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Eine tröstliche Form von komplettem Irrsinn

12.08.2007 ·  Ihre Kunst wurde gelobt, ihr Spielfilm gefeiert, jetzt schreibt sie auch noch tolle Kurzgeschichten: Wer ist Miranda July?

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Miranda July ist eigentlich nie die Person, für die man sie gern hielte, wenn man gerade angefangen hat, sich für sie zu begeistern: Vor ein paar Jahren, als sie ihre ersten Performances und Videos zeigte, hieß es, sie sei eine außerordentlich begabte Künstlerin, von der noch viel zu erwarten sei, und die Kritiker, die das schrieben, dachten dabei vermutlich an weitere Performances und Videos. Was dann allerdings kam, war ein Spielfilm. "Me and You and Everyone We Know", in dem Miranda July eine erfolglose Künstlerin spielt, wurde 2005 mit der Goldenen Kamera in Cannes ausgezeichnet, und als alle dachten, sie habe mit diesem erstaunlichen Film ihre Bestimmung als Regisseurin gefunden, produzierte sie noch einen sehr kurzen Kurzfilm und schrieb dann einen Erzählungsband mit dem Titel "No One Belongs Here More Than You", der gerade erschienen ist und von der amerikanischen Kritik als Offenbarung gefeiert wird.

Der Kurzfilm trägt den Titel "Are You the Favorite Person of Anybody?" und kann im Internet besichtigt werden. Man sieht in diesem Film den Schauspieler John C. Reilly, der auf der Straße steht und eine Umfrage macht, allerdings - und das ist typisch für Julys lakonische, überdrehte, warmherzige Kunst, den traurigen Alltag in einer tröstlichen Form von komplettem Irrsinn aufzulösen - eine Umfrage zu der bösen, existentiellen Frage "Are You the Favorite Person of Anybody?"; und was dabei passiert, ist genauso traurig wie komisch und so absurd wie schön.

Und jetzt das Buch. Der Titel "No One Belongs Here More Than You" ist typisch für July; erst wirkt er überschwänglich romantisch, bis man darauf kommt, dass er, auf dem Sofa gesagt, ganz anders wirkt, als wenn "here" ein Friedhof oder ein Gefängnis ist: Das sind die Widerhaken, die man bei Julys Kunst nicht übersehen sollte.

Dave Eggers, der spätestens seit seinem Roman "What Is the What" als einer der wichtigsten jungen amerikanischen Schriftsteller gilt, erklärte, eine so "originelle Stimme" sei "in der amerikanischen Literatur seit vielen Jahren nicht aufgetaucht", und lobte Julys Buch als "unglaublich charmant, wunderschön geschrieben, zum Totlachen komisch und gleichzeitig tiefgreifend". Diese Begeisterung ist kein Zufall. Nach einer Generation von Schriftstellern wie Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides kommt im Gefolge von David Foster Wallace jetzt eine Gruppe von Autoren, die die amerikanische Short Story neu beleben will, und es ist kein Wunder, dass eine ihrer interessantesten Figuren den Umweg über die bildende Kunst nimmt und die Erfahrungen von Fluxus und Performance in die Literatur einschleppt.

Miranda July, die eigentlich Miranda Jennifer Grossinger heißt, wurde 1974 in Barre, Vermont, geboren, einem grauen Ort nahe der kanadischen Grenze, der als "Welthauptstadt des Granits" gilt und entsprechend aussieht. Als sie ein Kind war, zog die Familie nach Kalifornien, später studierte July Kunst in Portland, Oregon. Vor ein paar Jahren erfand sie zusammen mit dem Künstler Harrell Fletcher eine Website mit dem Titel learningtoloveyoumore.com, auf der Vorschläge gesammelt werden, wie man sich selbst und sein Leben zu lieben oder wenigstens besser auszuhalten lernt - von "Schreibe eine Presseerklärung zu einem alltäglichen Ereignis" über "Fotografiere mit einem Blitz unter dein Bett" bis zu "Mache eine Kunstausstellung im Haus deiner Eltern".

Humor und Pathos

Herausgekommen ist ein Sammelsurium von Bildern, die dokumentieren, was passiert, wenn Leute ihr Leben für einen Moment zum Kunstwerk umbauen oder wenigstens als Kunst betrachten. Das wirkt manchmal großartig, manchmal ein bisschen kitschig und ein bisschen sehr darauf bedacht, die anarchische Kunst der sechziger Jahre zu reaktivieren, die aufs Mitmachen, auf die Verwandlung "des Betrachters zum Akteur" aus war, wie das damals hieß - aber immerhin hatte July hier ihr Thema und einen Ton gefunden. Wenn dieses Projekt und das Buch etwas mit Julys Film verbindet, dann die Art, in der July die Realität so lange scharfstellt und durchleuchtet, bis sie immer irrer, unschärfer und schöner erscheint, und die Figuren, die so stolpernd nach Liebe suchen wie Leute in einem dunklen Raum nach dem Lichtschalter.

"Me and You and Everyone We Know" ist die Geschichte eines verzweifelten Schuhverkäufers, dessen Ehe kaputtgegangen ist. Der Schuhverkäufer will, während seine Frau die Umzugskartons packt, seine Kinder, die apathisch am Fenster stehen, zum Lachen bringen und vielleicht auch seine Frau zurückerobern; er will einen Zaubertrick vorführen, die "brennende Hand", aber leider nimmt der den falschen Spiritus und läuft deswegen über große Teile des restlichen Films mit einem sehr dicken Verband am Arm herum: Ein Mann, unter Schock von dem Unfall, der sein Leben ist. "Was ist Ihnen denn da passiert", fragt ihn die Künstlerin später, als sie sich kennenlernen, und er fragt zurück: "Wollen Sie die kurze oder die lange Version?" - "Die lange." - "O.k. Ich habe versucht, mein Leben zu retten, aber es ging schief." - "Und wie ist die kurze Version?" - "Ich habe mich verbrannt."

Diese Verknotung von Komik und Tragik verleitete bei der Vorführung des Films bei einem Kunstfestival in Oslo vor zwei Jahren eine unter Tränen stehende amerikanische Zuschauerin zu der schönen Bemerkung über Miranda July, sie sei "a real Mensch". Natürlich ist Julys Film dabei auch immer ein Feldversuch zur Frage, was Kunst im Leben normaler Menschen anrichten oder ändern kann, was ihn dann manchmal auch etwas anstrengend macht. Dem Kitsch, der bei so viel Empathie immer droht, entkommt July meistens aber durch eine besondere Form von Slapstick: Als in "Me and You . . ." die Künstlerin ins Kaufhaus fährt, um dem Schuhverkäufer etwas zu gestehen, begegnet sie dessen Frau, greift nach einem Bilderrahmen für Familienfotos, der auf Knopfdruck "I love you" sagen kann, drückt der Frau den Rahmen in die Hand und rennt davon. Nach dieser Begegnung sitzt sie in ihrem Auto, bekommt einen Nervenzusammenbruch und schreit "Fuck!", und weil das auch nichts hilft, schreibt sie, wie zur Bestätigung ihrer Lage, mit einem Edding "Fuck" in die Windschutzscheibe ihres Autos.

Und jetzt die Geschichten in "No One Belongs Here More Than You": Wieder sind es Einsame, Überforderte, emotionale Sisyphosfiguren, die die seltsamsten Gefühlsloopings machen. In der Geschichte "The Shared Patio" geht es um einen gemeinsam genutzten Innenhof, den die Erzählerin mit dem koreanischen Art Director Vincent Chang und dessen Frau teilt, die sich dort mehr breitmachen, als es ihnen zusteht. Was passiert, als Vincent einmal allein im Hof sitzt, ist zugleich Verteidigung des gemieteten Terrains und Annäherung. "Ich hatte eine Idee: Ich könnte dort zusammen mit ihm sitzen. Ich zog Shorts an und cremte mich mit Sonnenöl ein. Obwohl es Oktober war, war mir sommerlich zumute. In Wirklichkeit war es allerdings ziemlich windig, und ich musste zurückrennen, um einen Pullover zu holen. Ein paar Minuten später rannte ich noch mal hoch, um mir Hosen zu holen. Schließlich saß ich in einem Liegestuhl neben Vincent und schaute zu, wie das Sonnenöl durch den Stoff meiner Hose sickerte." Slapstick und Drama, Versprechen und Katastrophe liegen so dicht beieinander, dass man sie am Ende nicht mehr auseinanderhalten kann: Vincent und sie schlafen schließlich Schulter an Schulter ein und werden von Helena, Vincents Frau, geweckt. In "Making Love in 2003" besucht eine junge Schriftstellerin ihren Verleger, aber der hat den Termin vergessen, seine Frau bittet die Autorin, wieder nach Hause zu fahren, aber die Autorin hat kein Zuhause mehr, sondern alles, was in ihrer Wohnung war, in ihr Auto verfrachtet, das jetzt, wie eine Aufforderung, vor der Tür des Verlegers steht. Die Situationen in Miranda Julys Geschichten erinnern manchmal an Woody Allen, die Sprache an die experimentierfreudige Hektik von schnell hingetippten E-Mail-Korrespondenzen - und zeigen, dass aus dem bejammerten Verfall der Sprache im Internet sogar literarisches Potential für einen neuen, beschleunigten Sprachminimalismus steckt.

Echte Liebe

Natürlich muss man sich bei July, die, anders als andere Künstler, nicht verschiedene Themen in einer Sparte bearbeitet, sondern ein Thema durch Filme, Videos und Bücher zerrt, fragen, was als Nächstes kommt. Vielleicht Musik? Schon jetzt kann man sie auf Youtube.com in einem schönen Musikvideo der Indie-Band "Blonde Redhead" sehen, wo sie wie eine Legetrick-Puppe im Sekundentakt das gesamte Gebärdenarsenal der Kunst- und Tanzgeschichte vorführt, nur dass das hier nicht mehr nach Kunstgeschichte, sondern nach seltsamen Bastelanleitungen für das richtige Leben aussieht.

Das ist vielleicht das Erstaunlichste an July und dieser neuen, in Los Angeles und San Francisco ansässigen kalifornischen Bewegung, zu der auch die Performance-Künstlerin Trisha Donnelly und der Schriftsteller Dave Eggers gehören - dass sie etwas haben, was der deutschen Literatur und auch dem deutschen Film leider meistens fehlt: die Mischung aus Pathos und Humor, eine echte Liebe zu ihren Figuren. Wenn man die Filme, Kunstwerke und Bücher von July und Eggers sieht, die von koreanischen Kreativen und griechischen Partnern, von verzweifelten Schuhhändlern, gescheiterten Popstars und sudanesischen Flüchtlingen handeln, dann möchte man jedenfalls vielen hiesigen Filmern und Schreibern ihre Werke sehr gern wieder zurückgeben, in denen es dann doch immer wieder nur um die vernieselte Melancholie einer älter werdenden, kraft- und ideenlosen Mittelstandsjugend geht, die an stillen Brandenburger Seen oder hinter brummenden Kühlschränken der Zeit beim Davontropfen zuschaut.

Der 1967 geborene Schriftsteller Ben Marcus hatte vor einiger Zeit zu einer Generalattacke auf den Literaturbetrieb ausgeholt und erklärt, Literatur könne mehr, als das neue Establishment ihr zutraue, sie könne Leben verändern, und das nicht nur für die Dauer der Lektüre. Aber die gegenwärtige Realität könne nur in einer weichen, fremden, radikalen, neu zu formenden Sprache gefasst und zum Leuchten gebracht werden. Vielleicht schafft es Miranda July, diese Sprache zu entwickeln; zuzutrauen wäre es ihr.

NIKLAS MAAK

"No One Belongs Here More Than You" ist, vorerst nur auf Englisch, im Scribner-Verlag erschienen und kostet 22 Euro. Der Bildband "Learning to Love You More" erscheint am 16. August im Prestel-Verlag, 160 Seiten, 19,95 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.08.2007, Nr. 32 / Seite 23
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