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: Er will doch nur spielen

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Schon vor Monaten wurde in Paris gemunkelt, der französische Schriftsteller Alain Robbe-Grillet, Großmeister und Erfinder des "Nouveau Roman", habe ein neues Buch geschrieben. Nicht irgendein Buch sei das, sondern ein erotisches, möglicherweise pornographisches Buch mit dem Titel "Un roman sentimental".

          Schon vor Monaten wurde in Paris gemunkelt, der französische Schriftsteller Alain Robbe-Grillet, Großmeister und Erfinder des "Nouveau Roman", habe ein neues Buch geschrieben. Nicht irgendein Buch sei das, sondern ein erotisches, möglicherweise pornographisches Buch mit dem Titel "Un roman sentimental". 85 ist Robbe-Grillet inzwischen. Er sitze, so erzählt man, in seinem Schloss in der Normandie und treibe seine ästhetisch-voyeuristischen Spiele weiter. Dass seine Ehefrau Catherine für ihre sadomasochistischen Inszenierungen bekannt sei, das wisse man doch sicher? Gäste des Hauses führe sie liebend gern durch ihre SM-Rumpelkammer. Und dass Robbe-Grillet nie ein Hehl daraus gemacht habe, eine Vorliebe für "junge Mädchen" zu haben, "besonders dann, wenn sie schön sind", das wisse man doch sicher auch?

          Vor zehn Tagen, auf der Frankfurter Messe, war das Buch dann da - aber man durfte es nicht ansehen. Streng bewacht lag es am Messestand des französischen Verlagshauses Fayard, was schon deshalb eine Überraschung war, weil Alain Robbe-Grillet sein Leben lang den renommierten Éditions de Minuit nahegestanden, dort nicht nur seine Romane veröffentlicht, sondern ganze Buchreihen herausgegeben und lektoriert hatte. Bei Fayard freute man sich umso mehr, eine Herbstsensation zu haben: Genau eine halbe Stunde durften deutsche Lektoren und Verlags-Scouts auf der Messe unter Beaufsichtigung im "Roman sentimental" blättern, dann konnten sie ihr Gebot für die Lizenz der deutschen Übersetzung machen. Drei Gebote, ist zu hören, seien bisher eingegangen. Allein Suhrkamp konnte darauf bestehen, das Buch erst einmal zu Ende lesen zu dürfen. Und das empfiehlt sich auch. "Un roman sentimental" mag sehr nach "Éducation sentimentale", also nach Flaubert klingen. Aber was heißt das schon?

          Achtung Erotik

          Wer den neuen Robbe-Grillet seit dieser Woche nun in der französischen Ausgabe kauft, sollte sich gleich auch ein scharfes Messer dazubesorgen. Die Seiten sind noch unaufgeschnitten - um es noch geheimnisvoller zu machen oder tatsächlich zum Schutz von Minderjährigen, die unbeaufsichtigt in Buchhandlungen im Roman nicht blättern sollen: "Der Verleger möchte darauf hinweisen", warnt ein Aufkleber auf dem Cover, "dass dieses ,Märchen für Erwachsene' ein Phantasma ist, das den Leser empfindlich berühren könnte." Auf der Rückseite des Buchs ist sich der Autor selbst dann nicht zu schade, hinzuzufügen, dass, "trotz der zarten Farben, in denen hier junge nackte Körper gezeichnet werden", dieses Märchen für Erwachsene seinen Platz nicht in der "Bibliothèque rose" habe - also auf keinen Fall zur Schmuddelliteratur gehöre.

          Es geht, um es unsentimental zu sagen, um Folgendes: Die kleine Ann-Djinn, genannt Gigi, wächst bei ihrem Vater auf, da ihre Mutter, als sie vier Jahre alt war, auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Auf Anweisung eines gewissen Dr. Müller lässt der Vater seine Tochter seit dem Tod der Mutter in seinem Bett schlafen, da das Kind anders nicht zu beruhigen war. Gigi findet es gut da. Und auch sonst ist sie eine gehorsam ergebene Schülerin: Auf einem Gebetsstuhl niederknieend (wobei man ihr selbstverständlich zwischen ihre leicht gespreizten Beine sehen kann), muss sie dem Vater erotische Literatur aus dem achtzehnten Jahrhundert vorlesen. Wenn sie sich - ausgerechnet bei den besonders obszönen Stellen - verliest, kriegt die Schuldige strafende Schläge auf ihren kleinen Hintern.

          Sie ist inzwischen vierzehneinhalb Jahre alt und bringt sich eines Nachts den ersten Orgasmus bei. Das muss gefeiert werden. Ein Freund der Familie, Monsieur Sorel, belohnt sie mit einem Geschenk: eine lebende Puppe, die eine kleine Prostituierte ist, fast so alt wie sie, nur etwas frühreifer, von ihren Eltern verkauft. Mit der darf sie spielen und sie bestrafen, so, wie sie es aus den Romanen des achtzehnten Jahrhunderts kennt. Die beiden Männer beobachten dieses Spiel ausgesprochen gern. Gemeinsam fahren Gigi, die Gespielin und der Vater an einen Ort, wo man weitere lebende Puppen kaufen kann. Sie schaffen sich einen ganzen Sklavinnen-Harem an, in dem ausgiebig gefoltert und vergewaltigt wird. Bis am Ende der Vater sich endlich mit der Tochter, sagen wir, vereinigt: "So werden wir für immer in den Festungen des Himmels leben."

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