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Elke Heidenreich / Bernd Schroeder: Alte Liebe Im Zweisitzer bergauf beschleunigen

Sie können es noch: Elke Heidenreich und Bernd Schroeder raufen sich literarisch zusammen und lassen ihr gemeinsam alt gewordenes und jung gebliebenes Romanpärchen munter über Gott, die Welt und die Literatur räsonieren.

© Verlag Vergrößern

Kinder, Männer, Alte: lesen! Sonst ergeht es euch wie Laura, dem quengeligen, unerträglich verzogenen Nintendo-Kind, das immer bäh sagte, wenn Oma Lore mit ihr scrabbeln oder Dr. Dolittle lesen wollte. Oder wie Harry, Lores Mann in guten wie in schlechten Tagen: Der knuffige Brummbär schlug alle Warnungen der häuslichen Stiftung Lesen („Du liest nicht, du interessierst dich nicht, du verblödest“) in den Wind. Lieber wollte er gärtnern, golfen und Weizenbier trinken als ein gutes Buch zur Hand nehmen oder seine Lore zur Lesung von „Martin“ (Walser) begleiten.

Am Ende ist sein geliebter Quälgeist tot, und er kann nur noch in einem letzten Akt von Pietät und nachgetragener Liebe ihre Lieblingsbücher lesen. Ohne Bücher keine Erziehung, keine Liebe, kein Glück. Mit Büchern allerdings auch nicht. Selbst Lore, die engagierte Bibliothekarin, wurde zuletzt des Lesens nicht mehr froh. Immer nur Vampirromane, Tintenherz und Tintenschmerz, Fräuleinliteratur („Schaumschlägerei“), Daniel Kehlmann („Tüftelliteratur“) und altersgeile Männerphantasien: „Mir macht mein Beruf keinen Spaß mehr. Die Bücher sind nicht mehr das, was sie mal waren.“

Die Arbeitsgemeinschaft bleibt

Selbst Martin ist nicht mehr der Alte: Kritik verträgt er nicht mehr, beim Italiener sackt er vor Lores Augen in sich zusammen: „Das gab’s früher nie. Ich war immer so glücklich mit meinen Dichtern.“

Die alte Liebe zur Literatur kann rosten, die zwischen Elke Heidenreich und Bernd Schroeder nicht. „Wir hatten zwanzig glückliche Jahre, fünf tapfere, zwei grauenhafte und jetzt unseren Frieden“, rechnete Heidenreich kürzlich in „Brigitte“ vor. Von der ehelichen blieb nur die Arbeitsgemeinschaft; aber gemeinsames Schreiben kann auch Versöhnung stiften. Vor sieben Jahren, in „Rudernde Hunde“, hatten die beiden ihre komplizierte Beziehung schon einmal in Stereo-Geschichten umschrieben. Jetzt fabulieren sie in einem Roman gemeinsam aus, was aus ihnen geworden wäre, wenn sie sich nicht 1995 im Guten getrennt hätten: ein altes Ehepaar, das sich auseinanderlebt und sich wieder zusammenrauft, bis dass der Tod es scheidet. „Alte Liebe“ hat das Paar nicht wieder zusammengebracht, aber doch so weich und wehmütig gestimmt, dass sie im Nachhinein fast bedauern, dass nur im Buch kein Blatt Papier zwischen sie passt.

Auch ein Sparflamme spendet Licht

Man hätte so schön zusammen alt werden können, die umtriebige Literaturbetriebsnudel und der gemütliche pensionierte Baurat. Aber schon beim Frühstück, wenn die Zeitung in Feuilleton und Sportteil zerteilt wird, beginnt das Gestichel: Er ist genervt von seiner anstrengenden „Kulturschaffenden“, sie empört über die langweilige Selbstzufriedenheit des Kulturmuffels. Nach vierzig Jahren Ehe ist das Feuer weitgehend erloschen, aber selbst eine Sparflamme spendet noch Licht, Asche noch ein bisschen Wärme. Bevor der Zusammenstoß der Temperamente und Kulturen sich zum Scheidungsdrama verschärft, nehmen sich beide in Erinnerung an bessere Zeiten zurück oder auch mal zärtlich in den Arm.

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Veröffentlicht: 11.09.2009, 15:33 Uhr