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Er hat an der Uhr gedreht

 ·  Der türkische Ästhetizist Ahmed Hamdi Tanpinar / Von Wolfgang Schneider

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Ahmet Hamdi Tanpinar kommt ein singulärer Rang in der türkischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts zu, die lange entweder von sozialrealistisch-marxistischen Tendenzen oder von patriotischem Optimismus dominiert wurde. Eine Poetik der Menschheitsbeglückung blieb so oder so verpflichtend; dieser bedeutende Autor stellt sich ihr mit den Waffen der Melancholie und des Ästhetizismus entgegen.

Geboren 1901, wuchs Ahmet Hamdi (seinen Familiennamen erhielt er erst unter Atatürk) während der finalen Agonie des Osmanischen Reiches unter Sultan Abdülhamid II. auf. So prägte und begleitete ihn das Gefühl, bei aller bereitwilligen Zeitgenossenschaft in einer anderen Epoche verwurzelt zu sein. Nach dem Literaturstudium arbeitete er als Gymnasiallehrer und Universitätsprofessor; einige Jahre (1942-1946) war er ein unauffälliger Abgeordneter in der türkischen Nationalversammlung. Sein Werk umfasst fünf Romane, Gedichte, Essays und eine kanonische Darstellung der türkischen Literatur im 19. Jahrhundert. Die Zeit ist Tanpinars großes Thema. "Im Orient wartet man erst einmal ruhig ab. Nur etwas Geduld, und alles ergibt sich von selbst", meint eine seiner Figuren. Solch kontemplative Haltung verträgt sich nicht mehr mit dem Diktat der Modernisierung, das Atatürk dem Land auferlegte. Die Uhren richtig zu stellen, gewissermaßen auf die Höhe der Zeit zu bringen, den Sinn für die Sekunde zu fördern - darum geht es in Tanpinars humoristischem Roman "Das Uhrenstellinstitut".

Der Ich-Erzähler Hayri Irdal ist ein Zauderer, dessen Mentalität an Italo Svevos Zeno Cosini erinnert. Nach eher plan- und glücklosen Jahren kommt endlich Zug in sein Leben, als er Halit Ayarci trifft, einen cleveren Projekteschmied, der mit ihm das besagte Institut gründet. Der Gleichlauf aller Uhren im Land soll gesichert, die Gesellschaft effizient synchronisiert werden - nicht zuletzt durch einen Bußgeldkatalog für Zeit-Sünder. Da die Uhr das Symbol der Moderne ist, gilt es den Uhrenbesitz systematisch zu fördern, etwa durch die parallele Gründung einer "Uhrenbank", die günstige Kredite anbietet. Flankierende Erkenntnisse stellen die Psychoanalyse der Uhr sowie historische Forschungen zur Verfügung, die sich ihre Gegenstände im Zweifelsfall selbst erfinden - wie jenen sagenhaften Pionier der Zeitmessung aus dem 17. Jahrhundert, Ahmet Zamani, dem Hayri Irdal eine Biographie widmet. Der schlitzohrige Instituts-Chef Halit Ayarci ist ein genialer Drittmitteleinwerber, und so lassen sich dank üppiger Fördergelder bald zahlreiche Direktorenstellen einrichten und liebe Angehörige mit Pöstchen versehen. Kurz: Hier wuchert ein bürokratischer Apparat als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Als die Sache auffliegt, können sich alle wichtigen Mitarbeiter immerhin noch in eine permanente Kommission zur Auflösung des Uhrenstellinstituts hinüberretten.

Der Roman erschien 1962, im Todesjahr des Autors, und wurde als satirische Allegorie auf den kemalistischen Bürokratismus verstanden. Er ist allerdings nicht an diesen Verständnishorizont gebunden. Es geht nicht nur um die forcierte Europäisierung in der Türkei, sondern um problematische Begleiterscheinungen der Moderne im Allgemeinen. Das eigentliche Kapital des Buches liegt weniger in der Handlung als in den pittoresken und detailfreudig gezeichneten Charakteren. Tanpinar arbeitet mit alten Mustern der Komödie, und während die männlichen Figuren zwischen Lebenskunst und Scharlatanerie operieren (wie der Psychoanalytiker Dr. Ramiz), kommt den meisten weiblichen Gestalten ein hoher Schreckschrauben-Faktor zu. Es mangelt im Familienumfeld Hayri Irdals nicht an hysterischen Ehefrauen und geizigen Tanten, die mit Regenschirmen fuchteln und ein heimisches Terror-Regime ausüben. Allen voran die Erbtante Zarife, die, als sie doch endlich das Zeitliche segnet, von Hayris Vater nicht schnell genug unter die Erde gebracht wird, so dass sich herausstellt: Die Gute war nur scheintot. Gerade noch rechtzeitig aus dem Sarg geklettert, kehrt sie im Triumph ins Leben zurück. Hayris zweite Frau ist eine Kino-Närrin, die nicht mehr unterscheiden kann zwischen ihrem wahren Leben als Dummchen und den glamourösen Filmwelten, in die sie sich hineinträumt. Und seine Schwägerin geht ihm auf die Nerven mit ihrer permanenten Trällerei, bis sie Karriere macht als Schlagersängerin. Die kulturell herabgesunkenen Zeiten sind eben ganz danach. Feministische Humorerwartungen jedenfalls werden eher nicht bedient.

Mag sich das "Das Uhrenstellinstitut" westlichen Lesern auch leichter erschließen, als Tanpinars Hauptwerk und Höhepunkt der türkischen Literaturmoderne gilt sein einziger zu Lebzeiten erschienener Roman "Seelenfrieden". Der Titel ist die Übersetzung von "Huzur", einem Begriff aus osmanischer Zeit, der eine Mentalität der Ataraxie, der Ruhe und inneren Distanz zum Lebensbetrieb bezeichnet. Nach solchem Frieden sehnt sich die Hauptfigur, der junge Literaturgelehrte Mümtaz, allerdings vergeblich. Denn dies ist ein Roman der Unruhe und der extremen Gefühle - Liebeswonne, Lebensfrömmigkeit, Weltgenuss, aber auch tiefe Verzweiflung und pure Bosheit machen den Figuren zu schaffen.

Der Roman spielt in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre. Am Ende steht der historische Paukenschlag des Kriegsausbruchs von 1939, am chronologischen Anfang eine Familientragödie aus dem Weltkrieg zuvor: Mümtaz musste als Kind mit ansehen, wie sein Vater von Soldaten erschossen wurde. Die Mutter siechte ihm hinterher, und Mümtaz wuchs als Waise bei Verwandten auf. Der Träumer und Istanbul-Flaneur wird für alles Elend entschädigt durch eine ebenso heftige wie komplizierte Passion. Die schöne Nuran ist geschieden, und nicht nur der eifersüchtige Ex-Gatte, sondern auch ihre kleine Tochter stehen ungestörten Liebesfreuden im Weg. Gleichwohl wird die Seelenharmonie von Mümtaz und Nuran mit mystischer Inbrunst beschrieben. Manche Passagen lesen sich für westliche Leser sehr befremdlich in ihrem hohen Ton und ihrer vergeistigten Glut. "Vergiss nicht, heute Nacht gehen wir völlig in der Einheit des Seins auf!", kündigt Mümtaz an. Ein andermal heißt es: "Jetzt ließ Nurans Atem in Mümtaz' Adern einen Frühling nach dem anderen erblühen, nun flossen aus seinem Inneren Begierde und Lebenslust auf die Geliebte, wie Herden durstiger Tiere in der Mittagshitze zu kühlen Quellen eilen. Plötzlich waren jene geheimen Würmer zu Leben erwacht, von denen wir meistens gar nicht ahnen, dass sie in uns existieren und das Geheimnis der Schöpfung in sich bergen."

So geht die heißblütige Poesie bisweilen in exquisite Stilblüten über. Glücklicherweise richtet sich die erotische Emphase aber nicht nur auf die angebetete Frau, sondern erfasst wie ein Scheinwerfer aus Zauberlicht ganz Istanbul. Orhan Pamuk, der Tanpinar zu seinen wichtigsten Lehrmeistern zählt, rühmt "Seelenfrieden" als "bedeutendsten Roman, der je über Istanbul geschrieben wurde". Tatsächlich dürfte eine Stadt kaum je so prunkend besungen worden sein. Wie hier mit impressionistischem, an Proust geschultem Pinsel die Spiele des Lichts auf den Wassern des Bosporus gemalt werden, ist beeindruckend. Das alte Istanbul, das Pamuk in seinem Buch über die Stadt mit melancholischen Schwarzweißfotografien dokumentiert, erstrahlt bei Tanpinar als Farbsinfonie. Wir erleben mit geschärften Mümtaz-Sinnen die Poesie von Märkten und Moscheen, sehen verlassene Derwischkonvente mit eingefallenen Dächern, in deren Höfen die Ziegen grasen, hören die hallenden Sirenen der Dampfer, nehmen teil am Blaufischfang, besuchen die Anlegestellen mit ihren Cafés, blicken in die erleuchteten Fenster prächtiger Ufervillen und Paläste, um dann wieder durch jene engen Gassen in schäbigen, holzgebauten Vierteln zu streifen, die regelmäßig Bränden zum Opfer fielen - die ganze Stadt als "Märchendekoration" und "Festkulisse".

Spannend wird es, sobald die diabolische Störenfried-Figur Suat ins Spiel kommt. Mit ihm hat Tanpinar eine Art türkischen Raskolnikow geschaffen: Ein schwindsüchtiger Intrigant, der die handelsübliche Moral in seinem Fall für unzuständig erklärt, ein Versucher und Verführer, der es genießt, das Lebensglück anderer auf die Probe zu stellen. Mit unguten Briefen und Verhaltensweisen sabotiert er die Liebe zwischen Nuran und Mümtaz, wofür ihm der Leser nach all den Seiten des Überschwangs eigentlich ganz dankbar ist. Allerdings treibt Suat die Perfidie etwas weit, wenn er sich dekorativ in der Wohnung des jungen Paares entleibt - ein Schock, über den Nuran nicht hinwegkommt. Zwischendrin werden Debatten über die Situation der Türkei geführt. Es gibt ja auch reichlich Gesprächsbedarf vor dem Hintergrund der Atatürkschen Kulturrevolution, auch wenn diese nicht direkt thematisiert wird. Die Menschen sehen sich einer unerhörten Zerreißprobe ausgesetzt. Dabei bleibt der westliche Lebensstil vielfach ein Phantasma, das mit rückwärtsgewandten Sehnsüchten im Dauerclinch liegt. Die sentimentalen Gefühle eines Ästheten wie Mümtaz jedenfalls richten sich auf die alte osmanische Kultur. Mit obsessiver Nostalgie stöbert er auf den Basaren und in Antiquitätengeschäften nach Relikten der verlorenen Zeit.

Zwar sind Tradition und Moderne, Orient und Okzident bekannte Polaritäten. Aber welche außerordentliche Spannung zwischen ihnen in der Türkei besteht und von den Intellektuellen auszuhalten und zu verarbeiten ist, das lässt sich in "Seelenfrieden" wie kaum irgendwo sonst erfahren. Leicht kommt es zur "geistigen Verdauungsstörung". Tanpinar selbst ist in der westeuropäischen, vor allem französischen Hochkultur ebenso zu Hause wie in der orientalisch-islamischen Tradition. Man stelle sich einen Proust vor, bei dem nicht Klavier- und Violinsonaten, sondern den Sehnsuchtstönen der türkischen Rohrflöte gelauscht wird. War in den Romangesprächen eben noch von Wagner, Debussy oder Brahms die Rede, so wird bald darauf ausgiebig debattiert über osmanische Kunstmusik und türkische Volkslieder - Kompositionen wie "korallengerahmte Spiegel aus alter Zeit". Der Leser verzichtet hier aufs Mitspracherecht und ist dann einige Kapitel später wieder mit von der Partie.

Der Roman ist weniger nach Maßgabe einer spannenden Fabel als nach musikalischen Prinzipien organisiert. Musik ist Katalysator seelischer Zustände; sie ist Mystik mit Tönen, soziales Ereignis und bevorzugtes Gesprächsthema. Wenn Pathos neuerdings wieder im Trend liegt, dann kommt dieser Roman vielleicht zur rechten Zeit an die deutschen Leser. "Seelenfrieden" ist kein perfektes Meisterwerk, sondern eine herausfordernde, mitunter sperrige, immer wieder aber auch faszinierende Lektüre. Ein gewisses Interesse an der Türkei und ihrer Kulturgeschichte, die uns in vielem fremder ist, als es bei der Pamuk-Lektüre scheinen will, sollte der Leser allerdings mitbringen.

Ahmed Hamdi Tanpinar: "Das Uhrenstellinstitut". Roman. Aus dem Türkischen übersetzt von Gerhard Meier. Hanser Verlag, München 2008. 429 S., geb., 24,90 [Euro].

Ahmed Hamdi Tanpinar: "Seelenfrieden". Roman. Aus dem Türkischen übersetzt von Christoph K. Neumann. Unionsverlag, Zürich 2008. 571 S., geb., 22,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008, Nr. 241 / Seite L9
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