen Profil, eine Halbplastik seines Gesichts haltend.
Man hat von diesem Gesicht gesagt, dass es einem Priester ebenso wie einem Offizier gehören könnte. Da kommt man schnell auf die kürzeste Verbindungslinie zwischen den beiden physiognomischen Möglichkeiten: in ihrer Mitte steht der Jesuit. „Jesuitisch“ kam der Dichter vielen vor. Das Wort vom „Orden“, den er habe bilden wollen, fällt einmal mit großem Recht. Und alles andere, Politik, Gesellschaft, Ideologie, trat hinter diesem Vorhaben zurück oder wurde Funktion. Nach der Rückkehr aus dem Exil in den Vereinigten Staaten begegnete er in Zürich Armin Kesser. Dieser hielt einige Stichworte seiner Eindrücke fest: „Proletarisch-romantisches Apostolat. Sektierertum aus unbewusster Religiosität. Selbstvergiftung: Zelebrierter Suizid.“
Ohne die Bibel nicht denkbar
Es sind solche Beobachtungen (aber auch lieblichere und liebenswürdigere), die dem Band sein Gewicht geben. Man kann hier die Szene anfügen, die Ernst Ginsberg überliefert hat: „Geben Sie acht, wenn Sie mit mir über Glaubensfragen diskutieren, mein Lieber. Ich bin der letzte römisch-katholische Kopf.“ Ginsberg ist es auch, der von Brechts Sprache sagt, sie sei ohne die Bibel nicht denkbar.
Aber auch nicht ohne einen extremen Zynismus, der nötig war, um am Laienapostolat festhalten zu können. Brecht wusste sehr genau, wie man Menschen sprachlos macht. Sidney Hook, ein früher Abtrünniger der kommunistischen Idee, ist in diesem Buch der Repräsentant einer ganzen Gruppe von Zeugen, die auf Brecht nur noch mit Empörung antworteten, ohne seine Paradoxa wirklich auszuloten. Als in Moskau die Prozesse gegen die alten Bolschewiken begannen und in der Linken das große Grübeln einsetzte, antwortete Brecht auf eine Frage von Hook nach den Angeklagten kalt: „Was die betrifft, je unschuldiger sie sind, um so mehr verdienen sie zu sterben.“ Ein genaues Reversbild dieser Betrachtungsart der Weltverhältnisse findet man in Brechts Zürcher Gespräch mit Armin Kesser 1947: „Eine dümmere Bourgeoisie als die deutsche sei wohl nicht denkbar, sie habe zwei große Kriege geführt und nichts dabei für sich gewonnen.“ Man wünschte sich den ewigen Brecht-Unterricht in der Schule einmal so, dass über die Begriffe von Unschuld und Dummheit gesprochen würde, die hinter den Äußerungen gegenüber Hook und Kesser standen.
Die Zerstörung in den Menschen
Im Gespräch mit dem Maler Max Pechstein, das ein Journalist der „Frankfurter Rundschau“ um 1949 festhielt, zog Brecht eine erste Bilanz der Nachkriegszeit: „Als das Schlimmste betrachtete er nicht die materielle Zerstörung, sondern die Zerstörung in den Menschen. Alles Gefühl für Größe sei verschwunden. Wir müssten, so sagt er, gegen die kulturelle Zertrümmerung Deutschlands kämpfen, die bisher noch niemandem gelungen sei.“
Es gibt offenbar immer noch einen unbekannten Brecht. Erdmut Wizislas Sammlung lädt zu den schönsten Entdeckungen ein.