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Elke Heidenreich: Ein Traum von Musik : Das ist meine Musik

Bild: Verlag

Elke Heidenreich ruft allerhand Bekannte, Freunde, Weggefährten und sogenannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf, Auskunft zu geben über die „Musik ihres Lebens“.

          Im vorigen Herbst kamen die ersten Musikbücher der „Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann“ heraus. Jetzt sind es bald mehr als ein Dutzend. Gratulation! Denn auch, wenn es nicht jedem einzelnen Buch dieser bunten Reihe gelang, zu einem Riesenärgernis oder einer Riesenfreude zu werden (oder wenigstens die superlativtrunkene Atemlosigkeit der Vorankündigungen einzulösen), so ist doch schon allein die blanke Tatsache, dass es diese Musikbuch-Edition überhaupt gibt, Grund genug für ein rauschendes Fest. Sie blüht und gedeiht, sie ist zu einer Institution geworden; freudig stellt die Herausgeberin Heidenreich das Unterhaltsame neben das Pathetisch-Erhabene, sie flankt über alle Genre-Zäune, mixt Reprints mit Entdeckungen, Romane mit Sachbüchern. Und vergleicht man das, was sie in Bewegung gesetzt hat, mit den Erträgnissen, die die ehrwürdigen alten Musikverlage, Bärenreiter und Schott, Sikorski oder Henschel, alljährlich überhaupt noch in der Lage sind, zu stemmen, wird klar: Heidenreichs Edition ist gerade dank ihrer Vielfalt schön, wegweisend erfolgreich.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Jetzt meldet sich, zum einjährigen Geburtstag ihrer Buchreihe, die Herausgeberin selbst zu Wort. Elke Heidenreich schreibt nämlich, als Vorwort, die erste von sechsundvierzig Beichten auf für ein Lesebuch, das den Titel trägt: „Ein Traum von Musik“ und allerhand Bekannte, Freunde, Weggefährten und sogenannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aufruft, Auskunft zu geben über die „Musik ihres Lebens“. Wo soll man da anfangen, wo aufhören?

          „Es ist kein schlimmes Schicksal, unmusikalisch zu sein“

          „,Musik meines Lebens‘ Herrgottsakra!“, ruft da beispielsweise der Autor Nr. 33 aus, der Bariton Thomas Quasthoff, in halb gespielter, halb sicherlich auch echter Verzweiflung – und schlüpft schon im nächsten Absatz durch alle Maschen: verfehlt absichtsvoll das Thema, spricht statt über den Elefanten (grau) lieber über die Maus (auch grau) oder vielmehr umgekehrt, erzählt Wissenswertes über den späten Haydn, seine Reise nach London und seinen Hang zum Vokalen. Auch Autor Nr. 42, der Münchner Bürgermeister Christian Uhde, versucht, sich aus der Klemme zu ziehen, indem er Kabarettfähiges über die Musik im Leben anderer zum Besten gibt: den berühmten Maestro, der nur ums Geld feilscht; den Musikkritiker, der nicht ins Konzert geht und trotzdem schreibt (nämlich bei sich und anderen ab), wobei Uhde selbst in der Rolle von Letzterem auftritt, frei nach der Liedzeile aus dem „Musikkritiker“-Song von Georg Kreisler: „Für mich macht das alles keinen Sinn, weil ich unmusikalisch bin.“

          „Es ist kein schlimmes Schicksal, unmusikalisch zu sein“ schreibt Autor Nr. 42, „aber jetzt wird gleich ein ganzes Buch vollgeschrieben von Musikliebhabern, die in Glücksgefühlen baden, wenn der Pianist empfindsamer, das Orchester reifer und der Chefdirigent noch teurer geworden ist. Gleich ein ganzes Buch! Ist das nicht furchtbar?“ Ja, es ist furchtbar und es ist furchtbar schön zugleich. Denn diese Beichten und Bekenntnisse sind so pathetisch und unterhaltsam, so offenherzig und zugeknöpft, so regenbogenbunt, vielfältig und disparat, wie die Edition Heidenreich selbst es ist. Es handelt sich gewissermaßen um das nachgelieferte Manifest zur Reihe. Man kann sich gar nicht satt lesen daran.

          Ernst, Satire, Ironie

          Gleich zu Anfang ist zu erfahren, dass sich Elke Heidenreich, seit sie als Elke Helene Rieger in Essen zur Schule ging, immer wieder vorzugsweise in Musiker verliebt hat, bis heute. Wir erfahren, dass Campino vier Jahre lang auf die Musikschule in Mettmann ging, um Trompete zu lernen, auf Wunsch seiner Mutter, was ihm nicht viel brachte, aber ihm auch keineswegs geschadet hat. Autor Nr. 24, der Dichter und Büchermacher Michael Krüger, ist so schlau, nur ein kurzes, feines, kleines, kryptisches Gedicht abzuliefern über Schubert und das Sterben. Autor Nr. 9, der Komponist und hochverehrte Musikwissenschaftler und Tonsatzlehrer Friedhelm Döhl, nahm es mit der Themenstellung „Musik meines Lebens“ so genau, dass er alles, was er selbst so komponiert hat, auflistet und erläutert: eine Selberlebensbeschreibung inklusive Werkverzeichnis.

          So spannt sich, zwischen Ernst, Satire, Ironie, ein herrlich breiter Bogen, aus allen Seiten singt und klingt etwas. Alle prominenten Mitarbeiter dieses Projekts zu würdigen, ja, sie nur aufzuzählen, ist hier gar nicht möglich. Leichter ist es zu sagen, wer fehlt: Marcel Reich-Ranicki, Thomas Gottschalk. Eine der am besten geschriebenen, zugleich die rührendste, schönste Musikgeschichte überhaupt hat die Laufnummer 3: Da erzählt Senta Berger mit großer Liebe und ungeahnter Wortwucht von ihrem Vater und von der Musik, die er in seinem Innersten hatte vergraben müssen.

          Elke Heidenreich: „Ein Traum von Musik“. 46 Liebeserklärungen. Edition Elke Heidenreich im C. bertelsmann Verlag. München 2010. 381 S., geb., 19,95€.

          Quelle: F.A.Z.

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