25.04.2009 · Er wird vielleicht am Ende noch gebraucht: In seinem neuen Gedichtband „Rebus“ macht Hans Magnus Enzensberger Inventur und begreift die Wirklichkeit als Rätsel.
Von Richard KämmerlingsHans Magnus Enzensberger ist ein Kind der Kriegs- und Nachkriegszeit. Geboren 1929 (im November feiert er seinen achtzigsten Geburtstag), hat sich die karge Trümmerwelt der vierziger Jahre tief in seine Erinnerung gebrannt, wobei er in der Zerstörung die Chance auf den Neubeginn erkannte. Aufgewachsen im Ende 1944 schwer verheerten Nürnberg, der „Stadt der Reichsparteitage“, sieht Enzensberger die Diktatur, ihre Schranken und Zwänge im Bombenhagel untergehen; die mageren Schwarzmarktjahre erlebt er als Aufbruch; den materiellen Verheißungen des Wirtschaftswunders steht er hingegen, in seinen ersten epochalen Lyrikbänden ist es nachzulesen, distanziert bis angewidert gegenüber.
Man muss an diese Anfänge erinnern, weil man sonst dazu neigt, die Brüche und Widersprüche übermäßig zu betonen in dieser kurvenreichen, das Zickzack zum Programm erhebenden Biographie. Bei der Lektüre seiner neuesten Gedichte sieht man sich mitunter in die Zeit des Kahlschlags zurückversetzt: „Hier, in dieser Zelle, / bist du willkommen, / solange du zahlen kannst. / Da ist die Seife, der Stuhl, / das leere Bett, der offene Koffer, / das Röhrchen mit den Tabletten. / Die müde Kunst, / die dich pink angähnt, / ein Telefon, das nicht klingelt – / das ist alles.“ Günter Eichs „Inventur“ gibt diesem „Holiday Inn Blues“ die Richtung vor.
Sichtung der Bestände
Doch wo Eichs Bestandsaufnahme am Ende in den dichterischen Neuanfang führt, in die mühsame, aber unumgängliche Wiedererschaffung der Welt mit simpelstem Demiurgenwerkzeug („die Bleistiftmine“, „mein Notizbuch“), da denkt Enzensbergers lyrisches Du an Selbstmord „in der gelblichen Badewanne“, der allerdings „nicht höflich“ wäre: „Am Ende, wer weiß, / wirst du vielleicht noch gebraucht?“
Das klingt alles andere als selbstgewiss, doch auch ein bisschen kokett. Das Alter zwingt zu einer peniblen Sichtung der Bestände, auch des eigenen Körperzustands („Das letzte Hemd“), doch sind Enzensbergers Temperament und Sprachwitz weit davon entfernt, vor den Mühen des Alters zu kapitulieren – in der Gewissheit, gebraucht zu werden unter anderem als lyrischer Stichwortgeber zur geistigen Situation der Zeit.
Helden des Rückbaus
Vanitas-Motive gibt es im neuen Band viele. Die Ängste vor Demenz und Tod führen zu einer Reprise des Bilanztons der Nachkriegsjahre, allerdings ohne die (wie immer fragile) Zukunftsgewissheit der Kriegsheimkehrer von damals. Rückbau ist das Thema, Reduktion von Komplexität. „Wenn wir den Rückzug antreten / in die gekachelte Einsamkeit, / kehrt, was wir verloren haben, / wieder: Fassung, Konzentration, / Entspannung“, heißt es in einem Gedicht, das ganz dem Stuhlgang gewidmet ist („Wo sich Pilatus die Hände wusch“).
Solche Körperlichkeit ist ungewohnt beim Gedankenlyriker Enzensberger, wird aber schon deswegen nicht peinlich, weil auch solche Selbstbeobachtungen an Sprachreflexionen zurückgebunden werden. Einfachheit ist Trumpf. Wozu etwa „Transurane“, wenn es auch die „alten vier“ Elemente tun: „,Haben Sie Feuer?‘ – ,Bitte sehr.‘ / Ein Glas Wasser, nur selten / wird es dir einer verweigern. / Luft schnappen, immer noch / ist es ohne Kreditkarte möglich, / und auch die Schaufel Erde / auf deinen Gebeinen, wenigstens / für dich ist sie gratis.“
Lob der Wiederholung
Nur Spott hat Enzensberger übrig für die digitalen Unsterblichkeitsvisionen eines Ray Kurzweil: „Falls er uns überleben sollte, geschrumpft / auf einen winzigen Prozessor: / Wir hätten nichts dagegen.“ Rein virtuelles Vegetieren ist zuviel der Reduktion, besteht Leben doch überwiegend aus den „unscheinbaren Wiederholungen“, dem „Kochen, Waschen, Treppensteigen“, die unentbehrlich sind verglichen mit der Flüchtigkeit von „Meinungen“ und „Werken“. Auch das ist kokett, sicherlich, aber auch Resultat von Erfahrungen, die für Enzensberger stets als Korrektiv idealistischer Überhöhung dienen.
Das Leben bleibt ein Rätsel, das „Rebus“ des Titels, und noch mehr das Bewusstsein, zumal sich die verschwenderischen Götter, denen es „auf ein paar Milliarden Milchstraßen hin oder her“ gar nicht ankommt, um uns nicht scheren („Ohne Rücksicht auf Verluste“). Religiöse Themen klingen mehrfach an, jedoch mehr in der Form des Agnostizismus. Fest steht nur: „Geizige Götter gibt es nicht.“ In „Unwahrscheinlich“ heißt es: „Da fragt man sich, ob wir jemals begreifen werden, wer oder was mit uns würfelt.“
Das lyrische Wir
Dieses „wir“, die auffälligste lyrische Sprechweise Enzensbergers, umfasst hier das Menschheitsganze. Es gibt aber sogar einen Zyklus, der direkt „Erste Person Plural“ betitelt ist und dem Leser die größten Rätsel aufgibt. „Wer zu uns gehört und warum, / und wie viele wir sind: / ein gut gehütetes Geheimnis. / Wir wissen es selber nicht.“ Ausdrücklich (und recht schulbuchhaft) werden auch in dem kurzen Prosastück „Selbstgespräche eines Verwirrten“ die Kategorien „wir“ und „die anderen“ ad absurdum geführt.
Wem aber gelten dann die zeit- und kulturkritischen Seitenhiebe dieser gar nicht altersmilden Texte? „Alle die Pendler da draußen, / hungrig in ihre weit entfernten / Premieren eilend, beneideten uns.“ Oder: „Die Funkstreife hämmerte an die Tür, / aber sie wollte nur unsere Bärte kontrollieren.“ Oder: „Wir aber, statt die Türen aufzubrechen, / nahmen das alles klaglos hin.“ Oder: „Die meisten von uns waren beschäftigt / mit ihren Bandscheiben, / oder sie hatten ihre Geheimzahl vergessen.“ Beispiele aus vier verschiedenen Gedichten, die sich vielfach vermehren ließen. Indem Enzensberger die Sprecher veruneindeutigt – seine Generation, die Bundesbürger, die Besserverdienenden? –, wird auch der Adressat der unterschwelligen Kritik diffus.
Spätkapitalismus im Visier
Was aber als Unverbindlichkeit erscheinen könnte, als Verweigerung, Ross und Reiter zu nennen, ist eine treffende Beschreibung einer politischen Gemengelage, in der Zuständigkeiten und Verantwortungen verwischt werden – bis hin zur Finanzkrise, in der man schließlich selbst eine Kollektivschuld auf der Kreditkarte wie ein schlechtes Gewissen herumträgt. Plötzlich sieht man, wie viel junge avancierte, sozial- und medienkritische Lyriker wie Daniel Falb oder Ron Winkler bei diesem Dichter gelernt haben – und dass seine Gedichte auch in ihrem Formanspruch immer noch auf der Höhe der Gegenwart sind, die man heute wieder ohne Ironie als Spätkapitalismus beschreiben darf.
„Nur die Niederlagen sind ohne Zweifel“, heißt es in dem Langgedicht „Coda“, das den Band beschließt und (soweit es dieser sphinxhaften Erscheinung möglich ist) sogar eine vorläufige Lebenssumme zieht. Enzensberger kommt uns auch heute nicht mit langweiligen oder dubiosen Gewissheiten, sondern mit bohrenden Fragen und einem mitreißenden Dennoch.