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Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer : Es ist nicht gerecht, aber gut

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Elizabeth Strouts Roman „Mit Blick aufs Meer“ ist, auch in erzählerischer Hinsicht, konservativ im besten Sinne: warmherzig, anrührend, lebensklug, aber nie sentimental oder weltfremd. Wo ihrem Landsmann John Updike die Affären und Alltagstragödien seines neuenglischen Bürgertums vorzugsweise mit männlich-phallokratischem Blick aufs Meer beschrieb, schreibt Strout - mit ähnlich feiner Ironie und literarischer Eleganz, aber mehr Mitgefühl und weniger religiöser Inbrunst - aus der Perspektive älterer Frauen, die wissen, wo der Hüfthalter drückt und wie kleine Gehässigkeiten wirken. Sie hebt die Deckel der Seelen und Dächer der Häuser und findet überall: verlorene Illusionen, begrabene Leidenschaften und tief darunter die verzweifelte Sehnsucht, lieben zu dürfen und geliebt zu werden.

Liebe darf nicht leichtsinnig abgewiesen werden

Elizabeth Strouts wunderbarer Roman, 2009 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, ist eigentlich eine Sammlung von Erzählungen, die sich über mehr als zwanzig Jahre erstrecken. Olive ist mal Haupt-, mal Nebenfigur, aber immer Herz und Seele der Geschichten. In „Flut“ rettet sie einem ehemaligen Schüler das Leben, indem sie ihn so lange mit Erinnerungen und Klatsch zuquasselt, bis der Mann seine Selbstmordpläne vergisst. In „Hunger“ kann sie zwar nicht die magersüchtige Nina retten, aber wenigstens ihrer Freundin Daisy zu einem späten Glück verhelfen: Ihretwegen verlässt Harmon, der wackere Heimwerker, seine Frau, die „Zentralheizung seines Lebens“. In „Reisekorb“ tröstet Olive das arme Dummchen Marlene, die gerade ihren Mann verloren hat und hilflos mit ansehen muss, wie ein junger Taugenichts ihre Cousine verführt; dabei beneidet die große Kümmererin die Jugendlichen um ihre provozierende Unbekümmertheit.

Nein, „es ist nicht gerecht“: Das Leben beschenkt die Jungen mit einem Glück, mit dem sie nichts anzufangen wissen, und nimmt den Alten selbst den kümmerlichen Trost ungehorsamer Kinder und siecher Ehepartner. Am Ende, in „Fluss“, wird Olive doch noch für ihre ruppige, selbstlose Liebe belohnt: Jack Kennison, ein Republikaner, den sie immer für einen aufgeblasenen Schnösel hielt, holt sie aus ihrer mit Gift und Galle imprägnierten Resignation. „Was doch die Jungen alles nicht wussten, dachte sie, als sie sich neben diesen Mann legte und er sie an der Schulter berührte, oh, was die Jungen alles nicht wussten. Sie wussten nicht, dass unförmige, alte, verschrumpelte Körper so hungrig waren wie ihre eigenen, festen Leiber; dass Liebe nicht leichtsinnig abgewiesen werden durfte, als wäre sie ein Törtchen auf einem Teller von Süßigkeiten, der immer wieder herumgereicht wird. Nein, wenn Liebe zu haben war, dann griff man entweder zu, oder man griff nicht zu. Und ihr Teller war randvoll gewesen von der Güte Henrys, aber sie hatte darüber die Nase gerümpft, hatte immer wieder entnervt ganze Brocken weggeworfen, alles nur, weil sie nicht begriff, was eigentlich jeder Mensch begreifen sollte: dass so Tag um Tag unter den Fingern zerrann.“

So feiert Elizabeth Strouts Hymne ans Leben nicht nur die jubelnde, verschwenderische Fülle der Jugend, sondern auch die melancholische Weisheit des Alters, das letzte Aufbäumen der morschen Liebesknochen im Angesicht des Todes. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, kleben die alten Ehepaare zusammen wie „zwei zusammengeklappte Scheiben Schweizerkäse“, aus denen das Leben große Löcher herausgefressen hat. Kein Grund, die Nase zu rümpfen oder die Hoffnung aufzugeben. „Was hatten sie noch, außer einander“, heißt es in „Winterkonzert“, „und was blieb, wenn nicht einmal darauf Verlass war?“

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