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Elke Heidenreich, Tom Krausz: Dylan Thomas : Wie damals in Gelsenkirchen!

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Bild: Verlag

Wörter als Glockentöne: Ein Reisebuch mit Texten von Elke Heidenreich und Fotos von Tom Krausz macht sich auf die Suche nach dem Geheimnis von Wales - der Landschaft, die dem großartigen Dichter Dylan Thomas eine Heimat war.

          Damals wurde ein Genie immerhin noch neununddreißig Jahre alt. Mittlerweile scheint sich die Zahlenmagie des „Club 27“ ja derart selbsterfüllend zu bestätigen, dass man Ausnahmetalenten wünschen muss, den Durchbruch ihrer Kunst erst jenseits dieser Altersgrenze zu erleben. Mit Rock- und Soul-Legenden wie Jim Morrison und Amy Winehouse hat der Dichter Dylan Thomas (1914 bis 1953) wirklich einiges gemein. Nicht nur feierte er das Ungestüme, Wilde, Exzessive eines kreativen Lebens mit der Sucht, die ihm die künstlerischen Energien gleichermaßen gab wie raubte; auch war es stets die magische Musik von Sprache, der Eigenklang der Wörter und der irre Rhythmus ihrer Fügungen, was ihn so sehr faszinierte, dass er sie in seinen Texten einfangen und selbst gestalten wollte: „Für mich waren diese Wörter wie Glockentöne, wie Klänge von Musikinstrumenten, wie das Rauschen von Wind, Meer und Regen, wie das Rattern der Milchkarren, das Klappern der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster.“

          Eine Generation später wäre Dylan Thomas Rock-Idol geworden. So wurde er Popliterat, bevor diese Bezeichnung existierte, füllte bei Auftritten die Hallen, riss Leser wie Hörer hin, nutzte souverän die neuen Medien wie Radio und später Fernsehen und ließ kaum eine Gelegenheit aus, sich als genialisch Getriebener wirkungsvoll in Szene zu setzen. Dabei zeugen viele der Gedichte von der unerhörten Akribie und subtilen Raffinesse, mit der er stets sein Schreibhandwerk begriff und betrieb: „Mein Handwerk meine trotzige Kunst“ heißt einer dieser dichterischen Selbstverständigungstexte, mit dem er den Ertrag seiner nächtlichen Mühen ausgerechnet denjenigen widmet, die daran am wenigsten Interesse haben, jungen Liebespaaren, die sich nachts einfach nur in den Armen liegen wollen. Bei Thomas paaren sich Formenstrenge mit irrwitzigen Wortspielen, surrealistische Sprachalchemie mit balladenhafter Wucht, bukolische Naturbeschwörung mit bizarrer Kleinstadtpoesie - und alle Anstrengung zur Kunst versteckt er trotzig hinter einer Maske strenger Unbekümmertheit. Vielleicht ist diese List der Grund, warum so viele Künstler - die Beatles, Richard Burton und Bob Dylan sind nur einige von ihnen - ihn zu ihrem Idol gemacht haben.

          Reise-Essay mit Fotografien

          Jetzt laden Elke Heidenreich und Tom Krausz zu einer biographischen Spurensuche nach Wales ein. Nachdem schon ihr früheres Buch von Reisegeschichten „Mit unseren Augen“, das die Autorin und der Fotograf gemeinsam gestaltet haben, ein Kapitel über Poesie in Wales enthielt, reisen sie jetzt abermals zu den Orten, an denen Hinterlassenschaften - einige Häuser oder Schreibschuppen, schroffe Küstenlinien, karge Hügel, triste Stadtkulissen, viele Pubs und ein schlichtes weißes Holzkreuz - dieses wüsten Dichterlebens aufzufinden sind. Krausz' Bilder fangen diese Anblicke, ergänzt um historische Aufnahmen, mit so viel Empathie entschlossen ein, als wollten sie die Gegenstände oder Landschaften förmlich nötigen, die Aura des Geheimnisses, aus dem ein großer Dichter schöpfen mochte, preiszugeben. Zumeist in vorsätzlich nostalgischem Schwarzweiß gehalten und so grobkörnig reproduziert, dass die Kontraste unscharf und die Konturen verschwommen wirken, sollen sie das Rauhe, Ungeschliffene von Thomas' walisischer Heimat zwischen Industrieruinen und keltischer See wiedergeben. Auch die Farbaufnahmen sehen mit verblassten Farben ganz so aus, als stammten sie aus alter Zeit. Doch im Grunde zeigen solche Bilder nur, dass für Dylan Thomas, der kein Wort Walisisch konnte, die Herkunftsorte, denen er sich so verbunden wusste, zugleich solche waren, wo er sich fremd fühlen musste.

          Dazu liefert Heidenreich einen lockeren Reise-Essay, der ihre Eindrücke vor Ort anhand von eigenen Erinnerungen übermittelt („Hier sieht es aus wie damals in Gelsenkirchen“) und in die Kniffe lyrischer Dichtkunst einführt. Zum Glück jedoch umrahmt ihr Text auch eine Reihe der bekanntesten Gedichte, die in zweisprachiger Fassung und mit Auszügen aus autobiographischer Prosa sowie Erinnerungen von Thomas' leidgeprüfter Witwe Caitlin präsentiert werden. Das macht ungeheuer Lust auf mehr Lektüre dieses wunderbaren Autors.

          Elke Heidenreich, Tom Krausz: „Dylan Thomas“. Waliser, Dichter, Trinker. Knesebeck Verlag, München 2011. 164 S., 93 Abb., geb., 29,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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